Fr., 11.10.2019

70 Jahre Evangelische Lagerkirche auf dem Gelände des Sozialwerks Ein Stück Heimat für die Seele

Klaus Streck sucht mit Gertrud Riede (85) nach den Baracken, die sie aus dem Sozialwerk kennt. 16 Jahre hat sie hier gearbeitet und ihren zweiten Mann kennengelernt, der in der Waschküche arbeitete. Links Tochter Brigitte Siek (67) mit ihrem Mann Hermann-Josef.

Klaus Streck sucht mit Gertrud Riede (85) nach den Baracken, die sie aus dem Sozialwerk kennt. 16 Jahre hat sie hier gearbeitet und ihren zweiten Mann kennengelernt, der in der Waschküche arbeitete. Links Tochter Brigitte Siek (67) mit ihrem Mann Hermann-Josef. Foto: Ludwig Teichmann

Von Monika Schönfeld

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Gänsehaut-Momente gab es im Gottesdienst zur Feier des 70. Geburtstages der Evangelischen Lagerkirche auf den Gelände der Polizeischule. Sie war Teil des Sozialwerks, in dem Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Heimat fanden. Heimat war auch das Thema des Festgottesdienstes.

Landespfarrerin Pia Winkler hat drei Zeitzeugen im Gottesdienst berichten lassen, Klaus Streck, Andreas Krummrey und Monika Müller. »Monika Müller erinnerte sich an die Liednummern aus Holz, die an der Wand angeschlagen waren. Als ich die alten Lettern hervorholte, das war Gänsehaut pur«, berichtet Pia Winkler. Für Klaus Streck war die Evangelische Lagerkirche die erste Kirche, die er bewusst betreten hat. An der Wand des Chorraums stehen Teile des Vaterunsers. »Wenn er in einer anderen Kirche ›Dein Reich komme‹ betet, denkt er an die Lagerkirche«, sagt Winkler.

 

Rückzugsort

Diese Prägung ziehe sich durch die Biografien, sagt Winkler. »Heimat ist wichtig. Nicht rückwärts gewandt, sondern als behaust sein, als Ort der Gemeinschaft, in dem man sicher ist. Heimat ist ein Rückzugsort für die Seele. Ein Ort, wo man im Trubel der Ereignisse Kraft findet.«

 

Zeitzeugen sprechen

Als Vertreter der Evangelischen Kirche von Westfalen war der Vertreter der Präses, Ralf Radix, gekommen. Beim Nachdenken über ein Grußwort habe er sich erinnert, dass seine Tante Edith in diesem Lager war. »Seine Tante hat geschwiegen. Es bewegte ihn, dass Zeitzeugen heute sprechen.«

Etwa 50 Besucher waren in den Gottesdienst gekommen. »Wegen der Terrorwarnung nach dem Angriff auf die Synagoge in Halle an der Saale mussten viele Polizisten, die eigentlich kommen wollten, die Synagogen in Bielefeld, Paderborn und Minden beschützen«, sagt Pia Winkler. »Die Gewalt ist uns nahe gekommen. Und das an diesem Ort, einem Gewaltort während des Zweiten Weltkrieges, ein guter Ort später, heute ein Ort, an dem wir uns immer wieder ethische Fragen stellen müssen.«

 

Gewaltraum

Die Evangelische Lagerkirche steht unter Denkmalschutz wie auch das Entlausungshaus. Das war zu Stalag-Zeiten ein »Gewaltraum«. Zu Sozialwerks-Zeiten wurde das Haus als Theater und als Großwäscherei genutzt. Deshalb haben Oliver Nickel, Geschäftsführer der Gedenkstätte Stalag, und Pia Winkler historische Bilder und Dokumente in Kopie mit Klammern an einer Wäscheleine aufgehängt.

Diese Ausstellung mit Bildern von der Grundsteinlegung und weiteren Nutzung der Lagerkirche lockte bereits vor dem Gottesdienst viele Besucher. Zum Beispiel Gertrud Riede (85). Sie stammt aus Masuren, kam als Vertriebene 1961 über das Auffanglager Friedland ins Sozialwerk. Sie hat 16 Jahre hier gearbeitet und ihren zweiten Mann in der Lagerkirche geheiratet. Dort wurde auch ihre jüngste Tochter getauft. 1977 ist sie mit 130 Bewohnern des Altenheimes vom Sozialwerk nach Bad Salzuflen umgezogen.

 

Veröffentlichungen

Ortsheimatpfleger Ludwig Teichmann war als Dreijähriger mit dem Dreirad 1958 auf dem Gelände unterwegs. Sein Vater Karl war Zimmermann und hat an den Baracken mitgebaut. Sein Werkzeug ist in einer Vitrine zu sehen. Ludwig Teichmann schenkte Pia Winkler einen Holzstuhl aus der ersten Bestuhlung der Kirche.

Frank Stückemann, der seit einem Jahr zum Sozialwerk im Auftrag der Landeskirche forscht, will mit Oliver Nickel, Ulrike Pastoor und Wolfgang Günther einen Sammelband herausgeben.

Gerd Plückelmann betreibt seit zehn Jahren eine Internet-Seite zum Sozialwerk. Sein Vater Friedrich war Leiter des A-Blocks.

sozialwerk-stukenbrock.de

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6992355?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2516080%2F