Anlässlich der Jahresinventur bei „Copy & more“ spricht Peter Dierich über Wettbewerbsverzerrung im Lockdown
8000 Artikel fest im Blick

Schloß Holte-Stukenbrock WB -

Zum siebten Mal das gleiche Spiel.

Mittwoch, 06.01.2021, 17:24 Uhr
Margit Dierich kontrolliert anhand ihrer Listen die Bestände im Schreibwaren-Fachgeschäft „Copy & more“ am Holter Kirchplatz. Zum siebten Mal steht die ungeliebte Jahresinventur an, bei der 8000 Artikel erfasst werden müssen.
Margit Dierich kontrolliert anhand ihrer Listen die Bestände im Schreibwaren-Fachgeschäft „Copy & more“ am Holter Kirchplatz. Zum siebten Mal steht die ungeliebte Jahresinventur an, bei der 8000 Artikel erfasst werden müssen. Foto: Dirk Heidemann

8000 Artikel stehen nach Nummern oder alphabetisch sortiert auf diversen Listen, müssen gefunden, gezählt und schließlich eingetragen werden. Es ist Jahresinventur bei „Copy & more“ am Holter Kirchplatz. Drei bis vier Großkampftage für Margit (57) und Peter Dierich (62). Üblicherweise wird das Geschäft für diese Zeit geschlossen. Doch durch den Lockdown sind die Türen bereits seit dem 16. Dezember 2020 dicht.

Für Geschäftsführer Peter Dierich ist das nicht nachvollziehbar. Er spricht offen von Wettbewerbsverzerrung. Denn Schreibwaren, die einen Großteil des Bestands bei Copy & more ausmachen, dürfen beispielsweise in Supermärkten oder Drogerien weiterhin verkauft werden. Das hätte das Land NRW seiner Meinung nach unterbinden müssen. Oder es hätte so handeln sollen wie in Bayern. „Dort zählt Schulbedarf zu den Produkten des täglichen Bedarfs und die entsprechenden Geschäfte haben auch geöffnet. Das es hier anders ist, kann ich nicht nachvollziehen“, so Dierich.

Denn gerade jetzt im Januar, wo neben den Fixkosten auch besondere finanzielle Belastungen wie das Begleichen von Versicherungsrechnungen anstehen, fehle es an Einnahmen. Die Umsatzzahlen sind bereits sehr weit zurückgegangen und die Bestellungen, Copy & more bietet neben einer kontaktlosen Warenausgabe auch einen Lieferservice an, reichen nicht aus, um die laufenden Kosten zu decken.

Dabei hatten die Dierichs, wie alle anderen Einzelhändler auch, nach dem ersten Lockdown im Frühjahr alles unternommen, um die Corona-Schutzmaßnahmen zu erfüllen. Auf ihren 120 Quadratmetern Verkaufsfläche wären zwölf Kunden gleichzeitig zugelassen gewesen, Margit und Peter Dierich begrenzten die Zahl freiwillig auf fünf, „damit unsere Kunden ein sicheres Gefühl haben.“ Der obligatorische Desinfektionsständer am Eingang wurde angeschafft und die Scheiben mit einer speziellen Anti-Viren-Folie beklebt.

Was jetzt noch bleibt, ist die Hoffnung auf bessere Zeiten. „Wir wünschen uns, dass sich alles möglichst schnell wieder normalisiert“, sagt Peter Dierich. Die Beratung vor Ort und das Ausprobieren der Produkte („Wir haben immer noch Füllfederhalter als Testexemplare“) könnten die großen Läden nicht bieten. „Zudem herrscht oftmals der Gedanke vor, die Großen müssen auch günstiger sein. Aber oftmals machen wir die besseren Preise. Meine Frau und ich sind früher oft nach Bielefeld zu Karstadt gefahren und haben in der dortigen Schreibwarenabteilung nur mit dem Kopf geschüttelt: Was machen die für Preise? Da können wir locker mithalten“, so Peter Dierich.

Oxford-Schulhefte und -Collegeblöcke zählen aufgrund ihrer Qualität nach wie vor zu den Klassikern bei Copy & more. Es gab aber auch schon echte Flops. Ein ständiger Sortimentswechsel ist daher unabdingbar und verlangt zuweilen ein gewisses Fingerspitzengefühl. Als die so genannten „Fidget Spinner“ zum Trendspielzeug und auch bei den Dierichs stark nachgefragt wurden, gab es Lieferschwierigkeiten. Als sie wieder verfügbar waren, hielt man sich bei Copy & more mit der Order zurück. „Da war das Risiko bereits zu groß“, so Peter Dierich. Wenig später ebbte der Boom ab – also alles richtig gemacht. Dabei hat sich Peter Dierich durchaus ein Stück Kindheit bewahrt und lässt sich davon auch durchaus leiten. Er zeigt auf einen roten Styroporflieger, der unter der Decke seines Geschäfts hängt. „Nahezu unkaputtbar. So einen hatte ich mir in meiner Jugend immer gewünscht. Aber entweder gab es ihn nicht oder der Preis war zu hoch.“

Die Leidenschaft seiner Frau Margit sind Postkarten, ein entsprechendes Angebot ist im Geschäft vorhanden – und wartet auf Käufer. Unterdessen geht es weiter mit der Inventur. Unterstützt werden Margit und Peter Dierich dabei von Maria Pilz, Lill Anna Pape sowie den drei Studentinnen Vivienne Heuwagen, Kim Thomaschewski und Rieke Sielemann. Sie zählen jeden Bleistift, unterteilt nach Farben und Strichstärke, jedes Radiergummi. Ganz viel Kleinkram eben, bis nach 8000 notierten Artikeln auch das siebte Spiel endlich beendet ist.

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