Über die Geschichte von Stukenbrock-Senne: Dreharbeiten auf dem Truppenübungsplatz
Als Barzel Franz-Josef Strauß überzeugte

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Beinahe hätte Stukenbrock-Senne das gleiche Schicksal getroffen wie das Dorf Haustenbeck oder die Hövelsenne. Es wäre aufgegeben und evakuiert worden, um den Truppenübungsplatz bis zur Bundesstraße auszuweiten. Die St.-Achatius-Kirche war 1940 schon an den Bund verkauft, ein neues Kirchengelände an der Detmolder Straße gefunden. Die Gemeinde hatte die Storchkrug-Siedlung ausgewiesen, um das Dorf zwei bis drei Kilometer nach Westen zu verschieben. Bereits ab 1936 waren Höfe in Stukenbrock-Senne aufgekauft worden. Es kam dann anders. Die so genannte Barzellinie gab vor 60 Jahren den Stukenbrock-Sennern die Gewissheit, dass ihr Dorf bestehen bleibt.

Montag, 08.06.2020, 06:00 Uhr
Kirchenbücher, Zeitungsberichte, die Aufzeichnungen des Pfarrers Anton Bangen, Zeitzeugenberichte und mehr: Die Arbeitsgruppe Kulturhistorie sichtet die Dokumente. Hier schauen die Zeitzeugen Josef Austermeier und Elisabeth Kipshagen (stehend) Ortsheimatpfleger Ludwig Teichmann und dem Vorsitzenden des Dorfvereins, Hermann-Josef Brummelte (links), über die Schultern. Foto: Monika Schönfeld
Kirchenbücher, Zeitungsberichte, die Aufzeichnungen des Pfarrers Anton Bangen, Zeitzeugenberichte und mehr: Die Arbeitsgruppe Kulturhistorie sichtet die Dokumente. Hier schauen die Zeitzeugen Josef Austermeier und Elisabeth Kipshagen (stehend) Ortsheimatpfleger Ludwig Teichmann und dem Vorsitzenden des Dorfvereins, Hermann-Josef Brummelte (links), über die Schultern. Foto: Monika Schönfeld

Zu verdanken ist die endgültige Grenze des Truppenübungsplatzes, wie man sie heute kennt an der Panzerringstraße (Am Bärenbach), dem damaligen CDU-Bundestagsabgeordneten Rainer Barzel. Der setzte sich für den Erhalt Stukenbrock-Sennes ein und überzeugte den damaligen Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß davon, der am 19. Juli 1960 Stukenbrock-Senne besuchte. An dieses Datum wollte der Verein Unser Dorf Stukenbrock-Senne mit einem Fest am 29. August in der Ems-Erlebniswelt erinnern. „Holger Gebauer hat sich im Wesentlichen um die Planung gekümmert. Das Fest wird wegen der Corona-Pandemie allerdings nicht stattfinden“, sagt Hermann-Josef Brummelte, Vorsitzender des Dorfvereins: „Wir werden die Präsentation verschieben, eventuell bis in den Januar.“

Arbeitsgruppe sollte schon vor zehn Jahren entstehen

Hermann-Josef Brummelte berichtet, dass innerhalb des Dorfvereins bereits vor zehn Jahren der Gedanke entstanden war, dass eine Arbeitsgruppe zur Kulturhistorie die Geschichte Stukenbrock-Sennes aufarbeiten sollte, um sie der zukünftigen Generation zu erhalten, aber auch der gegenwärtigen zu erklären, warum Stukenbrock-Senne heute so ist, wie es ist. Mit Brummelte haben sich Ortsheimatpfleger Ludwig Teichmann, Leo Austermeier und Klaus Streck des Themas angenommen. „Wir haben gesammelt und gerettet, was zu retten war.“ Ludwig Teichmann hatte schon vorher begonnen, Menschen aus der Senne zu befragen und ihre Geschichte aufzuschreiben. „In 15 Jahren habe ich mit 210 Zeitzeugen gesprochen“, sagt Teichmann. Ein Teil der Zeitzeugen findet sich mit ihrer Geschichte in Ludwig Teichmanns Buch „Vom Leben in der Senne. Zeitzeugen aus hundert Jahren erzählen“, das der Heimat- und Verkehrsverein 2008 im Bonifatius-Verlag herausgegeben hat.

