Mi., 13.02.2019

Historiker schildert in NS-Buch Ausgrenzung und Gewalt gegen jüdische Familie Die Brockhagener Pogromnacht

Das Wohnhaus der Familie Hurwitz in Brockhagen, das am 11. November 1938 angezündet wurde und abbrannte. Das Bild entstand bereits um 1910 und zeigt die Verwandte Lina Wißbrunn mit Tochter Jenny.

Das Wohnhaus der Familie Hurwitz in Brockhagen, das am 11. November 1938 angezündet wurde und abbrannte. Das Bild entstand bereits um 1910 und zeigt die Verwandte Lina Wißbrunn mit Tochter Jenny. Foto: Stadtarchiv Halle

Von Annemarie Bluhm-Weinhold

Steinhagen-Brockhagen (WB). Als in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 überall in Deutschland Synagogen, Geschäfte und Häuser von Juden brannten, blieb es in Brockhagen ruhig. Erst am 11. November wurde das Haus der Familie Hurwitz zerstört. Das ist Thema im dritten Teil der WESTFALEN-BLATT-Serie .

Die Brockhagener Pogromnacht hat eine Vorgeschichte, wie der Bielefelder Historiker Dr. Jürgen Büschenfeld in seinem Buch »Steinhagen im Nationalsozialismus« schildert: »Der ›Fall‹ Hurwitz ... beginnt viel früher, ganz sicher vor 1933, als NSDAP und SA in Brockhagen ihre Strukturen gründeten, festigten und ausbauten, als die ›Gewaltmenschen‹ der örtlichen Parteiführung begannen, die Familie Hurwitz zu stigmatisieren, auszugrenzen, zu drangsalieren und zu provozieren.« Die Familie Hurwitz war die einzige jüdische Familie in Brockhagen, Nathan Hurwitz, ein Viehhändler, ein geachteter Mitbürger, der älteste Sohn Karl unter den Gefallenen des Ersten Weltkriegs, verewigt auf der Gedenktafel an der Kirche.

SA-Führer wollten Hurwitz-Sohn aus dem Festzelt schmeißen

Und dennoch... Zu einem ersten Vorfall kam es im Frühsommer 1934, als bei einem Feuerwehrfest der SA-Führer den Sohn der Familie Hurwitz aus dem Festzelt werfen lassen wollte, was Feuerwehrleute zu verhindern suchten. Es kam zum Tumult, der dank des Amtsbürgermeisters Meyer zu Hoberge ordentlich Wellen bis ins Landratsamt schlug.

Am 9. November 1934, dem Jahrestag des Hitlerputsches von 1923, kam es im Rahmen der auch in Brockhagen zelebrierten »Gefallenenehrung« zu einer weiteren Provokation, als während des Fackelzuges zwei noch brennende Fackeln auf das Grundstück Hurwitz geworfen und von Hurwitz’ Tochter Julie Genuit zurückgeschleudert wurden Richtung Marschkolonne.

Nicht die Provokateure, sondern Julie Genuit stand am Pranger

Doch nicht die Provokateure, sondern Julie Genuit stand am Pranger. Sie wurde verhaftet. Ortsgruppenleiter Kienker bauschte, wie Büschenfeld schreibt, den Vorfall auf: »Es war ein schauriges Bild, wie diese lodernde Fackel mitten in eine marschierende Kolonne hineingepfeffert wurde.« Und die Polizei Halle hielt fest: »Es muss unter allen Umständen hart verurteilt werden, dass die jüdische Frauensperson es am nationalsozialistischen Totengedenktage wagt, brennende Fackeln in eine Gruppe von Kriegsbeschädigten zu schleudern.«

Dass Julie Genuit provoziert worden war, spielte keine Rolle, wurde als »Ueberempfindlichkeit« abgetan. Der Vorgang ging über den Landrat bis zur Gestapo. Gleichwohl wurde Julie Genuit nach fünf Tagen aus der »Schutzhaft« entlassen – offenbar dank Amtsbürgermeister Meyer zu Hoberge, wie sie in dessen Entnazifizierungsverfahren später sagte.

Nur zwei Beispiele einer Spirale von Verachtung, Schikanen und Gewalt, dessen letzter Akt am 11. November 1938 folgte. Aus den Aussagen von vier nach dem Krieg als Tatbeteiligte verhafteten und vor Gericht gestellten Brockhagenern Werner Büteröwe, Ewald Linhorst, Ernst Kroos und Arnold Diekmann sowie Zeugenaussagen im Prozess rekonstruiert Jürgen Büschenfeld das Geschehen.

Mehrere Kannen Benzin wurden ins Haus geschleppt, das kurz danach abbrannte

Am Morgen des 11. November hätte laut einer Zeugin der Angeklagte Büteröwe eine Eisenstange mit brennenden Lumpen auf dem Haus platziert, das Dach aber nur kurz gebrannt, weil Frau Hurwitz und ihre Tochter Selma rechtzeitig hätten löschen können. Abends gegen 23 Uhr sind laut Zeugenaussage wiederum drei Männer auf dem Dach gewesen, hätten den Giebel des Hauses mit einer brennbaren Flüssigkeit übergossen. Zu einem Brand dort war es nicht gekommen, aber zu Gewalttätigkeiten an der Haustür. Denn diese wurde unter den Rufen »Heraus ihr Mörder!« offenbar von mehreren Männern eingeschlagen. Mehrere Kannen Benzin wurden ins Haus geschleppt, das kurz danach abbrannte.

Etwa 50 bis 75 Personen hätten sich laut Angeklagtem Kroos vor dem Haus versammelt gehabt, der stellvertretende Ortsgruppenleiter Pohlmann hätte einen Vorschlaghammer in der Hand gehabt. Ernsthafte Löschversuche hätte es nicht gegeben, man hätte nur die umliegenden Häuser geschützt... »Zur juristischen Aufarbeitung kommt es zunächst 1946 mit einem Strafprozess, der die ausführenden Täter zwar aburteilt, die Anstifter und Stimmungsmacher im Hintergrund aber kaum erreicht«, schreibt Jürgen Büschenfeld. Wie berichtet (WB vom 7. Februar) gingen später die Anwälte zweimal in Revision, erreichten mildere Strafen und für den vermeintlichen Haupttäter einen Freispruch aus Mangel an Beweisen.

Deportiert und ermordet – nur Julie Genuit gelang noch die Flucht

Die Familie Hurwitz verlor alles. Sie zog in ein »Judenhaus« nach Bielefeld. Tochter Selma starb 1940 in Bielefeld. Nathan und Alma Hurwitz sowie ihr Steinhagener Verwandter Moritz Wißbrunn wurden im Sommer 1942 nach Theresienstadt und weiter nach Auschwitz deportiert und ermordet. Siegmund, der jüngste Sohn, starb wahrscheinlich in Majdanek. Nur Julie Genuit gelang 1942 vom Bielefelder Bahnhof die Flucht. Sie lebte später wieder in Brockhagen.

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