Do., 13.06.2019

Raissa Gorbatschowa hat vor 30 Jahren den Sowjetischen Ehrenfriedhof besucht First Ladys brechen Fronten auf

Raissa Gorbatschowa beim Besuch des Sowjetischen Ehrenfriedhofs mit der Frau des damaligen Bundeskanzlers, Hannelore Kohl (2. von rechts), und der Frau des Ministerpräsidenten, Christina Rau (rechts). Im Hintergrund Dorfpolizist Walter Löbke.

Raissa Gorbatschowa beim Besuch des Sowjetischen Ehrenfriedhofs mit der Frau des damaligen Bundeskanzlers, Hannelore Kohl (2. von rechts), und der Frau des Ministerpräsidenten, Christina Rau (rechts). Im Hintergrund Dorfpolizist Walter Löbke. Foto: Ludwig Teichmann

Von Monika Schönfeld

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). »Ich war damals überrascht, dass es möglich ist, dass die First Ladys nach Stukenbrock-Senne kommen.« Das sagt Ludwig Teichmann, der als Ortsheimatpfleger am 13. Juni vor 30 Jahren dabei war, als Raissa Gorbatschowa gemeinsam mit Hannelore Kohl und Christina Rau den Sowjetischen Ehrenfriedhof besucht hat.

Ortsheimatpfleger Ludwig Teichmann (heute 64) stand auf der richtigen Seite. Die offiziellen Fotografen standen auf der falschen Seite, als die First Lady der Sowjetunion aus der Limousine ausstieg. Foto: Ludwig Teichmann

Der Kalte Krieg steckte den Menschen noch in den Knochen. Glasnost und Perestroika wurden die Worte der Hoffnung, die die deutsche Wiedervereinigung möglich machen sollten.

Der 1967 gegründete Arbeitskreis Blumen für Stukenbrock hatte den sowjetischen Staatspräsidenten Michail Gorbatschow eingeladen, den Ehrenfriedhof zu besuchen. Der Arbeitskreis war umstritten, weil Kommunisten dort mitarbeiteten. Die Berührungs­ängste waren so groß, dass es lange keine gemeinsame Gedenkfeier für die Opfer gab. Zu einer Auflockerung der verhärteten Fronten kam es, als der Staatsbesuch in Bonn von den First Ladys genutzt wurde, um die »Vergessenen von Stukenbrock« zu ehren.

 

Mit gutem Willen

Im Juni 1989 nahm die inzwischen verstorbene Ehefrau des damaligen sowjetischen Staatsoberhauptes, Raissa Gorbatschowa, während ihres Besuchs auf dem Soldatenfriedhof eine »Erklärung des guten Willens« entgegen. In ihr hatten durch ihre Unterschrift mehrere tausend Menschen der Region bekundet, dass sie mit den Völkern der UdSSR in Frieden leben wollen. Bürgermeister Hermann Humann begrüßte Raissa Gorbatschowa bei ihrer Ankunft am Sowjetischen Ehrenfriedhof. Die Frau des damaligen Bundeskanzlers, Hannelore Kohl, und die Frau des damaligen NRW-Ministerpräsidenten, Christina Rau, begleiteten die First Lady der Sowjetunion.

 

Geist der Versöhnung

Wie Günter Potthoff in seinem Buch »Schloß Holte-Stukenbrock in Vergangenheit und Gegenwart« schreibt, war Raissa Gorbatschowa der Tag in Stukenbrock-Senne in guter Erinnerung geblieben. In ihrem Buch »Leben heißt hoffen« kommentiert sie: »Es schien mir, als sei der Geist der Versöhnung auf diesem leidvollen Ort namens Stukenbrock herabgekommen, zu unser aller Wohl, dem der Lebenden und dem der Toten. Vergebung: Man kann nicht dauernd im Hass leben. Ich glaube, dass diese endlosen Reihen von Gräbern – sowohl in Stukenbrock als auch in unserem Land – uns letztlich nicht zur Rache, sondern zur Vernunft aufrufen.«

 

»Gorbimanie«

Der Staatsbesuch des sowjetische Staats- und Parteichefs Michail Gorbatschow und seiner Frau Raissa wurde einen Tag zuvor mit einem frenetisch Empfang auf dem Flughafen Köln/Bonn gefeiert. Auf dem Bonner Ratshausplatz skandiert die Menge »Gorbi, Gorbi«. Die Begeisterung der deutschen Öffentlichkeit, die in den Medien »Gorbimanie« genannt wird, reagiert auf die neue Politik Gorbatschows.

Als er 1985 zum Generalsekretär der KPdSU gewählt wird, propagiert er für die sowjetische Gesellschaft »Glasnost« (Offenheit) und »Perestroika« (Umbau). Den Kalten Krieg will er durch Abrüstungsverhandlungen beenden. Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) ist damals skeptisch. Er vergleicht Gorbatschow mit dem NS-Propagandaminister Joseph Goebbels. Das belastet 1986 das deutsch-sowjetische Verhältnis.

Europäisches Haus

Im Oktober 1988 fährt Kohl nach Moskau. Das Verhältnis zwischen den beiden entspannt sich. Ein gutes halbes Jahr später kommt Gorbatschow in die Bundesrepublik. Am 13. Juni 1989 unterzeichnen sie eine »Gemeinsame Erklärung«. Die Sowjetunion bekräftigt darin erstmals gegenüber einem westlichen Land das Recht jeden Staates, »das eigene politische und soziale System frei zu wählen«. Besonderes Ziel beider Staaten sei der »Aufbau eines gemeinsamen europäischen Hauses«.

 

Mauerfall

Am letzten Abend des Staatsbesuchs, schreibt Helmut Kohl in seinen »Erinnerungen«, sei er mit Gorbatschow nach Mitternacht zum Rheinufer gegangen und habe gesagt, ein gemeinsames europäisches Haus werde nie bewohnbar sein, wenn Deutschland getrennt bleibe. Gorbatschow soll dazu gesagt haben: »Die Mauer kann wieder verschwinden, wenn die Voraussetzungen entfallen, die sie hervorgebracht haben.«

 

Wiedervereinigung

Als am 9. November 1989 die Mauer geöffnet wird, hält sich Gorbatschow an die Gemeinsame Erklärung und greift militärisch nicht ein. Im Juli 1990 geht es bei den Verhandlungen im Kaukasus um die deutsche Wiedervereinigung. Kohl und Gorbatschow verkünden den Durchbruch. Zum Zeitpunkt der Vereinigung soll Deutschland »seine volle und uneingeschränkte Souveränität« erhalten.

Ein Kommentar von Monika Schönfeld

Prominenz stößt Prozesse an: Gorbatschow und Kohl sind als Symbolfiguren der deutschen Wiedervereinigung in die Geschichte eingegangen. Der Besuch von Raissa Gorbatschowa hat dem Umgang mit dem Gedenken gut getan. Entspannt hat sich das Verhältnis zum Arbeitskreis Blumen für Stukenbrock, wenn auch mit der Diskussion um die Rote Fahne auf dem Obelisken alte Gräben noch mal aufgerissen wurden. 2015 hat der damalige Bundespräsident Joachim Gauck das Wort der »Vergessenen von Stukenbrock« aufgegriffen. Sie werden aus dem Erinnerungsschatten geholt. Gauck beendete mit der Einweihung der Namensstelen den Fahnen-Streit und rückte die Gedenkstätte erneut in den Blick der Öffentlichkeit.

 

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