Di., 27.11.2018

Vergiftete Pausenbrote: Opfer berichten von ihren Leiden – Überwachungsvideos gezeigt »Der hat mit niemandem gesprochen«

Opfer Simon Radtke, hier neben seinem Anwalt Ralph Niemeier, schildert seinen Krankheitsverlauf.

Opfer Simon Radtke, hier neben seinem Anwalt Ralph Niemeier, schildert seinen Krankheitsverlauf. Foto: Wolfgang Wotke

Von Wolfgang Wotke

Bielefeld/Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Als der Zeuge Simon Radtke die vier Videosequenzen auf dem Großbildschirm im Gerichtssaal sieht , muss er weinen. Diese zeigen, wie kaltschnäuzig der Angeklagte Klaus O. Gift auf seine Pausenbrote schmiert.

Der Vorsitzende Richter Dr. Georg Zimmermann hat am Montag im Prozess um die vergifteten Pausenbrote trotz Einwänden der beiden Verteidiger des Beschuldigten die Überwachungsvideos vorgeführt, die im Sozialraum von Ari-Armaturen in Schloß Holte -Stukenbrock im Mai aufgenommen worden waren. Sie zeigen, wie Klaus O. (57) den Pausenraum betritt und aus einem Aktenordner ein Pulver hervorholt. Aus einem Rucksack, der auf einem Stuhl steht, zieht er plötzlich seelenruhig die Brotdose heraus und streut eine Substanz auf die Brote. Danach verlässt er den Ort und kehrt an seinen Arbeitsplatz zurück. Die Aufnahmen beweisen auch, dass der Angeklagte zweimal so vorgegangen ist.

»Teufelszeug« im Körper

»Ja«, sagt Simon Radtke sichtlich erschüttert, »das sind mein Rucksack und meine Brotdose.« Zuvor schildert er dem Gericht eindrucksvoll, wie das »Teufelszeug« in seinen Körper gelangt sein muss und wie sich sein körperlicher Gesundheitszustand Schritt für Schritt verschlechtert habe. Der Industriemechaniker (27) sei seit 2008 bei Ari. Dort habe er seine Ausbildung gemacht. »Ich habe mit Klaus O. im Schicht­betrieb gearbeitet und versucht, mich mit ihm anzufreunden«, erklärt er. Das habe jedoch nicht geklappt. »Der hat mit niemandem gesprochen.«

Zum ersten Mal, so Radtke, habe er im Sommer vor zwei Jahren bemerkt, dass etwas mit seinem Trinkwasser nicht stimme. »Ich erkannte eine milchige Trübung, die mich ratlos machte. Außerdem hat das Wasser süßlich geschmeckt.« Das sei mehrfach vorgekommen. »Zuerst wollte ich zur Polizei gehen, aber ich habe mich nicht getraut.«

Manipulierte Brote mit dem Handy dokumentiert

Mit der Zeit folgten Magenschmerzen, Verdauungsprobleme, Bluthochdruck und schließlich ein längerer Krankenhausaufenthalt. Die Diagnose der Ärzte: erhöhte Nierenwerte und Nierenversagen. »Das war für mich niederschmetternd und ich war völlig hilflos.« Früher habe er acht Kilometer joggen können, heute seien es nur noch zwei. Weißes Pulver auf seinen Stullen habe er dann im März festgestellt. Er habe die manipulierten Brote mit seinem Handy dokumentiert, sei dann zum Betriebsrat gegangen, der sofort gehandelt habe. Am 15. Mai sei O. festgenommen worden.

Udo B. vermutet, dass auch er Gift geschluckt habe

Auch Schlosser Udo B. (57) ist schwer krank. Auch er hat jahrelang mit Klaus O. zusammen­gearbeitet. Heute muss er zwei bis dreimal pro Woche zur Dialyse. »Ich habe seit 2015 sechs längere Krankenhausaufenthalte hinter mich gebracht«, berichtet er. Damals sei er immer schwächer geworden, habe starke Bauch- und Kopfschmerzen gehabt, ihm sei oft übel geworden. »Meine Blutwerte waren im Keller. Ich fürchte, dass ich von der Dialyse nicht mehr wegkomme.« Udo B. vermutet, dass auch er Gift geschluckt habe: »Mein Trinkwasser war ebenfalls anfangs milchig eingetrübt.«

Der Angeklagte Klaus O. schweigt beharrlich. »Zum jetzigen Zeitpunkt wird er sich nicht äußern«, teilt sein Verteidiger Henning Jansen mit. O. klebt teilnahmslos auf der Anklagebank, spricht noch nicht mal mit seinen Anwälten. In der letzten Reihe auf den Zuschauerrängen sitzt seine Ehefrau und hält sich ein Stück ihres Pullovers vor ihr Gesicht.

Der Prozess vor dem Landgericht Bielefeld geht am Dienstag weiter.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6217321?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2516080%2F