Di., 23.05.2017

Polizisten und Sachverständiger rekonstruieren den Ablauf des tragischen Falles Unfall läuft als gedanklicher Film ab

Sachverständiger Uwe Hagemann und die Hauptkommissare Karsten Leining und Manuela Handwerk (von links) nehmen die Unfallstelle in Augenschein, sichern kleinste Scherben und rekonstruieren den Unfall vom Samstag auf der Autobahnbrücke.

Sachverständiger Uwe Hagemann und die Hauptkommissare Karsten Leining und Manuela Handwerk (von links) nehmen die Unfallstelle in Augenschein, sichern kleinste Scherben und rekonstruieren den Unfall vom Samstag auf der Autobahnbrücke. Foto: Monika Schönfeld

Von Monika Schönfeld

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Es ist wie ein Puzzle. Wenn jedes Teil an die richtige Position gebracht ist, ergibt sich ein gedanklicher Film, wie der Unfall abgelaufen ist. Die Hauptkommissare Karsten Leining und Manuela Handwerk vom Verkehrskommissariat Gütersloh, und Sachverständiger Uwe Hagemann haben am Dienstag auf der Brücke des Lippstädter Weges über die Autobahn versucht, den Unfall vom Samstag nachzuvollziehen.

Wie berichtet, ist hier eine 66-jährige Frau von einem Ford-Pickup getötet worden. Der 56-jährige Fahrer hatte auch deren zehnjährige Enkelin so schwer verletzt, dass sie gestern noch in Lebensgefahr schwebte.

Der Hövelhofer war »augenscheinlich unter Alkoholeinfluss« gefahren, fuhr nach dem Zusammenstoß weiter, kollidierte etwa 500 Meter weiter an der Einmündung der Alten Poststraße mit einem Baum und wurde verletzt aus dem Auto geholt. Der Fahrer ist inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen, sein Führerschein eingezogen worden.

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Das ist ein Unfall mit besonderer Tragik.

Hauptkommissare Karsten Leining und Manuela Handwerk

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»Das ist ein Unfall mit besonderer Tragik«, sagen die beiden Polizisten. »Die Oma und die Enkelin machen einen schönen Ausflug, der hier an dieser Stelle abrupt endet. Zuhause wartet die Mutter des Mädchens, das Unglück bricht über sie hernieder. Etwas Schlimmeres kann ich mir als Vater nicht vorstellen«, sagt Karsten Leining. Seine Aufgabe sei, mit Hilfe des Sachverständigen eine Beweislage zu schaffen, die eindeutige Schlüsse zulasse.

Suche nach Spuren

»Wir arbeiten nicht mit Vermutungen. Ich war bei dem Unfall nicht dabei, der Richter nicht, der Staatsanwalt auch nicht. Wir suchen die technischen Spuren, feinste Dinge. Es passiert etwas bei einer Kollision mit den Menschen, mit den Fahrzeugen. Die Rekonstruktion des Unfalls hat hundertprozentig Beweiswert. Sie lässt sich hinterfragen, aber nicht in Frage stellen.«

Zeuge hat Todesangst

Bremsspuren gebe es bei Unfällen kaum noch, entweder weil der Fahrer nicht gebremst habe, oder das Auto mit ABS oder ESP ausgestattet sei. Der Fahrer sei in diesem Fall eindeutig zu schnell gewesen. Erlaubt ist dort Tempo 50. Der Fahrer war in der Mitte der fünf Meter breiten Straße unterwegs, der Fahrer eines entgegenkommenden Autos habe Todesängste ausgestanden. Der Unfallfahrer habe nach rechts gezogen und dort die 66-Jährige und ihre Enkelin erfasst. Der Sohn des entgegenkommenden Fahrers habe den Aufprall gesehen.

Deshalb ist es sicher, dass die beiden Ausflügler auf der Brücke neben ihren Rädern standen und den Autos unter sich auf der Autobahn zuwinkten, wie das viele machen. Beide haben einen Fahrradhelm getragen, bestätigt Karsten Leining, der am Samstag auch an der Unfallstelle war. 

Das Fahrrad des Mädchens wurde auf dem Standstreifen der Autobahn in Fahrtrichtung Paderborn gefunden. Ist es durch den Aufprall 30 Meter über die Brüstung und vier Autobahnspuren geflogen, oder hat es jemand nach dem Unfall dorthin geworfen, aus dem Weg geräumt, bevor die Polizei und die Rettungskräfte eingetroffen sind? All das muss plausibel geklärt werden. »Manchmal ist es nicht so, wie es scheint«, sagt Leining.

Grundlage für die Entscheidungen der Straf- und Zivilgerichte

Uwe Hagedorn, Sachverständiger für Unfallrekonstruktion bei der Dekra Bielefeld, geht unvoreingenommen an die Unfallstelle heran. Er weiß grob um den Sachverhalt, lässt sich die Zeichnungen, Fotos und Berichte der Polizisten zeigen, die den Unfall aufgenommen haben. Er untersucht nicht nur die Unfallstelle, sondern wird auch die Fahrzeuge begutachten, die viel aussagen.

»Es sind die Fragen nach der Geschwindigkeit und Vermeidbarkeit. Ich lege die technischen Begleitumstände dar, die als Grundlage vor Straf- und Zivilgerichten verhandelt werden.« In seine Beurteilung fließen Entfernungen, Sichtmöglichkeiten, Wirkungen der Kräfte ein. Der 49-Jährige arbeitet seit 23 Jahren in diesem Bereich. »Es gibt Dinge, die gehen unter die Haut. Davon kann man sich nicht freisprechen.«

Sachverständige

Bei der Dekra Bielefeld arbeiten zwei Sachverständige für Unfallrekonstruktion für den Bereich Paderborn und acht für die Kreise Gütersloh, Herford, Lippe und Bielefeld. Sachverständige haben meist eine Ausbildung zum Automechaniker hinter sich und ein Studium der Fahrzeugtechnik, werden zwölf Monate hausintern bei Lehrgängen geschult und arbeiten drei Jahre mit einem erfahrenen Kollegen, bevor sie selbst Gutachten anfertigen.

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