Mi., 10.04.2019

Bariton Benjamin Appl und die Nordwestdeutsche Philharmonie begeistern in Steinhagen Mal lyrisch, mal innig, mal kernig

Benjamin Appl, charismatischer junger Bariton, steht am Beginn einer große internationalen Karriere. Jetzt erfreute er das Kulturwerks-Publikum mit Schubert-Liedern und gab ihnen vielfältig Ausdruck.

Benjamin Appl, charismatischer junger Bariton, steht am Beginn einer große internationalen Karriere. Jetzt erfreute er das Kulturwerks-Publikum mit Schubert-Liedern und gab ihnen vielfältig Ausdruck. Foto: Uwe Arens

Von Armin Kansteiner

Steinhagen (WB). Der Abend bot Überraschungen: Bekannte Komponisten mit unbekannten Werken, bekannte Werke in unbekannter Fassung und ein bekanntes Orchester mit einem Sänger, der sich gerade anschickt, einem breiteren Publikum bekannt zu werden. Die Nordwestdeutsche Philharmonie (NWD) war mit Bariton Benjamin Appl jetzt zu Gast im Steinhagener Kulturwerk.

Gustav Mahlers »Symphonischer Satz Blumine« war ursprünglich das Andante seiner ersten Sinfonie, die den Untertitel »Der Titan« trug. Auch wenn dieser Beiname nur bedingt zutrifft, passt das schlichte Andante nicht in den großen symphonischen Bau. Als Einzelstück hat es seinen Reiz. Die NWD-Philharmonie unter der Leitung von Simon Gaudenz nahm sich seiner liebevoll an und ließ es mit seinen um ein einziges Thema rankenden Details aufblühen.

Von frecher Sprache zum ungestümen Tonfall

Der Kontrast zum nächsten Programmteil, der Lieder von Franz Schubert enthielt, hätte kaum krasser ausfallen können. Dem ersten mit dem Titel »An Schwager Kronos« liegt ein Text von Johann Wolfgang von Goethe zugrunde. Der Dichter hat es mit frecher Sprache in seiner Sturm- und Drangzeit geschrieben. Schuberts Melodik und Klaviersatz nehmen den Charakter kongenial auf, und Brahms zieht in seiner Orchestrierung alle Register, um den ungestümen Tonfall zu verstärken.

Die Interpreten Benjamin Appl, Bariton, und die NWD-Philharmonie ließen es sich nicht nehmen, mit diesem Bravourstück zu glänzen. Für das Orchester kein Problem, für den Sänger gleich zu Beginn eine Herausforderung, die er mit seiner großen und kernigen Stimme glänzend meisterte. Schon mit dem nächsten Lied »Die Sterne« auf Worte Ritters von Leitner musste Appl ganz andere, sanfte Töne anschlagen. Der Zuhörer lernte jetzt seine lyrische Stimme kennen, die in Goethes »Gesänge des Harfners« (I/II) auch der Melancholie und Verzweiflung erschütternden Ausdruck verlieh. Mit »Du bist die Ruh«, Orchestrierung von Anton Webern, erlebte das Publikum weitere Seiten von Appls Gestaltungskunst, die Innigkeit und Sehnsucht darstellen.

Appls Gesangskultur überzeugt

In der Pause kreisten die Gedanken der Zuhörer wohl um die Frage, ob sie den Orchesterfassungen den Vorzug vor den gewohnten Klavierfassungen geben sollten. Das bescheidene und durch seine Gesangskultur überzeugende Auftreten Benjamin Appls sprach für die gehörten Fassungen.

Die drei Lieder »An Silvia«, »Im Abendrot« und »Der Erlkönig« bildeten nach der Pause eine großartige Steigerung, sowohl in sich als auch gegenüber dem ersten Teil. Das Publikum bewunderte beim zweiten Lied den Glanz und das Timbre des Sängers, während es beim »Erlkönig« infolge der Instrumentierung Gänsehaut bekam. Riesenapplaus für Benjamin Appl!

Von filigran bis jugendlich schwungvoll

Die Dramatik des »Erlkönigs« mochte den Dirigenten Simon Gaudenz, der so überaus geschmeidig das Orchester bei den Liedern geführt hatte, bei der Interpretation von Mendelssohns erster Sinfonie geleitet haben. Neben den wenigen Stellen, die in seiner Interpretation erkennen ließen, dass die Stärke des Komponisten bei den filigranen Passagen liegt, wurden die jugendlich schwungvollen so stark herausgearbeitet, als stünde über allen Sätzen die Beizeichnung »Allegro con fuoco«, und nicht nur über dem Finale. Das Publikum war begeistert!

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