Was macht Corona mit uns? Mediatorin Gaby Schramm aus Steinhagen gibt Tipps zu mehr Resilienz
Jedem Tag das Positive abgewinnen

Steinhagen  (WB). Die einen managen nicht nur den Job im Homeoffice, sondern auch noch die Kinder. Die anderen sorgen sich um ihre Angehörigen, die sie im Pflegeheim nicht einmal besuchen dürfen. Mancher ist in Kurzarbeit und ratlos, wie er von dem reduzierten Geld die Lebenshaltungskosten bezahlen soll. Was macht Corona mit uns? Welche psychischen Belastungen bringen die Krise und der staatlich verordnete Lockdown mit sich? Und was kann man dagegen tun?

Mittwoch, 15.04.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 15.04.2020, 05:01 Uhr
Gaby Schramm in ihrem Homeoffice: Statt Seminaren vor Ort stehen nun vermehrt Videokonferenzen und Webinare an. Foto: WB
Gaby Schramm in ihrem Homeoffice: Statt Seminaren vor Ort stehen nun vermehrt Videokonferenzen und Webinare an. Foto: WB

Das hat das WESTFALEN-BLATT Gaby Schramm gefragt. Die Brockhagenerin, Mediatorin, Supervisorin, Lehrbeauftragte und Vorsitzende von Prüfungsausschüssen an Hochschulen, weiß, wie man Resilienz – also die Widerstandsfähigkeit gegen Stress – trainieren kann und gibt ganz konkrete Tipps.

Psychische Belastung, das sind nach ihrer Definition alle Symptome, die man selbst als belastend empfindet. Jeder gehe unterschiedlich durch eine Krise, jedes Gefühl sei ernst zu nehmen. Und sie unterscheidet zwischen den Menschen, die sich Sorgen machen, und denen, die Angst haben. „Sorge, das ist etwas Konkretes – um bestimmte Menschen oder die wirtschaftliche Situation. Angst dagegen ist diffus, kognitiv schwer zu fassen. In unserer demokratischen Ordnung zählen Originalität und Individualität. Wenn man uns das nimmt, wie im Moment, dann kann das Panik, Aggression bis hin zu Depression oder sogar Selbstmordgedanken auslösen“, so Gaby Schramm.

Menschen in Sorge...

Menschen, die sich sorgen, rät sie zu – ja, Bescheidenheit: „Man sollte gerade nicht auf das schauen, was man derzeit nicht kann, sondern das genießen, was man hat.“ Und man sollte Urvertrauen entwickeln – auch in den Partner. „Viele Paare lernen sich derzeit neu kennen und haben ihre Partnerschaft so noch nie erlebt. Man sollte dankbar sein, das jetzt zu entdecken und sich klar zu machen, wen man da an seiner Seite hat.“ Die aktuelle Krise führe aber auch vor Augen: alles ist endlich. Gegen Sorgen helfen ihrer Ansicht nach der Kontakt zu anderen, etwa über die Sozialen Medien, sowie konkrete Projekte: Ablenkung schaffen durch Aufräumen, den Garten schön machen, sich in sozialen Projekten engagieren.

...und in Angst

Auch gegen die Angst gibt es Mittel – so einfach vielleicht manches auch klingen mag. Musik zum Beispiel: In bestimmten Frequenzbereichen, der so genannten Schumann-Frequenz, die man als Schlagwort auch in die digitalen Playlists eingeben kann, beruhigt Musik. „Bestimmte Schwingungen mindern Stress und Angst und gehen direkt ins Gehirn“, sagt Gaby Schramm. Auch eine Medienabstinenz ist angeraten: „Nur ein oder zweimal am Tag Nachrichten hören. Ein Mensch kann nur begrenzt das Leid der Welt tragen. Auch belastende Spielfilme sind tabu“, so Schramm. Ebenso sind Menschen zu meiden, die notorische Schwarzseher sind.

Selbst Essen und Trinken könne helfen – wenn es basisch ist: gedünstetes Gemüse, Nüsse, dunkle Schokolade, Ingwer, Avocados zum Beispiel, dazu Kräutertees.

Und letztlich ist da noch der Glaube zu nennen: der Glaube zunächst an sich selbst („ich schaffe das schon“), der Glaube an das Du („da hilft noch einer“) und schließlich auch der Glaube an eine höhere Instanz. „Die Kriegsgeneration hat das verinnerlicht“, sagt Gaby Schramm und nennt eine vermeintliche „Binsenwahrheit“: „Und wenn du glaubst, es geht nichts mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her.“ Oft genug bewahrheite sich das. Die Spiritualität könne man in der Achtsamkeit in der Natur ebenso wie im Gebet entdecken.

Gaby Schramm rät, unbedingt das Positive auch in der jetzigen Situation zu suchen: „Abends einfach mal über fünf Dinge nachdenken, die positiv waren an diesem Tag. Oder ein Corona-Tagebuch führen: eine schöne Kladde, in die man mit einem schönen Stift einträgt, was passiert ist, wer geholfen hat, wer sich telefonisch gemeldet hat und und und.“ Immens wichtig: Struktur in den Alltag einbauen, (Zeit-)Pläne machen, in der Familie Aufgaben verteilen: „Das gibt das Gefühl, die Kontrolle zurückzubekommen.“

Aber: Unbedingt auch professionelle Hilfe holen, wenn es nötig erscheint – über die Telefonseelsorge, das Jugendtelefon der „Nummer gegen Kummer“ oder auch die Corona-Hotline des Berufsverbandes deutscher Psychologen (www.bdp-verband.de).

Im Homeoffice

Belastend sein kann auch das Homeoffice – nicht nur wegen der Kinder, sondern vielleicht auch, weil eben keiner da ist. Mancher vermisst in der verordneten Isolation den Austausch mit Kollegen, aber auch die Struktur des Büroalltages. Also: Tagesstruktur machen, Sport und Bewegung als Rituale einplanen, Pausen machen. „Viele arbeiten mehr als vorher, weil sie keine Strukturen haben“, so Gaby Schramm.

Und das heißt auch: einen festen Feierabend einplanen. Und weiter: To-Do-Listen mit festem Zeitgefüge aufschreiben, Störquellen ausschalten, Videochats mit den Kollegen verabreden. Im Jogginganzug sollte man auch zu Hause nicht ins Office, sondern schon die Businesskleidung anziehen, um die professionelle Rolle einzunehmen.

Selbstständige

Allen Selbstständigen, die gerade ihre Felle schwimmen sehen, rät Gaby Schramm, eine Vermögensaufstellung zu machen, das vermittele vielfach schon eine gewisse Sicherheit. Wenn das nicht reicht: Pläne machen und externe Hilfen in Anspruch nehmen.

Pflegene Angehörige

Und noch ein Wort zur Resilienz: Die brauchen nach Erfahrung der Brockhagenerin häufig genug pflegende Angehörige. Denn viele ältere Menschen setzen sich über die derzeitigen Regelungen einfach hinweg. Dennoch: „Loslassen lernen und sich bewusst machen, dass jeder Menschen die Verantwortung für sein Leben selbst trägt, außer natürlich, er ist dement. Man kann Menschen nicht kontrollieren.“

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