Landschaftsverband zeigt Ausgrabungsstücke aus dem Kriegsgefangenenlager in Schloß Holte-Stukenbrock
Schicksale aus Stalag 326

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Bestecke, belgische Uniformknöpfe, Becher, Proviantdosen mit kyrillischen Schriftzügen und russischen Namen: Die in der Gedenkstätte Stalag 326 präsentierten Ausgrabungsstücke können dazu beitragen, Schicksale aufzuzeigen und die Geschichte des Kriegsgefangenenlagers weiter aufzuarbeiten.

Mittwoch, 04.09.2019, 08:20 Uhr
Die Essensschüsseln der Gefangenen waren zum Teil mit persönlichen Einritzungen und mit den Jahreszahlen 1912 und 1943 versehen. Foto: LWL/N. Wolpert
Die Essensschüsseln der Gefangenen waren zum Teil mit persönlichen Einritzungen und mit den Jahreszahlen 1912 und 1943 versehen. Foto: LWL/N. Wolpert

Das Stammlager 326 VI K in Schloß Holte-Stukenbrock (Kreis Gütersloh) war im Zweiten Weltkrieg seit November 1941 das zen­trale Aufnahmelager für sowjetische Kriegsgefangene. In den Folgejahren wurden dort Gefangene aus weiteren Ländern untergebracht.

In Zusammenarbeit mit dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) haben Ausgrabungen mehr als 1000 Funde zutage gefördert, die von den Lebensverhältnissen der Inhaftierten zeugen, darunter Proviantdosen und Besteck von Gefangenen. Für die dauerhafte Konservierung und spätere Präsentation werden zusätzliche finanzielle Mittel benötigt.

Bei den Grabungen im ehemaligen Stammlager kamen auch Objekte wie Schuhe und Glasflaschen ans Licht.

Bei den Grabungen im ehemaligen Stammlager kamen auch Objekte wie Schuhe und Glasflaschen ans Licht.

»Kein Essgeschirr, keine Nahrung«

»Die Forschung an Tatorten des Nationalsozialismus ist ein wichtiges Anliegen des LWL«, erklärt LWL-Kulturdezernentin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger am Dienstag. »Die Ausgrabungen im Stalag 326 haben gezeigt, dass die Archäologie hierzu wichtige Beiträge leisten kann.« Sie sagt, dass die Funde zeigten, dass es eine »Zwei-Klassen-Gesellschaft« im Lager gab.

Kriegsgefangene aus dem Osten seien schlechter behandelt worden als die aus westlichen Ländern. »Wer keinen Becher oder Essgeschirr hatte, erhielt keine Nahrung«, schilderte sie die Situation. Die bei der Befreiung des Lagers vorgefundenen Gefangenen seien in schlechtem Zustand gewesen.

Das Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers wird von der Polizei als Ausbildungszen­trum genutzt. Von Ende Juni bis Mitte August dieses Jahres haben Archäologen in Abstimmung mit dem LWL eine Fläche von 600 Quadratmetern untersucht, bevor dort eine neue Trainingshalle gebaut wird. »Die Fundstücke stammen überwiegend aus der Lagerzeit«, erläutert Prof. Dr. Michael Rind, Direktor der LWL-Archäologie für Westfalen. »Diese Menge, die typisch für die Archäologie der Moderne ist, stellt nicht nur unsere Wissenschaftler vor Her­ausforderungen, sondern vor allem unsere Restauratoren.«

Bewegende Funde

Zu den bewegendsten Funden zählen Proviantdosen aus Blech: In die Unterseiten haben die Kriegsgefangenen Bilder und Worte eingeritzt. Eine Dose zeigt einen Hof, der in einer bewaldeten Berglandschaft liegt. »Vermutlich ist dies der Heimatort eines Gefangenen«, sagt der LWL-Archäologe Dr. Sven Spiong. »Unsere Untersuchungen sind noch am Anfang. Zuerst müssen die Funde, die vorwiegend aus Latrinenschächten stammen, gereinigt und konserviert werden.« Eine Auswahl von 30 bis 40 hier gefundenen Objekten könnte eventuell 2020 in der Gedenkstätte gezeigt werden, sagte er auf Nachfrage.

Für die Kriegsgefangenen hatten die gefundenen Gegenstände einen hohen Wert: Sie waren ihr einziger Besitz. Ähnliches gilt für die zahllosen Stoffreste und Lederfragmente von Gürteln und Schuhen. »Die Gefangenen besaßen nicht mehr als die Kleidung, die sie am Leib trugen, und die wenigen Dinge, die sie auf dem langen Marsch ins Lager hatten tragen können«, sagt Oliver Nickel, Leiter der Stalag-Dokumentationsstätte. Wichtige Funde seien auch die Erkennungsmarken. Mit Hilfe der Marken und Regi­strierungsunterlagen könnten Wege der Gefangenen nachvollzogen werden. Eine Marke komme beispielsweise aus Minsk. Die Funde seien auch wichtig für die pädagogische Arbeit vor Ort.

Die Gedenkstätte soll in den nächsten Jahren aufgewertet und gestärkt werden. Für ihre Erhaltung und ihren Ausbau setzt sich seit Jahren der Förderverein der Dokumentationsstätte ein.

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