Sa., 09.11.2019

Kulturtage: Lars Ruppel lädt zur »literarischen Butterfahrt« Wenn Buchstaben miteinander Musik machen

Der Sprache setzt Lars Ruppel ein literarisches Denkmal bei seiner »seltsamen Deutschstunde«.

Der Sprache setzt Lars Ruppel ein literarisches Denkmal bei seiner »seltsamen Deutschstunde«. Foto: Johannes Gerhards

Von Johannes Gerhards

Steinhagen  (WB). »Für Stand-up-Comedy bin ich zu klug, für Kabarett zu doof«, stellt Lars Ruppel gleich zu Beginn klar. In seiner »Poesiebegeisterungsshow« zeigt er eindrucksvoll auf, welch wunderschönes Spiel- und Werkzeug die Sprache sein kann.

Bei den Steinhagener Kulturtage lädt er die mehr als hundert Gäste im Rathaussaal dazu ein, »die eingetretenen Sprachpfade zu verlassen, die wir jeden Tag begehen«. Den Grundstein für seine Dichterlaufbahn legte der Wahlberliner aus Hessen bereits im Alter von acht Jahren. In alten Schulheften hat er folgende hochpoetischen Zeilen einer Grammatikübung wieder gefunden: »Rauschgift ist giftig, Öl ist giftiger, Gift ist am giftigsten«.

Inzwischen ist der mehrfache deutsche Meister im Poetry Slam ein begehrter Vortragsredner, Workshopleiter und Buchautor. In seinen Werken wie »Holger, die Waldfee« geht er Redensarten akribisch auf den Grund und entwickelt daraus literarische Paralleluniversen. Beispielhaft trägt er die Balladen von Heide Witzka und Bernhard Specht vor. Erstere entwickelt sich durch Clowntherapie von der Welpenweitwurfmeisterin zur Pflanzerin von Gänseblümchenbabys. In »Nicht schlecht der Specht« wird der Arbeitsalltag bei Mensch und Tier versinnbildlicht; am Ende steht die revolutionäre Forderung: »Wir müssen unsere Krallen ballen, denn dieser Wald gehört uns allen«.

Kinderverse, Bauernregeln und Poetry Slam

Frei nach Theodor Fontanes »John Maynard« hat Lars Ruppel dem S-Bahn-Fahrer Mike Lübke eine Adaption gewidmet. Statt zehn Minuten bis Buffalo lautet das Absatzende »vier Stationen bis Bahnhof Zoo«. Die turbulente Fahrt mit der S-Bahn wird dabei so anschaulich in Verse gepackt, das die faszinierten Zuhörer ihm gerne bei der Fantasiereise folgen. Im freien Vortrag spannt der 34-Jährige den Bogen von Kinderversen, Merksätzen und Bauernregeln zu aktuellen Dichterwettbewerben wie dem Poetry Slam.

Dass es Lars Ruppel bei allem vordergründig erscheinendem Klamauk auch um ernsthafte Aspekte geht, beweist er mit dem Projekt »Weckworte« zur Förderung kultureller Vielfalt in der Pflege. »Poesie wird im Herzen aufbewahrt und ist auch dann noch erreichbar, wenn das Gehirn nicht mehr funktioniert«, betont Lars Ruppel zum Umgang mit Demenzkranken.

Texte, die über die Haut aufgenomemn werden

Er plädiert für den angemessenen Gebrauch von Worten in sensiblen Sprachräumen. Das gelte für die Liebe – wofür das Gedicht überhaupt erst erfunden wurde – genau so wie in der Kommunikation mit Menschen am Anfang oder Ende ihres Lebens. »Texte können auch über die Haut aufgenommen werden«, sagt Ruppel und zitiert geeignete Texte von Erich Kästner und Kurt Tucholsky. Im Anschluss demonstriert er, wie jedem Wort der deutschen Sprache poetische Tiefe verliehen werden kann. Weil die Zuhörer immer noch nicht genug davon haben, »wie die Worte miteinander Musik machen«, ebnet er mit einer spontanen »Ein-Wort-Kettengeschichte« der Poesie zurück in den Alltag.

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