Mo., 18.03.2019

Pianist Aeham Ahmad arbeitet seine Flucht aus Syrien am Klavier auf Musik braucht keine Worte

Zwischen den Klavierstücken von Aeham Ahmad (rechts) lesen die Schüler der Gesamt- und Realschule sowie des Gymnasiums Teile des Werdegangs des »Pianisten aus den Trümmern« auf Deutsch vor. Der Syrer stammt aus der Nähe von Damaskus.

Zwischen den Klavierstücken von Aeham Ahmad (rechts) lesen die Schüler der Gesamt- und Realschule sowie des Gymnasiums Teile des Werdegangs des »Pianisten aus den Trümmern« auf Deutsch vor. Der Syrer stammt aus der Nähe von Damaskus. Foto: Alexandra Wittke

Von Alexandra Wittke

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Ein Klavier und seine Stimme. Mehr braucht Aeham Ahmad nicht, um glücklich zu sein. Vielen bekannt als »Pianist aus den Trümmern« trat der Syrer am Freitagabend in der Aula des Gymnasiums gemeinsam mit einigen Schülern auf.

Die gedankliche Vorstellung ist fast schon ein wenig surreal. Wenn man Aeham Ahmad auf der Bühne am Klavier spielen hört, kann man kaum glauben, dass er dies vor noch gar nicht langer Zeit in den Trümmern der Stadt Jarmuk in der Nähe von Damaskus tat. Die Eröffnungsworte durch Bürgermeister Hubert Erichlandwehr lassen so manchen der gut 400 Besucher dann auch schlucken: »Als das kleine Dorf Jarmuk Mitte 2013 von der Außenwelt abgeschnitten war, hat Aeham Ahmad mit seinem Klavier ein Zeichen der Hoffnung und Zukunft für die Menschen dort gesetzt.«

Klavier als Lebensversicherung

1988 in der Nähe von Damaskus geboren, galt Ahmad vor Kriegsbeginn als große Hoffnung. Bereits mit vier Jahren lernt er, zunächst auf einem Keyboard, das Spielen, später steht ihm ein richtiges Klavier zur Verfügung. Seiner Leidenschaft folgend, schließt Ahmad schließlich sein Musikstudium erfolgreich ab, der Weg in die Professionalität ist zum Greifen nah. Doch dann kommt der Bürgerkrieg und mit ihm platzt auch Ahmads großer Traum von einer Karriere als Pianist. Während um ihn herum die Wirren des Krieges toben, die Menschen kaum Nahrung, geschweige denn Wasser haben, wird sein Klavier zu seiner Lebensversicherung.

Nicht nur er schöpft aus der Musik Kraft, auch die Bewohner des kleinen Dorfes fassen wieder etwas Mut, denn »wo Musik ist, da braucht es keine Worte«. Als Ahmads Klavier schließlich in Flammen aufgeht, er selber von einem Granatsplitter schwer an der Hand verletzt wird, entschließt er sich zur Flucht.

Voller Energie

Von all den Strapazen ist am Freitagabend zunächst nichts zu spüren. Im Gegenteil, Ahmad beginnt mit einer temporeichen Eigenkreation. Laut und fast schon donnernd reiht er Ton an Ton, reizt die Partitur vollends aus, um schlussendlich das Stück singend ausklingen zu lassen. Es ist eine Art Wehklagen, flüsternd und leise und auch wenn der Großteil der Besucher der arabischen Sprache nicht mächtig ist, verstehen sie doch ohne Worte, dass Ahmad ein trauriges Kapitel seiner Zeit beschreibt.

Zwischen seinen Klavierstücken lesen die Schüler der Gesamt- und Realschule, sowie des Gymnasiums Teile seines Werdegangs auf Deutsch vor, Schloß Holtes Flüchtlingsbeauftragte Lana Odeh übersetzt einiges davon anschließend ins Arabische. Überhaupt steht der gesamte Abend unter dem Motto interkulturelle Verständigung.

Ahmad singt auf Deutsch

Das gemischte Publikum, viele davon mit eigenem Migrationshintergrund, versteht sich ohne viele Worte, dafür aber mit eindrucksvoller Musik. Und als Ahmad zum Abschluss seines etwa einstündigen Konzerts »Die Gedanken sind frei« fehlerfrei auf Deutsch ansingt, stimmen ausnahmslos alle Anwesenden mit ein. »Freude schöner Götterfunken«, vorgetragen in der abgewandelten Form »Geschwister« statt »Brüder« bildet den gelungenen Abschluss eines tollen Experiments, an dem neben Ahmad auch die Schüler erfolgreich teilgenommen haben.

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