Mo., 10.12.2018

Löwen-Zahn-Operation: Zahnarzt muss bei »King« Wurzel entfernen König hat die Krone verloren

Der OP-Tisch besteht aus Holzpaletten, die mit Stroh gepolstert sind: Tierarzt Dr. Heiner Vorbohle (links), Zahnarzt Dr. Christian Blum und im Hintergrund Tierärztin Sabine Beerhenke kümmern sich um »King« bei der Zahn-OP.

Der OP-Tisch besteht aus Holzpaletten, die mit Stroh gepolstert sind: Tierarzt Dr. Heiner Vorbohle (links), Zahnarzt Dr. Christian Blum und im Hintergrund Tierärztin Sabine Beerhenke kümmern sich um »King« bei der Zahn-OP. Foto: Christian Mathiesen

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Der König hat Zahnschmerzen. Reißzahn rechts oben. Das muss »King«, dem fast 240 Kilogramm schweren weißen Löwen aus dem Zoo Safaripark, weh tun. Da ist sich Cheftierpflegerin Inka Schumacher (40) sicher.

Die acht Zentimeter lange Wurzel wird entfernt. Foto: Christian Mathiesen

Beim Saubermachen hat sie am Sonntagmorgen die Krone des Königs gefunden – fünf Zentimeter lang. »Krone« ist der Teil des Zahns, den man sieht. »Als King das Maul aufmachte, haben wir uns erschrocken«, sagt Inka Schumacher. Der Nerv lag blank. »Man konnte ihn genau sehen.«

Tierarzt Dr. Heiner Vorbohle kennt den weißen Löwenmann, heute elf Jahre alt, von Geburt an. Zusammen mit seinen Geschwistern ist das Raubtier hier geboren. Inzwischen ist »King« Rudelchef.

Dr. Vorbohle weiß, dass der abgebrochene Zahn für das Raubtier lebensgefährlich ist. »Durch den offenen Nervenkanal dringen Keime ein, die schwere Entzündungen im Kiefer verursachen. Diese Entzündungen breiten sich aus.« Passiere nichts, würde King qualvoll sterben.

Andere Dimensionen

Der Rest des Zahns muss raus. Noch am selben Tag steht das OP-Team im Löwenhaus bereit. Dr. Heiner Vorbohle, Tierärztin Sabine Beerhenke und Dr. Christian Blum, Fachzahnarzt für Oralchirurgie aus Bielefeld. Dr. Blum behandelt normalerweise Menschen. »Der Zahn eines Löwen hat ganz andere Dimensionen und – anders als bei Menschen – ist die Wurzel gebogen.« Gemeinsam mit dem Tierarzt hat Dr. Christian Blum schon zwei Löwen im Safaripark operiert, damit sie wieder kräftig zubeißen können.

Dennoch ist die Zahn-OP keine Routine. King ist kein Angstpatient. Das zeigt er deutlich, als Vorbohle mit Blasrohr und Betäubungspfeil das Löwenhaus betritt. Der Tierarzt zielt. Der Pfeil mit der Spritze sitzt – in der Flanke des Löwen. Und der wird jetzt richtig sauer. Nach zehn Minuten beginnt er zu taumeln, knapp 30 Minuten dauert es, bis er fest schläft.

Mit der Zange ins Maul

Der OP-Tisch aus Paletten, Strohballen einer festen Holzplatte steht in der Box nebenan bereit. King wird auf eine Trage gerollt und hinübergetragen. Die OP beginnt. Acht Zentimeter lang ist die Wurzel im Kiefer. »Der Löwe hatte sich den Zahn so abgebrochen, dass ich mit der Zange nichts mehr greifen konnte«, sagt der Zahnarzt. Er setzt das Skalpell an, schneidet einen so genannten Trapezlappen ins Zahnfleisch, schafft sich mit seinem Werkzeug Platz im Löwenmaul, um die Wurzel freilegen zu können. Das ist Schweiß treibende Kleinstarbeit.

Dafür, dass der Löwe nicht aufwacht und angreift, sorgt Tierärztin Sabine Beerhenke. Sie ist die Anästhesistin im Team. Nach einer Stunde ist es geschafft. Die Wurzel ist vollständig entfernt. Das Loch im Kiefer wird sorgfältig vernäht, die Wunde fest mit dem Trapezlappen verschlossen. Die Fäden werden sich in wenigen Wochen selbst aufgelöst haben.

Patient flirtet schon wieder

Erleichterung beim Team. King darf in seiner Box ausschlafen. Statt einer ganzen Rinderkeule steht in den nächsten Tagen Gulasch auf seinem Speiseplan. »Fest zubeißen soll er nicht und ausruhen muss er sich noch«, sagen die Doktoren.

Ausruhen ist nicht so Kings Ding. Am nächsten Morgen will der König raus – zu seinen Mädels ins 20.000 Quadratmeter große Freigehege. »Er hat die Nacht bestens überstanden und ist ganz der Alte«, sagt Cheftierpflegerin Inka Schumacher. Also darf der Patient frische Luft schnappen, aber vorerst nur im Vorgehege am Haus. Seine Damen flirten mit ihm durchs Gitter. Einen schönen Löwen entstellt nichts.

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