Sa., 10.11.2018

Ärztin Nino Tsukhishvili (31) aus Georgien würde gerne hier arbeiten »Wir sind nicht wegen des Geldes hier«

Eine dicke Mappe voller Papiere, auch ihre Approbation, Diplom und sonstige Unterlagen inklusive deutscher Übersetzung besitzt Nino Tsukhishvili. Dass sie hier nicht arbeiten darf, um ihre Familie selbst zu finanzieren, kann sie nicht verstehen.

Eine dicke Mappe voller Papiere, auch ihre Approbation, Diplom und sonstige Unterlagen inklusive deutscher Übersetzung besitzt Nino Tsukhishvili. Dass sie hier nicht arbeiten darf, um ihre Familie selbst zu finanzieren, kann sie nicht verstehen. Foto: Monika Schönfeld

Von Monika Schönfeld

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). In der Stadt werden händeringend Hausärzte gesucht – und eine Ärztin aus Georgien, die ihre Familie gern ohne Sozialhilfe ernähren würde, bekommt keine Arbeitserlaubnis. »Das passt doch alles nicht zusammen«, sagt Giesela Hörster von der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe St. Johannes Baptist.

Es geht um Nino Tsukhishvili (31), die seit Juni 2015 mit ihrem Mann und ihrer Tochter in Deutschland lebt. Sie hat ihr Diplom und alle Bescheinigungen, auch in übersetzter Form, zusammen und hat mit befristeter Arbeitserlaubnis auch schon im Caritas-Seniorencentrum St. Johannes in Stukenbrock gearbeitet. Das hat Einrichtungsleiter Bernd Zilger auch beim Runden Tisch »Älter werden in Schloß Holte-Stukenbrock« berichtet. »Sie hat bei uns als Pflegehelferin gearbeitet. Weil sie so gut war, haben wir sie höher gestuft. Wir hätten sie gern behalten.«

Zilger berichtet, dass er die Georgierin nur immer mit Verträgen über drei oder vier Monate habe beschäftigen können. »Acht Wochen vor Ablauf mussten wir mit der Ausländerbehörde des Kreises sprechen, damit Nino Tsukhishvili eine weitere befristete Arbeitserlaubnis erhält. Sie glauben gar nicht, was ich da alles an Papieren einreichen musste. Auch die Geschäftsführerin der Caritas-Altenhilfe im Erzbistum Paderborn, Dagmar Kieselmann, sagte: Das gibt’s doch gar nicht.« Das demografische Problem sei bekannt, es gebe viele fachlich gute Migranten, die arbeiten wollen. »Da verstehe ich die ganze Bürokratie nicht. Alle wären froh gewesen, wenn es eine Ausnahmegenehmigung für Nino Tsukhishvili gegeben hätte.«

Drohung mit Blutrache

Nino Tsukhishvili hat in Georgiens Hauptstadt Tiflis studiert, ist approbiert, hat drei Jahre als Krankenschwester, ein Jahr als Arzt im Praktikum und zwei Jahre als Assistenzärztin gearbeitet. Sie hat ihren Mann, einen Zollbeamten, geheiratet. Und damit begannen die Probleme. »Er sollte angeblich mit einer Frau aus Svaneti verlobt gewesen sein. Ihre Familie schwor Blutrache.«

Im Juli 2014 sei ihr Mann (heute 32) verprügelt und an der Wirbelsäule verletzt worden, ein Stall neben ihrem Haus ging in Flammen auf mit der Drohung, dass das Haus der Familie das nächste sei, das brennt. »Wir waren bei der Polizei, aber die Macht der Familie reicht offenbar soweit, dass uns geraten wurde zu kündigen und das Land zu verlassen«, berichtet die Frau. Als sie, inzwischen schwanger, von Männern bedrängt und bedroht worden sei, seien sie geflohen. »Wir sind nicht wegen des Geldes hier.«

Erste Station war Belgien

Erste Station war Belgien, dann Oerlinghausen und Schöppingen, bevor sie Schloß Holte-Stukenbrock zugewiesen worden sind. »Mein großes Glück war, dass ich Giesela Hörster getroffen habe.« Georgien gilt als sicheres Herkunftsland, einen Anspruch auf einen Deutschkurs hatte sie nicht. Giesela Hörster machte aber Gelder locker, so dass sie Kurse belegen konnte. Jetzt spricht sie nahezu perfekt Deutsch, sie lebt mit ihrer Familie in einer eigenen Wohnung. Was ihr fehlt, ist der C1-Kurs, wo sie medizinische Fachausdrücke auf Deutsch lernt. Den darf sie hier noch nicht einmal als Selbstzahler besuchen. »Das geht nur in Düseldorf.«

»Ich will nicht davon leben, dass andere für mich bezahlen, ich kann für meine Familie selbst sorgen«, sagt Nino Tsukhishvili. Mit einer Arbeitserlaubnis könnte sie im Krankenhaus Rosenhöhe oder im Krankenhaus Bethel als Ärztin arbeiten. »Die Arbeitgeber sagen, in Bielefeld hätte die Ausländerbehörde schon längst eine befristete Arbeitserlaubnis erteilt.«

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»Ich kann die schlimmen Worte gar nicht wiederholen, die mir gesagt wurden.«

Nino Tsukhishvili

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Im Kreis Gütersloh sei ihr unterstellt worden, mit einer Arbeitserlaubnis wolle sie ein Bleiberecht erschleichen. »Ich kann die schlimmen Worte gar nicht wiederholen, die mir gesagt wurden.«

Nino Tsukhishvili kann jetzt einen Monat lang bei den Holter Internisten hospitieren. »Ich bin sehr dankbar. Die Medizin entwickelt sich. Wenn man länger nicht als Ärztin gearbeitet hat, wird man abgehängt.« Vor einer freiwilligen Ausreise und dann legaler Einreise mit Arbeitsvertrag hat sie Angst. »Nicht um mich, um meine Tochter.« 

Stellungnahme des Kreises Gütersloh

Die Familie ist 2015 aus Belgien (!), ohne den Ausgang des dort betriebenen Asylverfahrens abzuwarten, in die Bundesrepublik eingereist. Der anschließend beim Bundesamt für Migration gestellte Asylantrag wurde abgelehnt. Die Familie ist nach Abschluss aller Klageverfahren rechtskräftig ausreisepflichtig und muss derzeit aufgrund fehlender Identitätspapiere geduldet werden.

Seit dem 9. Juni 2018 ist die Abschiebungsandrohung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge vollziehbar.

Am 6. August hat es in der Ausländerbehörde ein Ausreisegespräch gegeben, Ziel ist die freiwillige Ausreise der Familie. In dem Gespräch wurde seitens der Familie angekündigt, dass der AK Asyl einen Härtefallantrag (bei der Kommission des Landes) stellen wolle. Es wurde eine neue Frist zur freiwilligen Ausreise vereinbart (6. September 2018), die verstrichen ist.

Die Beschäftigungserlaubnis der Frau ist am 31. Juli abgelaufen, ein Verlängerungsantrag ist nicht gestellt worden. Die Verlängerung wäre möglich gewesen, wenn bei der Beschaffung von Ersatzpapieren eine Kooperation erkennbar gewesen wäre.

Die Entscheidung, ob jemand als Ärztin hier tätig werden kann, treffen Bezirksregierung und Ärztekammer. Die Lösung für die Familie und für die berufliche Zukunft könnte die sein: Sie müssten freiwillig ausreisen und in der deutschen Botschaft ein entsprechendes Arbeitsvisum beantragen – im Idealfall gleich mit einem entsprechenden Arbeitsvertrag.

 

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