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Di., 26.09.2017

Geschichtsstunde über den sowjetischen Polit-Offizier Den Vater noch einmal getroffen

Geschichtslehrer Christopher Snigula (stehend rechts) begrüßte zur Geschichtsstunde in der Bibliothek Tatjana Rumjanzewa, Victor Lysov, Mila und Olga Lysova. Sie berichteten 50 Schülern über die besondere Rolle ihres Vaters im Stalag 326.

Geschichtslehrer Christopher Snigula (stehend rechts) begrüßte zur Geschichtsstunde in der Bibliothek Tatjana Rumjanzewa, Victor Lysov, Mila und Olga Lysova. Sie berichteten 50 Schülern über die besondere Rolle ihres Vaters im Stalag 326. Foto: Matthias Kleemann

Von Matthias Kleemann

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Warum ist Nikolaij Lysov überhaupt zur Armee gegangen? Hatte er während seiner Gefangenschaft Kontakt zur deutschen Bevölkerung? Und warum ist nach seiner Rückkehr seine erste Ehe zerbrochen?

Die Schüler der Jahrgangsstufe 9 und des Geschichtsleistungskurses der Q2 am Gymnasium wollten von den Angehörigen Nikolaij Lysovs viel wissen. Und so war das Gespräch am Dienstag in der Bibliothek des Gymnasiums eine besondere Geschichtsstunde.

Es waren Tochter, Sohn und Enkelin des Polit-Offiziers Nikolaij Lysov selbst, die den Wunsch hatten, auch mit jungen Menschen in Deutschland ins Gespräch zu kommen. Seit einer knappen Woche sind die drei auf Einladung der Gedenkstätte Stalag 326 in Schloß Holte-Stukenbrock (wir berichteten in unserer Ausgabe vom Freitag, 22. September).

Beeindruckt, wie Deutsche mit der Vergangenheit umgehen

Die Anreise war mühsam, aber habe sich gelohnt, sagt Olga Lysova. Sie hätten viel gesehen und seien beeindruckt von der Erinnerungskultur, davon, wie die Deutschen hier mit ihrer Vergangenheit umgehen. Den Ort zu sehen, an dem ihr Vater drei Jahre lang gefangen gewesen ist, das sei so, als ob sie ihren Vater noch einmal getroffen hätten. Er selbst habe nach seiner Rückkehr mit dieser Vergangenheit abgeschlossen, wollte nie mehr nach Deutschland.

Im Gespräch mit den Schülern kommen Details ans Licht, die Victor Lysov (61) und Olga (65) und Mila Lysova (32) beim Gespräch mit dem WESTFALEN-BLATT am vergangenen Donnerstag noch nicht erwähnt hatten. Beispielsweise das Entstehen des sowjetischen Offiziers-Stabs, der nach der Befreiung die Lagerleitung übernahm: Dieser Stab bildete sich bereits einige Tage vor dem 2. April 1945, als die Amerikaner das Lager erreichten. Denn die Wehrmachtsleute waren vor den anrückenden Streitkräften geflohen und hatten das Lager sich selbst überlassen. Die sowjetischen Offiziere unter den Gefangenen sorgten in dieser Situation dafür, dass kein Chaos ausbrach.

Dreimal erfolglos versucht zu fliehen

Lysov wurde im September 1941 gefangen genommen. Er war danach in mindestens drei Lagern, das Stalag 326 war sein letztes Lager, hier war er drei Jahre lang. Dass er Polit-Offizier war, konnte er verheimlichen. Geschichtslehrer Christopher Snigula wundert sich, wie er es geschafft hat, sich so zu verstellen. Die Familie weiß nur so viel: Er hat eine einjährige Schulung absolviert. Und da hat man wohl auch solches Verhalten trainiert. Trotzdem sei es nicht einfach gewesen. Er habe drei Mal erfolglos versucht zu fliehen und sei jedes Mal hart bestraft, wohl sogar gefoltert worden. Sowjetische Soldaten unterstanden aus deutscher Sicht nicht der Genfer Konvention, präzisiert Victoria Evers von der Gedenkstätte den Zusammenhang. Man betrachtete sie als Untermenschen.

Wie er ins Zivilleben zurückfand

Die Schüler interessierte es sehr, wie Nikolaij Lysov wieder ins Zivilleben zurückgefunden hat. Olga Lysova macht deutlich, dass ihr Vater ein halbes Jahr lang in der späteren DDR bleiben musste und genau durchleuchtet wurde. Offenbar gab es danach nicht den geringsten Zweifel an seiner Linientreue. Danach die Scheidung von seiner ersten Frau: Nun, viele Ehen seien im Krieg zerbrochen, den genauen Grund kennt niemand. Sein neues Leben in Rostow am Don mit Studium und zweiter Ehe zeigt, dass er Abstand zu seiner Vergangenheit gewinnen wollte. Immerhin sei er aber auch als Kommunalpolitiker tätig gewesen.

Was sie über ihren Vater und Großvater wissen, haben die drei Besucher aus Russland aus einem kurzen selbst verfassten Lebenslauf und in der Hauptsache aus seinen Erzählungen. Dabei hat er nicht gerne aus dieser Zeit erzählt. Aber eben doch genug, dass die Gedenkstätte das Bild von ihm gut vervollständigen konnte.

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