Chor versus Corona: Lady Dur probt im Stadion des VfB Schloß Holte
Hochgefühl nach 106 Tagen Abstinenz

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Es ist Samstag, 7.30 Uhr, als mein Wecker mich fröhlich daran erinnert, dass heute ein besonderes Ereignis auf mich wartet. Endlich! Nach langen 106 Tagen Pause die erste gemeinsame Probe mit meinem Chor Lady Dur.

Mittwoch, 24.06.2020, 05:00 Uhr
Silke Wagner, 2. Vorsitzende des Frauenchors Lady Dur, schildert das Hochgefühl, nach 106 Tagen Abstinenz im Stadion des VfB Schloß Holte singen zu dürfen. Foto: Lisa Friesen
Silke Wagner, 2. Vorsitzende des Frauenchors Lady Dur, schildert das Hochgefühl, nach 106 Tagen Abstinenz im Stadion des VfB Schloß Holte singen zu dürfen. Foto: Lisa Friesen

Ein kleines, fieses Virus namens Corona hat uns einen dicken Strich durch unsere Pläne für 2020 gemacht. Die Chorprobe am 12. März hatten wir vorsorglich abgesagt und am selben Abend in einer außerordentlichen Vorstandssitzung beschlossen, das auch für die kommenden Wochen zu tun. Wir haben unsere Chorfahrt in der darauf folgenden Woche storniert und unser im Mai geplantes Konzert auf das nächste Jahr verschoben.

Das Drohnenfoto zeigt, dass die Sängerinnen die Abstände einhalten. Jede hat zehn Quadratmeter für sich. Das haben zwei Vorstandsdamen exakt ausgemessen.

Das Drohnenfoto zeigt, dass die Sängerinnen die Abstände einhalten. Jede hat zehn Quadratmeter für sich. Das haben zwei Vorstandsdamen exakt ausgemessen. Foto: Volker Kleinehagenbrock

Im Nachhinein waren all diese Maßnahmen genau richtig, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass seitdem jedem von uns etwas Wichtiges in unserem Alltag fehlt: Das gemeinsame Singen. Social Distancing tut weh! Das haben wir alle in den vergangenen Monaten erfahren.

Durch den Probenraum geschlichen

Als die Sicherheitsmaßnahmen dann nach und nach etwas gelockert wurden, durften die Sportvereine wieder starten, aber der gemeinsame Chorgesang wurde zur Virenschleuder Nummer eins erklärt. Vor ein paar Wochen kam dann das Startsignal: unter Einhaltung von bestimmten Regeln dürfen Chöre wieder proben. Drei Meter Abstand zwischen den Sängern und sechs Meter in Ausstoßrichtung, außerdem zehn Quadratmeter Platz pro Sänger. Also sind wir zu zweit mit Maske und Sicherheitsabstand durch unseren Probenraum geschlichen und haben gemessen. Ernüchterndes Ergebnis war eine maximal mögliche Personenzahl von fünf. Bei 60 Chordamen darf also jede alle zwölf Wochen singen. Unmöglich! An einen größeren Probenraum ist derzeit nicht ranzukommen, aber Bürgermeister Hubert Erichlandwehr hat uns versprochen, sich zu melden, falls sich neue Möglichkeiten diesbezüglich ergeben.

Letzter Ausweg: Wir müssen an die frische Luft. Aber wohin? Wir brauchen Strom und jede Menge Platz. Das rettende Angebot kam vom VfB Schloß Holte. Jetzt musste noch die Genehmigung der Stadt eingeholt und ein Hygienekonzept entwickelt werden. Und dann war es endlich soweit.

Ich freu mich schon wie ein Kind, das auf Weihnachten wartet.

Chorschwester Monika

Beim Blick aufs Handy tauchen die ersten WhatsApp-Nachrichten meiner Chorschwestern auf. Monika schreibt: „Ich freu mich schon wie ein Kind, das auf Weihnachten wartet. Ich bin sogar etwas aufgeregt.“ Und Stefanie freut sich wie „Bolle“. Nicht nur Cynthia fragt sich, ob das Chorshirt noch passt. Corona hat wohl seine Spuren hinterlassen.

Die zweite Tasse Kaffee verkneife ich mir heute lieber. Drei Stunden auf dem Sportplatz ohne die Möglichkeit, die Toiletten zu nutzen, können lang werden. Gehört aber mit zu den Hygienevorschriften.

Um kurz nach neun packe ich mir meine Noten, eine Flasche Wasser, einen kleinen Klapphocker und natürlich den Schnutenpulli in meinen Fahrradkorb und radle los in Richtung Sportplatz.

Ist hier Weibsvolk anwesend?

Chorleiter Andreas Lehnert

Unser Chorleiter Andreas Lehnert ist schon da und auch einige andere Vorstandsdamen. Jede Menge Technik muss ausgeladen und aufgebaut werden. Also Maske auf und los geht’s. Zum Glück sind genug helfende Hände vor Ort. Als nächstes werden die Reihen eingeteilt, damit auch jeder genug Abstand zu seinem Nachbarn einhält. Und dann trudeln nach und nach meine Mitsängerinnen ein. Jede einzelne trägt vorschriftsmäßig ihren Mund-Nasen-Schutz und registriert sich am Eingang bei Margret. Jeder Teilnehmer muss erfasst werden. Trotz der Gesichtsverkleidung erkennt jede von uns, wer dahinter steckt und man begrüßt sich so innig wie das eben möglich ist unter Einhaltung des Sicherheitsabstandes – mit einem freundlichen Hallo und lächelnden Augen.

Fröhliches Geschnatter

Und da ist auch sofort wieder dieses fröhliche Geschnatter von fast 40 Damen, was uns sonst jeden Donnerstag die Ohren klingeln lässt. Auch Andreas kann sich das gewohnte „Ist hier Weibsvolk anwesend?“ nicht verkneifen. Als dann die ersten Töne seines Keyboards aus den Lautsprechern erklingen, schlägt mein Herz vor Freude schneller. Wie sehr mir das hier wirklich gefehlt hat, merke ich erst jetzt. Nach ein paar Aufwärmübungen singen wir das erste Lied: „Altes Fieber“ von den Toten Hosen. Irgendwie passend! Es fühlt sich gut an, wieder zu singen, aber auch komisch. Die Damen, die zwei Meter neben beziehungsweise vier Meter hinter mir stehen, kann ich fast gar nicht hören, weil sie so weit weg sind. Aber bei unserem Chorleiter auf der Tribüne bündeln sich alle Stimmen und er ist begeistert, was da nach so langer Pause doch noch geht. Zwei Stunden lang singen wir alle Lieder, die wir eigentlich auf unserem Konzert vor Publikum gesungen hätten. Und auch das letzte Lied passt irgendwie zur jetzigen Situation: „We are the World“ von Michael Jackson.

Wieder zu Hause angekommen, ist mein Handy erneut voll mit WhatsApp-Nachrichten. Monika ist noch immer ganz euphorisch, Cynthia erleichtert, dass das Shirt doch noch passt, und ganz viele Ladys wollen das unbedingt noch mal machen.

Dank an den Sportverein

Vielen Dank an den VfB Schloß Holte, dass ihr uns diese Probe möglich gemacht habt und an unsere Kamerafrauen und -männer, die das Ganze in Bild und Ton festgehalten haben.

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