Fr., 09.11.2018

Stadt zeigt am Mittwoch Zeitzeugenfilm über Marlis Brink »Grande Dame« des Karnevals

Zur 55. Weiberfastnacht im Jahr 2014 haben die Weiber (links Claudia Reimann und rechts Heike Merettig vom damaligen Fünfgestirn) die Mutter der Weiberfastnacht, Marlis Brink, mit Orden und Küsschen geehrt.

Zur 55. Weiberfastnacht im Jahr 2014 haben die Weiber (links Claudia Reimann und rechts Heike Merettig vom damaligen Fünfgestirn) die Mutter der Weiberfastnacht, Marlis Brink, mit Orden und Küsschen geehrt. Foto: Monika Schönfeld

Von Monika Schönfeld

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Sie ist zupackend als Unternehmerin und langjährige Organisatorin der Weiberfastnacht, gerade heraus und immer gut gelaunt. Marlis Brink (90) ist allerdings keine »waschechte« Stukenbrockerin, sondern kam 1949 nach Stukenbrock. Die Weiberfastnacht wäre ohne ihre bewegende Lebensgeschichte nicht denkbar gewesen.

Für Marlis Brink ist die Familie ein Anker, das zeigen die Bilder ihres verstorbenen Mannes und die ihrer Kinder. Außerdem liebt sie Pferde, wie man an den Figuren an der Wand erkennt. Foto: Monika Schönfeld

Das wird im Zeitzeugenfilm deutlich, der am Mittwoch in der Aula am Gymnasium gezeigt wird. Im Film erzählt sie von ihrem langen und sehr entbehrungsreichen Weg von ihrer Heimat Tolkemit am Frischen Haff bis in ihre neue Heimat Stukenbrock. Die Schilderungen ihrer behüteten und schönen Kindheit stehen im Gegensatz zu schrecklichen Erlebnissen nach dem Einmarsch der russischen Armee in Tolkemit und der anschließenden Deportation in ein Arbeitslager im Ural.

Eine Rückkehr nach Tolkemit war nicht mehr möglich. Deshalb machte sie sich auf den Weg zu ihrer Verwandtschaft in Deutschland, um dort zu arbeiten. »Ich habe immer gearbeitet, egal, was es war«, sagt Marlis Brink, »aber ich habe auch immer gerne gefeiert.«  Sie spricht in diesem Zusammenhang von ihrer »geklauten Jugend«, die für sie der Grund war, dass sie später so gern feierte. Das beschreibt sie in dem Buch »So war das«. Aufgeschrieben hat die Geschichten aus ihrem Leben ihr Nachbar Helmut Kohaupt.

Aktive Unternehmerin

In Stukenbrock wurde sie Mitglied in vielen Vereinen und fühlte sich so schnell heimisch. Als passionierte Reiterin nahm sie an einem der ersten »Umzüge« teil, die zu Karneval in Stukenbrock stattfanden. Nachdem sie dann mit Freunden im Fernsehen »Mainz bleibt Mainz« gesehen hatte, entstand der Wunsch, so etwas auch hier auf die Beine zu stellen. Hier liegen die Wurzeln der heute bekannten Stukenbrocker Weiberfastnacht, die 2019 ihr 60-jähriges Bestehen feiert.

Auch wenn Marlis Brink ihren eigenen Anteil am Werden und Gelingen der Stukenbrocker Weiberfastnacht bescheiden als viel geringer ansieht, als er tatsächlich war, wäre die Weiberfastnacht ohne ihr Engagement kaum das, was sie heute darstellt. Darum ist Marlis Brink eine besondere Zeitzeugin im Sinne dieser Filmreihe.

Seit 1959 hat sie die Weiberfastnacht organisiert. »Eine meiner Lebensregeln war und ist: Einleben in fremder Umgebung ist gar nicht schwer, vorausgesetzt man wird selbst aktiv.« Sie hat sich als Fremde in Stukenbrock eingebracht und eingelebt, in Vereinen engagiert, ist offen auf die Menschen zugegangen und hat Freunde fürs Leben gefunden. Ihrer Aktivität, ihrer positiven Lebenseinstellung, ihrer zähen Natur, ihrer Entschlusskraft, ihrer Besonnenheit und Klugheit, Chancen wahrzunehmen, verdankt sie ihr Leben.

Zeitzeugenportrait

Im Rahmen der Serie »Zeitzeugenporträts« zeigt die Stadtverwaltung am Mittwoch, 14. November, um 19 Uhr in der Aula am Gymnasium ein Zeitzeugenporträt über Marlis Brink. Alle Interessierten sind eingeladen, an der öffentlichen Präsentation teilzunehmen. Der Eintritt ist kostenlos. Da in der Aula Garderobenpflicht gilt, bittet die Stadtverwaltung darum, entsprechend Zeit für den Garderobenservice einzuplanen.

Zur Person

Marlis Brink wurde 1927 in der ostpreußischen Stadt Tolkemit geboren. Als Tochter aus gutem Haus änderte sich die Situation schmerzhaft, als die Russen am 25. Januar 1945 in die Stadt einmarschierten. Marlis’ Schwester wurde im Februar verschleppt zum Arbeitsdienst. Als hätte sie es geahnt, hat sich die Schwester von der Mutter verabschiedet. Im Juli des gleichen Jahres ist sie gestorben. Auch für Marlis Brink begannen leidvolle Zeiten: Zuchthaus Bartenstein und Insterburg, Arbeitslager südlich von Swerdlowsk im mittleren Ural. Nach Kriegsende schlug sich Marlis Brink teils per Zug, teils zu Fuß nach Berlin durch, landete im Auffanglager Friedland. Am 2. Mai 1949 kommt sie nach Stukenbrock, um eine Arbeit als Hausmädchen anzunehmen. Sie lernt Hermann Brink kennen, 1953 heiraten sie, 1961 gründet das Paar einen Baustoffhandel.

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