Do., 16.01.2020

50 Jahre Schloß Holte-Stukenbrock: Anfangs Unmut über die Zwangshochzeit Keine Liebe auf den ersten Blick

Stadtarchivarin Anja Martin hat die Unterlagen seit 1970 im Archivkeller des Rathauses vorliegen und auch die Ratsprotokolle der davor selbstständigen Gemeinden Stukenbrock und Schloß Holte. Hier zeigt sie ein Flugblatt anonymer Herkunft, das in der Nacht zum 30. Dezember 1970 verteilt wurde.

Stadtarchivarin Anja Martin hat die Unterlagen seit 1970 im Archivkeller des Rathauses vorliegen und auch die Ratsprotokolle der davor selbstständigen Gemeinden Stukenbrock und Schloß Holte. Hier zeigt sie ein Flugblatt anonymer Herkunft, das in der Nacht zum 30. Dezember 1970 verteilt wurde. Foto: Monika Schönfeld

Von Monika Schönfeld

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). „Aus heutiger Sicht war es richtig. Die Zwangshochzeiten der Gemeinden waren nirgendwo beliebt. In Schloß Holte-Stukenbrock wurde vor 50 Jahren hochemotional diskutiert.“ Stadtarchivarin Anja Martin ist die Hüterin der Ratsprotokolle und Zeitungsausschnitte und auch der Flugblätter, die teils anonym die Entscheidung beeinflussen sollten.

Es kam, wie man’s heute kennt. Der Name der neuen Großgemeinde blieb bei 24 Buchstaben und Zeichen (mit Leerzeichen). Bindestrich-Gemeinden gibt es im Kreis Gütersloh noch mehr: Rheda-Wiedenbrück und Herzebrock-Clarholz sind die weiteren mit Bindestrich verkuppelten Orte.

Der lange Name ist immer für einen Gag gut: 2016 nahmen die Theatertanten einen Versprecher einer Reporterin zum Besuch des Bundespräsidenten 2015 aufs Korn. Foto: Monika Schönfeld

Vor zehn Jahren hat Anja Martin in einem Beitrag für das Heimat-Jahrbuch des Kreises Gütersloh einen Artikel verfasst, in dem es um die Gebietsreform der späten 1960er- und frühen 1970er-Jahre ging: „Grenzen sind nicht sakrosankt“ (unverletzlich, unverrückbar).

Mit der Gebietsreform in Nordrhein-Westfalen wurde die Zahl der Kommunen von 2334 auf 396 verkleinert, 23 davon sind kreisfreie Städte. Getrieben war sie von der Erkenntnis, dass die Daseinsvorsorge für die Bürger erst ab einer bestimmten Größe dauerhaft wirtschaftlich sein kann.

Das so genannte Rietdorf-Gutachten besagte, dass Schloß Holte und Sende, bisher im Kreis Wiedenbrück, und die ebenfalls selbstständige Gemeinde Stukenbrock, bisher im Kreis Paderborn, zusammengeschlossen und dem Landkreis Bielefeld zugeordnet werden sollten. Der Unmut in beiden Gemeinden war groß. „Man befürchtete, infrastrukturelles Entwicklungsgebiet zu werden“, schreibt Anja Martin, „eine zweiköpfige Gemeinde mit zwei Zentren.“ Verl hätte gern Schloß Holte und Sende eingemeindet, Hövelhof gern Stukenbrock-Senne. Das Wiedenbrück-Gesetz, so Anja Martin, machte dem Gezerre ein Ende. Zum 1. Januar 1970 hieß die neue Gemeinde Schloß Holte-Stukenbrock und wurden dem Landkreis Bielefeld zugeordnet.

Kaum hatten sich die Gemüter beruhigt, sorgte ein Erlass des Bundespostministers für Aufregung. Der meinte, Städte- und Gemeindenamen dürften nicht mehr als 16 Buchstaben haben. Das hätte bedeutet, dass der Ort nur noch Schloß Holte geheißen hätte.

In der Ratssitzung am 30. Dezember 1970 wurde mit 18 zu 14 Stimmen für Schloß Holte gestimmt, es brach die Hölle los, der Beschluss wurde wegen eines Verfahrensfehlers als rechtsunwirksam erklärt. Der provisorisch geführte Name mit Bindestrich blieb.

Noch mal Aufregung gab es 1973. Mit dem Bielefeld-Gesetz wurde Schloß Holte-Stukenbrock dem neu gebildeten Kreis Gütersloh zugeordnet.

Stimmen

Aus der Ratssitzung am 30. Dezember 1970:

Georg Dresselhaus (CDU): Ich schlage den Namen Schloß Holte vor, weil Holte kultureller Mittelpunkt ist.

Heinrich Otto (CDU): Der neue Ortskern wird auf Stukenbrocker Gelände entstehen. Da können die Stukenbrocker uns doch soweit entgegenkommen und unseren Vorschlag akzeptieren.

Theo Peters (CDU): Wenn Schloß Holte und Stukenbrock sich küssen, sie ihren Namen ändern müssen. Welcher Name bringt keinen Zorn? Meiner Meinung nach: nur Emsborn.

Werner Kranz (SPD): Neuer Anfang, neuer Name. Wir hatten vorher schon den Vorschlag Mergelheide. Die Gründe für Schloß Holte sind nicht stichhaltig.

Josef Zellermann (CDU): Das Schloss hat doch stets ein Dornröschendasein geführt. Wir sollten von alten Dingen Abschied nehmen.

Georg Tarras (FWG): Wir sollten die Namensgebung nicht unnötig hochspielen. Das ist doch keine Tragödie.

 

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