Paul Mülich hat vor seinem Tod Ludwig Teichmann seine Geschichte erzählt
Der Krieg hat sein Leben geprägt

Schloß Holte-Stukenbrock (WB/ms). Kurz bevor Paul Mülich im März im Alter von 86 Jahren gestorben ist, hat der Forstwirtschaftsmeister und Sozialdemokrat dem Ortsheimatpfleger Ludwig Teichmann seine Geschichte erzählt. Teichmann sammelt Berichte von Menschen, die in der Senne gelebt haben. Paul Mülich erzählt von seiner Kindheit in Pivitsheide, von seiner großen Begeisterung für die Natur und von der Dörenschlucht, in der während des Zweiten Weltkriegs Männer ihr Leben ließen. Das hat Paul Mülich geprägt, auch wenn er zum Ende des Krieges gerade mal zwölf Jahre alt war.

Montag, 22.06.2020, 06:00 Uhr
Paul Mülich war Forstwirtschaftsmeister der Tenge-Rietberg’schen Forstverwaltung. Bis zu seinem Tod im März 2020 lebte er im Forsthaus im Holter Wald. Foto: Ludwig Teichmann
Paul Mülich war Forstwirtschaftsmeister der Tenge-Rietberg’schen Forstverwaltung. Bis zu seinem Tod im März 2020 lebte er im Forsthaus im Holter Wald. Foto: Ludwig Teichmann

„Vom Tag des Ausbruchs des Zweiten Weltkrieges habe ich nichts mehr in Erinnerung. Das war für uns Kinder damals auch irgendwie alles weit weg. Aber als der Krieg dann zum Schluss auch nach Lippe, also direkt zu uns nach Pivitsheide und in die Dörenschlucht kam, da war man ja schon etwas älter. Und da habe ich, was dort passierte, noch alles recht genau in Erinnerung“, berichtete Paul Mülich. Sein Vater starb in russischer Gefangenschaft. „Über die Umstände von Vaters Tod hat uns viel später einer seiner Kameraden erzählt.“

Zunächst nicht viel mitbekommen

Zunächst jedoch haben die Kinder nicht viel mitbekommen. „Als aber in unserem Umfeld in Pivitsheide und rings um unser Haus immer mehr Männer eingezogen wurden und Soldat werden mussten, da wurde immer mehr über den Krieg gesprochen.“ In der Schule haben die Kinder auf der großen Karte den Frontverlauf skizziert. „Viele Väter waren jetzt im Osten eingesetzt, da interessierte uns der Krieg mit Russland schon sehr.“

Er erinnert sich an seine Klassenlehrerin, die es bis zur Gebietsmädelführerin gebracht hatte. „Morgens ging es los mit stramm stehen, Hitlergruß zeigen, Horst-Wessel-Lied absingen und so weiter. Ich war ja auch bei den Pimpfen. Und das mit den gemeinsamen Geländespielen, Zeltlager und Wanderungen gefiel mir. Man wurde da eben voll vereinnahmt. Da hat man als Zehnjähriger aber nicht weiter darüber nachgedacht.“ Er bekam ein Messer mit dem HJ-Zeichen auf dem Griff, die Pimpfe wurden vereidigt. „Wir haben damals die Hände zum Schwur für Adolf Hitler gehoben, da dachte man doch nicht weiter drüber nach. Selbst als riesige Bomberverbände über uns weggeflogen sind, selbst da stand man immer noch hinter allem.“

Ich erinnere mich, als das 1943 und 1944 mit den Bombenangriffen mehr wurde, gingen wir immer rüber zu den Nachbarn in den Keller.

