Truppenübungsplatz mehrfach erweitert
Heimathof musste vor 60 Jahren weichen

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). »Ich kann mich noch erinnern, wie ich als Viereinhalbjähriger mit meiner Oma Erdbeerpflanzen vom Heimathof geholt habe.« Das sagt Ludwig Teichmann, Ortsheimatpfleger in Stukenbrock-Senne. Vor 60 Jahren wurde der Heimathof auf dem heutigen Gelände des Truppenübungsplatzes geschlossen.

Mittwoch, 14.08.2019, 06:45 Uhr aktualisiert: 14.08.2019, 07:26 Uhr
Der Heimathof fiel der Erweiterung des Truppenübungsplatzes zum Opfer. Ortsheimatpfleger Ludwig Teichmann hat auch dazu mehrere Zeitzeugen befragt.. Foto: Archiv Teichmann
Der Heimathof fiel der Erweiterung des Truppenübungsplatzes zum Opfer. Ortsheimatpfleger Ludwig Teichmann hat auch dazu mehrere Zeitzeugen befragt.. Foto: Archiv Teichmann

Unter den vielen Zeitzeugen, mit denen Ludwig Teichmann gesprochen hat, war auch der Schäfer Heinrich Heuer, der nach Schließung des Heimathofes bis 1968 dort gelebt hat. Soldaten, die auf dem Truppenübungsplatz trainierten, waren die Hauptbewohner. Bevor das Anwesen 1988 gesprengt wurde, hatte Ludwig Teichmann noch mal die Gelegenheit, die Gemäuer zu fotografieren. »Die Menschen hatten alles, was man noch gebrauchen konnte, bereits herausgeholt.«

Von großer sozialer und wirtschaftlicher Bedeutung

Für Stukenbrock-Senne und Augustdorf, aber auch für die von-Bodelschwingschen Anstalten war der Heimathof von großer sozialer und wirtschaftlicher Bedeutung. 1927 kauften die von-Bodelschwingschen Anstalten 900 Hektar Ödland im ärmsten Teil der Haustenbecker Senne. Außer Sand und Heide gab es hier nichts. »Über die Bahnhöfe Lage und Hövelhof wurde Nordseeschlick in die Senne gebracht, um die schwachen Böden aufzuwerten. Noch heute wachsen dort typische Nordseepflanzen wie zum Beispiel Queller«, sagt Ludwig Teichmann. »Hermannsheide« hieß das Gelände, benannt nach Hermann, dem Cherusker.

Die Not war Ende der 1920er-Jahre groß. Die Schar der Arbeitslosen und die der Jugendlichen wuchs von Monat zu Monat. Pastor Friedrich von Bodelschwingh hatte bereits 1926 die jugendlichen Arbeitslosen zu einem freiwilligen Arbeitsdienst aufgerufen und das erste Lager dafür in Bork in Westfalen eingerichtet. Im Sigmarshof in der Senne hatte ein Blindenverein den Plan aufgegeben, hier eine Einrichtung zu schaffen. Bethel übernahm den Hof und den Wagnerhof, den eine amerikanische Witwe als Stiftung unterstützte. »Bethel musste expandieren«, sagt Teichmann. 1929 wurde der Heimathof gebaut und Ende September 1930 eröffnet. Zwei Jahre später arbeiteten hier 380 junge Leute im freiwilligen Arbeitsdienst, 215 weitere Betheler, die zur Ödlandkultivierung eingesetzt wurden. Zehn Hektar Gemüse- und Obstgärten gab es hier, 25 Hektar Feldgemüse und große Getreide- und Kartoffelfelder.

Pflanzen vom Heimathof hatten einen guten Ruf

1937 wurde ein Teil der Hermannsheide enteignet und dem Truppenübungsplatz Senne zugeschlagen, wenige Jahre später weitere Teile. Dennoch konnte Bethel die Liegenschaften pachten, wegen der sozialen und wirtschaftlichen Bedeutung für die Pflegearbeit in der Anstalt Bethel. In den schwierigen Wirtschaftsverhältnissen während des Krieges wurden die Betheler Krankenhäuser und Lazarette mit Lebensmitteln von Heimathof versorgt. Die westfälische Landwirtschaft erhielt Saatgut vom Heimathof und Zuchtschweine. »Pflanzen vom Heimathof hatten einen guten Ruf. Sie waren robust und wuchsen auf unwirtlichem Gelände.«

Als der Truppenübungsplatz 1959 noch einmal vergrößert wurde, bedeutete das das Aus für den Heimathof. Ludwig Teichmann hat sich mit der Geschichte beschäftigt und ist darauf gestoßen, dass hier auch sowjetische Kriegsgefangene während des Krieges eingesetzt wurden.

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