Mo., 21.01.2019

Gedenkstätte Stalag richtet Geschichtslabor ein – Schüler machen eigene Ausstellung Kinder stellen Fragen zum Krieg

Stalag für Grundschüler (von links): wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte, Jens Hecker, Werner Twent, Vorstand der Stiftung der Kreissparkasse Wiedenbrück, und Oliver Nickel, Geschäftsführer der Gedenkstätte Stalag.

Stalag für Grundschüler (von links): wissenschaftlicher Mitarbeiter der Gedenkstätte, Jens Hecker, Werner Twent, Vorstand der Stiftung der Kreissparkasse Wiedenbrück, und Oliver Nickel, Geschäftsführer der Gedenkstätte Stalag. Foto: Monika Schönfeld

Von Monika Schönfeld

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Der große Raum der Entlausungsstation wird in ein Geschichtslabor verwandelt. Kinder sitzen auf bunten Teppichen oder Holzpaletten und breiten ihr Material aus. Mit weißen Handschuhen dürfen sie die Tassen, Löffel und Kästchen in die Hand nehmen, die sich die Kriegsgefangenen selbst gebastelt haben. Selbst Grundschulkinder können sich bereits mit dem Holocaust beschäftigen.

»Kinder stellen Fragen. Sie wissen, dass Hitler böse war. Sie wissen, dass die Juden die Opfer waren. Und sie wissen, dass ihre eigenen Eltern nichts damit zu tun haben«, sagen der Geschäftsführer der Gedenkstätte Stalag, Oliver Nickel, und Kulturmanager Jens Hecker, der als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Gedenkstätte arbeitet.

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Was war denn mit Hitler?

Frage eines Kindes in der Ausstellung

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»Kinder stellen Fragen, wenn sie Bilder sehen: Ist der tot? Oder: Was war denn mit Hitler?« Diesen Fragen können Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren demnächst im Geschichtslabor in der Gedenkstätte auf den Grund gehen. Angesprochen sind Grundschüler und die Klassen 5 und 6. Für die älteren Schüler gibt es bereits Angebote in der Gedenkstätte – vor allem in Zusammenarbeit mit den Medienpädagogen aus der Bildungsstätte Haus Neuland in Bielefeld.

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Wir zeigen den Kinder natürlich nicht die schrecklichen Bilder.

Oliver Nickel

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»Wir zeigen den Kinder natürlich nicht die schrecklichen Bilder«, sagt Oliver Nickel. Aber die Frage, ob Holocaust und Nationalsozialismus im Sachunterricht thematisiert dürfen, stelle sich nicht mehr. Die Kinder wissen viel – aus dem, was der Opa erzählt hat, oder über das, was sich gesellschaftlich tut. Viele Schulen thematisieren Rassismus und Toleranz – ein Blick in die Geschichte ist dafür immer auch wichtig.

Sparkassen-Stiftung unterstützt Projekt

Das Geschichtslabor haben Professorin Dr. Andrea Becher von der Uni Paderborn und die Museumspädagogin Victoria Evers entwickelt, die bis Ende 2018 in der Gedenkstätte gearbeitet hat. Mit 2000 Euro hat die Stiftung der Kreissparkasse Wiedenbrück das Projekt unterstützt. Mit dem Geld hat die Gedenkstätte 30 Mini-Vitrinen, weiße Handschuhe für Kinder, einen Werkzeugkasten, Forscherlupen, Stifte, Teppiche, Paletten und einen hochwertigen Notizblock für jeden Teilnehmer mit kindgerecht aufgearbeiteten Informationen und Arbeitsblätter finanziert.

Die Kinder können Originalobjekte aus Kartons nehmen, untersuchen, und sich dazu Fragen und Antworten überlegen. Anfassen und spüren, mit den Handschuhen behandeln Kinder die Originale wertschätzend und vorsichtig. »Kinder können sich unglaublich gut konzentrieren und sich hinein versetzen. Die stellen tolle Fragen, auf die ein Wissenschaftler gar nicht kommt.« Die Tasse oder die Schale dienten dazu, Suppe zu bekommen. Für Kinder vorstellbar wird, dass die Kriegsgefangenen Hunger hatten. Das Exponat steht damit für Lebensumstände, es erzählt eine Geschichte.

»Antons Schuhe« sind das Vorbild

Das Projekt heißt »Antons Schuhe«. Es geht zurück auf den Bruder des Großvaters von Olga Trapeznikova, die im Sommer 2016 das Grab besucht hat. Anton Sova war als Kriegsgefangener in Augustdorf eingesetzt. Die Mutter Antons hat neue Schuhe, die Anton kurz vor seiner Gefangenschaft gekauft hat, ihr Leben lang aufbewahrt – in der Hoffnung, dass Anton aus dem Krieg heimkehrt und die Schuhe anzieht. Die Familie wusste Jahrzehnte lang nichts über das Schicksal Antons. Seine Mutter starb, seine Brüder haben die Schuhe aber im Andenken an ihren Bruder und die Hoffnung der Mutter weiter aufbewahrt. An den Schuhen lässt sich die ganze Geschichte von Krieg, Leid, Hoffen und Liebe erzählen. Die Schuhe werden jetzt von Olga Trapeznikovas Mutter, der Nichte Antons, in Ehren gehalten.

»Die Geschichte hat uns alle berührt. Sie zeigt, wie ein Paar Schuhe eine komplexe Geschichte erzählen können«, so Nickel und Hecker. Schulen, die Interesse haben, melden sich per E-Mail unter der Adresse: info@stalag326.de.

Ein Kommentar von Monika Schönfeld

Es ist sinnlos, Kinder von den Schrecken des Krieges fernzuhalten. Sie bekommen doch alles mit. Und mit ihren Fragen darf man sie nicht allein lassen. Ein »Das behandeln wir später in ein paar Jahren« bringt nichts. Die Kinder haben jetzt Fragen, wollen Antworten selbst finden, denn nur das wirkt langfristig. Weiterführende Schulen positionieren sich gegen Rassismus – wie vergangenes Jahr die Gesamtschule. Kinder der 5. und 6. Klassen werden selbstverständlich an diesem Prozess beteiligt. Es gibt sogar schon kindgerechte Literatur wie »Papa Weidt«, »Das versteckte Kind« oder »Opa war kein Nazi«. Jugendliche sind schon in die Arbeit eingebunden. Die Gedenkstätte Stalag positioniert sich mit dem Geschichtslabor weiter als Bildungsort auf historischem Schauplatz – jetzt für die Kleinen.

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