Corona-Krise verhindert seit 14 Wochen Proben – Veranstaltungsbranche hart getroffen
Popsongs auf der grünen Wiese

Schloß Holte-Stukenbrock (WB). Seit Mitte März gehört das Hobby der Sänger zur Risikokategorie. Die Gefahr beim Singen liegt im Ausstoß der Aerosole: Dies sind winzige, in der Luft schwebende Partikel, die überall dort entstehen, wo Tröpfchen fein vernebelt werden – eben beim Sprechen und Singen. Aerosole können das Coronavirus über Entfernungen von mehreren Metern durch die Luft verbreiten.

Dienstag, 30.06.2020, 18:21 Uhr aktualisiert: 30.06.2020, 18:24 Uhr
D er Städtische Frauenchor Lady Dur hat im VfB-Stadion gesungen, der PoGo-Chor Schlangen (Foto) auf der Wiese. Chorleiter Andreas Lehnert schildert die Schwierigkeiten selbstständiger Musiker und der Chöre, denen das Gemeinschaftsgefühl fehlt. Foto: Ulrike Lehnert
D er Städtische Frauenchor Lady Dur hat im VfB-Stadion gesungen, der PoGo-Chor Schlangen (Foto) auf der Wiese. Chorleiter Andreas Lehnert schildert die Schwierigkeiten selbstständiger Musiker und der Chöre, denen das Gemeinschaftsgefühl fehlt. Foto: Ulrike Lehnert

„Die Vorschriften der Landesregierung NRW zur Probenarbeit beim Singen sind entsprechend streng“, sagt Andreas Lehnert vom Pop- und Gospelchor Ton-Art Schlangen, der außerdem auch den Frauenchor „Lady Dur“ in Schloß Holte-Stukenbrock , den ökumenischen Chor Bad Lippspringe und Schlangen, die PoGo-Kids Schlangen und den Heart Chor Rolfzen leitet. „Mit einem Abstand von zwei bis drei Metern zwischen den einzelnen Personen und somit sieben Quadratmetern freiem Raum um jeden Sänger herum, mindestens vier Metern zwischen Chorleiter und der ersten Reihe und einer Verweildauer von höchstens 45 Minuten im Probenraum ist an einen regulären Probenbetrieb nicht zu denken.“ Auch der Instrumentalunterricht, den Andreas Lehnert in seinen Räumlichkeiten gibt, durfte nicht stattfinden.

Mit Abstand

Kurz vor den Sommerferien hätte der PoGo-Chor eigentlich sein traditionelles Sommerkonzert gegeben. Dies nahm der Chorleiter zum Anlass, um das gemeinsame Singen noch einmal in Erinnerung zu rufen. Er regelte die Formalitäten mit dem Ordnungsamt und holte die Genehmigung für die Nutzung der Wiese auf dem Gelände der freien Christengemeinde Schlangen in der Schützenstraße 35 ein.

Mit einem Abstand von zwei Metern – im Außenbereich erlaubt – fanden sich 35 Sänger und Sängerinnen ein, um gemeinsam ein paar Lieder zu singen. „Da merkt man erst richtig, was einem gefehlt hat“, waren sich die Sänger und Sängerinnen einig. Mit dem Treffen wurde die sechswöchige Sommerpause eingeleitet – ein Tropfen auf den heißen Stein für die Hobby-Gemeinschaft.

Während der Corona-Pause hat der Chor zwei Songs aus dem „Home Office“ eingesungen. Mit dem Playback im Ohr hat jeder seinen Part zu dem vorgegebenen Song in Bild und Ton zuhause aufgenommen. Die einzelnen Filmchen werden zusammengeschnitten und – wie häufig in aktuellen Musikvideos zu sehen – als Collage zusammengestellt. Dazu werden die übereinandergelegten Tonspuren abgespielt. So entstand trotz Distanz ein gemeinsamer, mehrstimmiger Song.

Beim Wiesen-Singen der PoGos wurde den Sängerinnen und Sängern ihr Projekt als Hörerlebnis präsentiert. „Das Einsingen zuhause und alleine vor der Handykamera war sicher merkwürdig, doch das Ergebnis bringt uns wieder zusammen“, beschreibt Andreas Lehnert das Projekt.  Die aufwendige Verarbeitung der 26 teilnehmenden Einzelstimmen in Ton und Bild hat er gemeinsam mit Volker Bringsken und Nadine Voß umsetzen können.

Andreas Lehnert macht auf die Problematik in der gesamten Veranstaltungsbranche aufmerksam. Er erinnert an die „Night of Lights“, in der Firmen aus der Branche durch rot illuminierte Gebäude – darunter der Paderborner Dom – eine Art Mahnwache hielten. Auch ihm als Unternehmer fehlen die Einnahmen. „Als selbstständiger Musiker bin ich angewiesen auf die Einnahmen aus der Probenarbeit mit den fünf Chören, aus Konzerten und Projekten. Chorproben können und werden bis auf weiteres auf Grund der strengen Vorgaben nicht stattfinden.“

Auch sein wöchentlicher Einsatz bei den Gottesdiensten in der Justizvollzugsanstalt Staumühle ist bis auf weiteres auf Eis gelegt. Diverse Musikprojekte, wie das Musicalprojekt 2020 in Schlangen und ein weiteres mit Kindern in Gehrden, sind durch die behördlichen Auflagen ausgefallen. Dadurch entstehen Einnahmeverluste, die nicht aufgefangen werden. „Die Soforthilfe der Bundesregierung für die Soloselbstständigen klang im März sehr vielversprechend“, erklärt Lehnert. „In der Realität gibt es aber Ernüchterung, da diese Gelder nur für Betriebskosten verwendet werden dürfen. Die gesamte Ausgabenseite läuft stetig weiter. Hier stimmen Theorie und Praxis nicht überein“, so Lehnert weiter.

Mit Solidarität

Obwohl derzeit keine Chorproben stattfinden können, zeigen die Mitglieder und Chorvorstände der fünf Chöre eine große Solidarität mit ihrem Chorleiter. Honorare für Andreas Lehnert fließen, wenn auch nicht vollständig. „Dafür bin ich sehr dankbar“, betont der hauptberufliche Musiker. „Anderenfalls würde mir völlig unverschuldet der Absturz in die Arbeitslosigkeit drohen und meiner Aufgabe und Tätigkeit als Musiker die Grundlage fehlen.“

Dass Singen oder Musizieren die Gemeinschaft stärken kann, habe man nicht zuletzt in Italien gesehen. „Besonders in einer solch unplanbaren Zeit sehnen sich die Menschen nach Gemeinsamkeit“, weiß er. Deshalb hat er punktuelle Treffen der Chöre unter den möglichen Bedingungen ins Leben gerufen. Neben dem Wiesen-Singen des PoGo-Chores hat sich auch der ökumenische Chor Bad Lippspringe und Schlangen zum Singen und Informationsaustausch im Glaubenspavillion auf der Gartenschau in Bad Lippspringe getroffen; der Frauenchor „Lady Dur“ in Schloß Holte-Stukenbrock hat ein Freiluft -Singen auf dem Sportplatz organisiert.

Die Planungen gehen trotz der Unsicherheit weiter. Wenn die Bedingungen es zulassen, soll der Probenbetrieb der Chöre ab Mitte August wieder anlaufen. „Danach geht es hoffentlich mit der regulären Probenarbeit weiter.“

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