Do., 28.02.2019

Dr. Jürgen Büschenfeld schildert in NS-Dokumentation den Kriegsalltag Gräuel und Elend an der Heimatfront

Hitlerjugend und BDM, hier 1939 in Brockhagen, wurden gerne für Hilfsdienste eingespannt.

Hitlerjugend und BDM, hier 1939 in Brockhagen, wurden gerne für Hilfsdienste eingespannt. Foto: Heimatverein Brockhagen

Von Annemarie Bluhm-Weinhold

Steinhagen  (WB). 1944 kam der Krieg auch im Altkreis Halle an: Fliegeralarm, geschlossene Schulen, schließlich der Befehl zum letzten Aufgebot. Aber bereits die Jahre vorher sind gekennzeichnet vom Elend der Zwangsarbeiter und von Gräueltaten – etwa an zwei amerikanischen Piloten.

Auch das beschreibt der Bielefelder Historiker Dr. Jürgen Büschenfeld in seinem Buch »Steinhagen im Nationalsozialismus« . Als am 30. September 1944 Bielefeld von alliierten Bombern angegriffen wurde, da stürzte ein amerikanisches Flugzeug in Brockhagen ab. Die beiden Piloten konnten sich mit dem Fallschirm retten, wurden gefangen genommen und offenbar vom kommissarischen NSDAP-Ortsgruppenleiter Pohlmann in einen Lagerschuppen gesperrt. Laut Aktenlage soll er sie so schwer misshandelt haben, dass einer der beiden auf dem Weg ins Krankenhaus nach Halle gestorben ist.

Lynchjustiz wurde von höchster Stelle toleriert

Jürgen Büschenfeld ordnet das in den historischen Kontext ein: »Dieses Verhalten verwundert kaum, hatte es doch bereits Ende Mai 1944 offizielle Hinweise gegeben, dass Lynchjustiz von höchster Stelle toleriert werden würde.«

Auch staatliche Stellen hatten sich bereits Jahre zuvor an NS-Verbrechen beteiligt. Aktenkundig ist die Hinrichtung des polnischen Zwangsarbeiters Jan Szczykutowicz. Dieser war von seiner Arbeitsstelle auf einem Brockhagener Hof geflohen, nach mehreren Diebstählen im Kreis Büren festgenommen und der Gestapo überstellt worden. Diese ordnete ohne ein ordentliches Gerichtsverfahren, aber minutiös festgelegt auf den 25. März 1941, 16 Uhr, dessen Exekution an »an einem Galgen, der etwa 2 km. von der Ortschaft Brockhagen in Richtung Potthast (Patthorst) entfernt liegt«. Unfassbar: Die Polizei erhielt den Befehl, dort alle im Kreis beschäftigte polnische Zwangsarbeiter zu versammeln, damit sie der Hinrichtung beiwohnten – »aus Abschreckungsgründen«.

»Vernichtung durch Arbeit« beim Bau des Flugfeldes Brockhagen

Insgesamt 750 Kriegsgefangene, Zwangs- und Fremdarbeiter waren während des Krieges in Amshausen, Brockhagen und Steinhagen in 16 Lagern untergebracht, weitere auf den Höfen.

Ein menschenverachtendes Projekt war der Bau eines Ersatzflughafens für Gütersloh auf der Brockhagener Vennheide ab Herbst 1944 – geradezu absurd angesichts der unweigerlichen Niederlage. Drei Kilometer lang, 40 Meter breit sollte das Rollfeld sein, das etwa 1500 bis 2000 russische Zwangsarbeiter bauen sollten. Ausgemergelte Gefangene hatten die etwa 15 Hektar große Fläche von Mutterboden, Grasplaggen und Baumbewuchs freizuschaufeln – nur mit Spaten, Forken, Schaufeln und Äxten und selbstgebauten Tragen für den Bodenaushub. Erst der bevorstehende Einmarsch der Amerikaner machte dieser »Vernichtung durch Arbeit«, so Büschenfeld, ein Ende.

Der Fliegerangriff auf Bielefeld war von Amshausen aus zu sehen

Die Front rückte seit einiger Zeit näher. Den Großangriff auf Bielefeld am 30. September 1944 konnte man sehen: über Tage »eine dunkle Rauchwand«, alle Feuerwehren der Umgebung in Bielefeld im Einsatz: »Die ganze Nacht leuchtete ein roter Feuerschein hinter dem Berge.« Die Flugzeuge warfen nicht nur Bomben ab, sondern auch Flugblätter, um die Heimatfront zum Aufgeben zu bewegen, so Büschenfeld: »Der Krieg ist verloren! Erzwingt Frieden vor Beginn des sechsten Kriegswinters!«, heißt es in einem. Und dann bekamen im Februar 20 Männer aus Steinhagen, Brockhagen und Amshausen, alle über 50, alle nicht wehrtauglich oder beruflich unabkömmlich, ihre Einberufung zum »Volkssturm«, um ihre Gemeinde zu »verteidigen«...

 

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