Familie Retzlaff betreibt Steinhagens erste „Solidarische Landwirtschaft“
Helfen, ernten, miteinander teilen

Steinhagen (WB). Als Tina Ruf-Mühlbach vor kurzem ihre erste Kiste mit Radieschen, Stielmus, Spinat und anderen frisch geernteten Leckereien in den Händen hielt, war das „eine superschöne Bestätigung für den Einsatz aller Beteiligten“, sagt sie. Die Kirchdornbergerin ist eines der bislang 25 Mitglieder von Steinhagens erster „Solidarischer Landwirtschaft“ („Solawi“) auf dem Hof Retzlaff.

Dienstag, 16.06.2020, 03:00 Uhr aktualisiert: 16.06.2020, 05:01 Uhr
Viele der in dieser Saison 25 Mitglieder der „Solawi“ helfen auch gerne selbst mit auf dem Feld. So wie die Bielefelderin Tina Ruf-Mühlbach: Hier setzt sie gerade mit Thomas Retzlaff junge Salat- und Kohlpflanzen. Foto: Volker Hagemann
Viele der in dieser Saison 25 Mitglieder der „Solawi“ helfen auch gerne selbst mit auf dem Feld. So wie die Bielefelderin Tina Ruf-Mühlbach: Hier setzt sie gerade mit Thomas Retzlaff junge Salat- und Kohlpflanzen. Foto: Volker Hagemann

Schon der Name „Crowd & Rüben“ deutet auf das Konzept hin: Gemeinsam Obst und Gemüse anbauen, in und mit der Natur – darum geht es den Mitgliedern und der Familie Retzlaff, die auf ihrem Hof gut 2000 Quadratmeter Ackerfläche Arbeitskraft und Maschinen ins Projekt einbringt. Der Erzeugerhof und mehrere Privatpersonen haben sich zur Gemeinschaft zusammengeschlossen. Angestrebt wird, dass sich die Mitglieder wöchentlich ihren Ernteanteil abholen können. Der große Zuspruch bestätigt die Initiatoren: „Es ist eine Gemeinschaftsidee und ein Experiment“, betont Inke Retzlaff. Die Hofgemeinschaft aus Inke, ihrer Schwester Sonja, ihrer Mutter Helga und ihrem Cousin Thomas setzt die Idee der „Solawi“ auf dem alteingesessenen Hof an der Friedhofstraße um.

Die Mitglieder unterstützen in erster Linie die Idee, hoffen nicht gleich auf großen Ertrag.

Helga Retzlaff

Viele der 25 Mitglieder bringen sich aktiv mit ein, helfen beim Säen, Pflanzen, Mulchen, Gießen – freiwillig nach Talent und Zeit, eben solidarisch. Solidarisch ist auch das Beitragssystem: Zunächst wurde der Finanzierungsbedarf für das Anbaujahr berechnet. In einer Bieterrunde konnte jedes Mitglied ein Gebot für seinen monatlichen Beitrag abgeben. „Da der Gesamtbetrag das benötigte Budget gedeckt hat, konnten wir den Anbau starten“, erklärt Inke Retzlaff. Ihre Mutter Helga ergänzt: „Die Mitglieder unterstützen in erster Linie die Idee, hoffen nicht gleich auf großen Ertrag.“

„Wir verfolgen die Vision, mit unserer Anbaumethode den Boden und die Lebensmittel ständig aufzuwerten“ sagt Thomas Retzlaff, der das Projekt ins Rollen gebracht hat und die praktische Umsetzung auf dem Acker leitet.

Wertigkeit ökologisch erzeugter Lebensmittel deutlich machen

Zum Auftakt wurde im Februar die erste Mitgliederversammlung abgehalten und die Art der Bewirtschaftung vorgestellt. Im März und April wurden auf 300 Quadratmetern unter anderem Bohnen und Erbsen gesät, auf weiteren 450 Quadratmetern Heukartoffeln gepflanzt. In den vergangenen Tagen wurden Kohl, Kohlrabi, Fenchel, Mangold, Stielmus und Radieschen nachgepflanzt. Ein jährlicher Pflanzplan sieht den Anbau zahlreicher Sorten vor. „Das Ganze verdeutlicht die Wertigkeit ökologisch erzeugter Lebensmittel“, sagt Helga Retzlaff. „Man sieht, welcher Aufwand nötig ist.“ Für den Ernteertrag sei bei dem mageren Boden eine gute Kompostwirtschaft notwendig.

Auch Tina Ruf-Mühlbach findet die Idee klasse: „Natürlich könnte ich Obst und Gemüse auf anderen Höfen einfach kaufen; aber mich reizt das Naturerlebnis und selbst etwas beizutragen“, schwärmt sie, während sie Salat- und Kohlpflanzen setzt. Heute ist sie allein, „abschalten nach Feierabend.“ An anderen Tagen sind ihre Töchter Mira (5) und Flora (9) gern mit dabei, Ehemann Marcel half beim Bau der Hügelbeete und Bohnen legen.

Anbaumethode soll die Naturkreisläufe unterstützen

„Das Grundprinzip der Anbaumethode ist, die Naturkreisläufe zu unterstützen, etwa durch Düngen mit Kompost und Abdecken der Beete mit Biomasse“, erklärt Thomas Retzlaff. Ein Problem der vergangenen Wochen war die Trockenheit: „Im April haben wir täglich 1500 Liter von Hand gegossen, aber wir bemühen uns, die Abläufe zu optimieren.“ Die Partnerschaft zwischen Erzeuger und Verbraucher findet der 49-Jährige zukunftsweisend. Auch unter sozialen Aspekten: „Gemeinsame Aktionen und der regelmäßige Verteiltermin dienen dem Gemeinschaftsgefühl.“ Demnächst soll auch ein Treffen aller Mitglieder wieder möglich werden, und im Spätherbst folgt die Bieterrunde für das folgende Anbaujahr.

Das Team ist für weitere Ideen offen: „Vielleicht führen wir einmal Schulklassen über das Gelände, um ihnen die Natur und die Erzeugung von Lebensmitteln näher zu bringen“, überlegt Helga Retzlaff. Ihre Tochter Inke nennt Kunst- und Musikprojekte als weitere Möglichkeiten auf dem Hof. „Wir experimentieren alle noch“, sagt sie – und ist sich bewusst: „Dieses Grundstück hier für ein solches Projekt nutzen zu können, das ist schon ein Privileg.“

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