Paul Mülich

Als später die Amerikaner einrückten und ein Nachbarsjunge mit einer weißen Flagge angelaufen kam und schrie: „Paul, unsere Befreier sind da!“, da habe er ihm erst mal eine reingehauen. „Ich erinnere mich, als das 1943 und 1944 mit den Bombenangriffen mehr wurde, gingen wir immer rüber zu den Nachbarn in den Keller.“ Mit der Zeit hatte er aber festgestellt, dass die Bomber über sie hinwegflogen. Er habe unter dem Schuppendach gestanden und die großen Verbände angeschaut. „Das waren oft hunderte Maschinen, die in mehreren Schüben kamen, darunter auch viele Lightning-Bomber mit dem gut erkennbaren doppelten Leitwerk. Wir haben mitbekommen, wie Bielefeld bombardiert wurde und auch Kassel.“ Paul Mülich berichtet, wie mal ein deutscher Jäger dazwischen ging. Einem Bomber sei ein Flügel abgetrennt worden. Die Kinder folgten der Richtung, in die er davon trudelte bis fast nach Lemgo. „Wir hatten Wrackteile der Maschine gesehen und auch tote amerikanische Fliegersoldaten.“

Paul Mülich berichtet von rumänischen SS-Einheiten, die zur Sonderausbildung in die Senne und nach Augustdorf mussten. „Was die uns erzählten, war grausam anzuhören. Das meiste habe ich verdrängt. Aber selbst das Wenige, was ich noch in Erinnerung habe, möchte ich heute nicht aussprechen. So schlimm waren diese Schilderungen.“

Große Kolonnen russischer Kriegsgefangener

Wenige Tage vor Ostern 1945 hat Paul Mülich große Kolonnen russischer Kriegsgefangener gesehen, immer in Pulks von 50 bis 100 Mann, die von Stukenbrock kommend von einem Landser mit Gewehr begleitet durch Augustdorf Richtung Bahnhof Lage gingen. „Von dort sollten sie wohl abtransportiert werden. Die russischen Gefangenen hatten sehr schlechtes Schuhwerk, trugen zerschlissene Uniformteile und hatten hinten drauf auf ihren Jacken zwei große Buchstaben mit weißer Farbe gemalt. Ich meine, das wären die Buchstaben SU gewesen.“

Russische Gefangene habe es auch in einem Lager bei Augustdorf gegeben, eins bei Hartröhren und eines bei Lopshorn, dann noch eins in Pivitsheide nahe dem Eichenkrug. Einmal habe er gesehen, wie ein Gefangener mit dem Gewehrkolben verprügelt wurde, weil er Gras abgerissen hatte und einstecken wollte.

Russen sangen wie der Don-Kosaken-Chor

Als Kinder haben sie sich zum Russenlager geschlichen, weil die singen konnten wie der Don-Kosaken-Chor. Einmal seien sechs Russen aus einer Fabrik in Lage abgehauen. 14 Tage hielten sie sich im Teutoburger Wald versteckt, bis man sie einfing. „Russenfichten“ heißt die Stelle seitdem.

An das Ende des Krieges erinnerte sich Paul Mülich noch sehr genau. „Als der erste Jeep bei uns auf den Hof rollte, da waren das zu unserem großen Erstaunen doch relativ freundliche Menschen.“

Panzerfaust nicht anfassen

Seiner Mutter hatte er versprochen, auf keinen Fall eine Panzerfaust anzufassen, die deutsche Soldaten einfach weggeworfen haben. „Man musste auch vorsichtig sein wegen der Russen, die überall herumliefen und plünderten. Wenn Russen unterwegs waren, warnten sich die Menschen gegenseitig, indem sie heftig mit Klöppeln auf die großen, leeren Geschosshülsen aus Metall schlugen. Auch Deutsche schlossen sich als Russen getarnt diesen Plünderungszügen an. Da kannten einige nichts. Das war schon eine verrückte Zeit damals.“

Paul Mülich berichtet, dass er auch später immer wieder auf Relikte des Krieges gestoßen sei. „Als ich 1947 von Heidenoldendorf kommend mit anderen zusammen mal quer über Lopshorn auf den Heimathof und dann auf die Emsquellen zuwanderte, lag in der Kammersenne noch so viel Munition herum, dass einem Angst und Bange werden konnte.“ 

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