In 15 Jahren habe ich mit 210 Zeitzeugen gesprochen.

Ludwig Teichmann

Gemeinsam mit der Schützenbruderschaft St. Achatius Stukenbrock-Senne, die nächstes Jahr ihren 100. Geburtstag feiert, dem Lenkungskreis Gedenkstätte Stalag 326 unter der Leitung des Landtagspräsidenten André Kuper und dem Heimat- und Verkehrsverein arbeitet der Verein Unser Dorf Stukenbrock-Senne die Geschichte des Ortes auf. Mit fünf Zeitzeugen war die Arbeitsgruppe auf dem Truppenübungsplatz. „Bürgermeister Hubert Erichlandwehr hat uns unterstützt, eine Drehgenehmigung zu bekommen“, berichtet Brummelte. So haben Elisabeth Kipshagen geborene Bories (68), die bis 1974 auf dem Truppenübungsplatz gewohnt hat, berichtet wie auch Annegret Schapöhler (66) und Josef Austermeier (64).

Brummelte und Finke haben sich seit 64 Jahren nicht mehr gesehen

Ihre Erinnerungen hat Marwin Gansauge gefilmt wie auch die der ehemaligen Nachbarn Heinrich Brummelte (86) und Helmut Finke (83), dessen Vater auf dem Heimathof gearbeitet hat, einer Einrichtung der von Bodelschwinghschen Anstalten, allerdings schon auf Augustdorfer Gebiet. Brummelte und Finke haben sich seit 1956, also 64 Jahre lang, nicht mehr gesehen. Helmut Finke stellte dar, wie groß die Senne ist. Er ging vom Heimathof acht Kilometer zum Bahnhof Hövelriege, um von dort nach Bielefeld zur Arbeit zu fahren. Heinrich Brummelte hat 1961 die alte Hofstelle auf dem Truppenübungsplatz aufgegeben. Bereits 1957 hat er in der Storchkrug-Siedlung ein Haus gebaut.

Kurzdokumentation von maximal zehn Minuten entsteht

Eine Kurzdokumentation von maximal zehn Minuten mit Film, Text und historischen Dokumenten für Besucher, Radfahrer und Urlauber wird es vermutlich ab Herbst am digitalen Tisch in der Ems-Erlebniswelt geben. Die Zeitzeugen-Interviews sollen zu einem Film von 90 Minuten geschnitten werden. Darin enthalten sind Auskünfte und alte Fotos über die alten, meist nicht mehr sichtbaren Hofstätten und ihre Lage auf dem Truppenübungsplatz. Die Dokumentation soll entweder über die Ems-Erlebniswelt zugänglich gemacht werden oder über ein Dorfbüro, von dem der Dorfverein hofft, es im Gebäude an der Stelle des heute leer stehenden Forellenkrugs am Dorfplatz unterbringen zu können. Arbeitstitel der Dokumentation: So war das Leben in der Senne. Mittel- bis langfristig sei es denkbar, die Geschichte wissenschaftlich aufzuarbeiten. „Es gibt unglaublich viel Material. Die bisherigen Zeitzeugen fördern bei anderen die Bereitschaft, sich mitzuteilen“, sagen Ludwig Teichmann und Hermann-Josef Brummelte. Denn die Geschichte des Dorfes ist eng verknüpft mit der Militärgeschichte (Truppenübungsplatz), der Geschichte des Dritten Reiches (Kriegsgefangenenlager Stalag 326 und Ehrenfriedhof Sowjetischer Kriegstoter) und der Sozialgeschichte (Sozialwerk Stukenbrock).

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