Steinhagen: Sarah Süß zwischen Gericht und Rathaus – FDP drängt auf Digitalisierung
Der Tag danach

Steinhagen (WB). Am Tag danach geht Sarah Süß ganz normal, wenn auch einen Ticken später als sonst, ins Büro: „Business as usual“ für die Diplom-Rechtspflegerin. Doch seit Sonntagabend steht fest: Sie wird Steinhagens nächste Bürgermeisterin. Somit sind die Tage im Amtsgericht Halle gezählt. „Mein Nachfolger kommt zum 1. Oktober. Ich werde ihn einarbeiten und parallel Klaus Besser schon über die Schulter schauen“, sagt sie.

Dienstag, 29.09.2020, 02:00 Uhr
Die Eltern der neuen Bürgermeisterin, Sabine und Franz-Joseph Süß aus Hamm: „Sie ist gut, sie muss jetzt nur noch ein bisschen besser werden“, sagt ihr Vater augenzwinkernd in Anspielung auf den Nachnamen des Mannes, den seine Tochter beerbt. Foto: Annemarie Bluhm-Weinhold
Die Eltern der neuen Bürgermeisterin, Sabine und Franz-Joseph Süß aus Hamm: „Sie ist gut, sie muss jetzt nur noch ein bisschen besser werden“, sagt ihr Vater augenzwinkernd in Anspielung auf den Nachnamen des Mannes, den seine Tochter beerbt. Foto: Annemarie Bluhm-Weinhold

Und der noch amtierende Steinhagener Bürgermeister kündigt an: „Ich nehme die verbleibenden fünf Wochen, um Sarah Süß vorzubereiten.“ Zwar gebe es für diese Zeit kein eigenes Büro für die Nachfolgerin („Den Platz haben wir auch gar nicht“, so Besser). Doch vor allem den Haushaltsplanentwurf für 2021 will er mit ihr durchgehen. Rathausintern liegt das Zahlenwerk bereits vor, und an der Klausurtagung mit den Amtsleitern soll Sarah Süß auch bereits teilnehmen.

Stammtisch mit Ortskern-Akteuren geplant

Sie weiß, dass sie mit ihrem Zehn-Punkte-Plan vielleicht manchen Wähler in der Endphase des Wahlkampf überzeugen konnten: „Das sind kleine konkrete Maßnahmen, viel Kommunikatives wie die Etablierung eines Stammtisches mit den Ortskern-Akteuren oder auch Gespräche mit den Vereinen, gerade jetzt vor einem Herbst und Winter mit Corona.“ Auch Ideen wie die Neuordnung von Ausschüssen, etwa zur Stärkung der Umwelt- und Klimaschutzarbeit, müssen zeitnah ausgearbeitet und in der ersten Sitzung des neuen Rates abgestimmt werden. Doch es gebe auch große und langfristige Herausforderungen wie Maßnahmen zur Wohnbauförderung und zum Klimaschutz, so Süß.

Auch die CDU spricht bereits am Stichwahl-Abend von härteren Zeiten, die auf die Gemeinde zukommen und die es gemeinsam zu bewältigen gibt. „Da ist die Lage der Automobilindustrie, die uns mit einem großen Unternehmen wie Schaeffler direkt betrifft. Überhaupt werden wir abklopfen müssen, welche Investitionen mit welcher Priorität möglich sind. Denn einen Investitionsstau wollen wir auch nicht“, sagt der unterlegene Bürgermeisterkandidat Hans-Heino Bante-Ortega. Die Bürgermeisterstimme liegt nun bei der SPD, die gleichauf bei der Sitzverteilung mit der CDU ist (beide 13 Sitze).

Grüne als Zünglein an der Waage?

Als Zünglein an der Waage werden sich nach Einschätzung von CDU-Ortsverbandsvorsitzendem Dirk Lehmann in der zukünftigen Ratsarbeit die mit sieben Sitzen starken Grünen erweisen. „Ich gehe von meiner grünen Überzeugungslinie nicht runter und fahre nach wie vor mit dem Fahrrad nach Steinhagen ins Rathaus“, sagt Bante-Ortega augenzwinkernd. „Der Ball liegt bei den Grünen“, so Lehmann: „Die Grünen lagen mir in den vergangenen Jahren immer näher als die SPD. Wir wünschen uns Mehrheiten über sachbezogene Politik und nicht durch eingefahrene Mehrheiten.“

Mehrheiten über sachbezogene Politik, das wünschen sich auch die Grünen, betont Fraktionssprecher Detlef Gohr: „Wir hatten mit Hans-Heino Bante-Ortega und Sarah Süß sehr gute Gespräche, und es war ein fairer Wahlkampf. Wir hatten ja auch formell im Vorfeld keine Wahlempfehlung gegeben“, erinnert Gohr. „Der Umwelt- und Klimaschutz liegt ja auch SPD und CDU am Herzen, wie sie sagen. Da erwarten wir im neuen Rat und in den Ausschüssen möglichst oft Konsens“, so Gohr und nennt beispielhaft den Öffentlichen Personennahverkehr: „Der ist uns besonders wichtig, wir fordern weitere Buslinien und bessere Takte. Natürlich über Steinhagen hinaus immer sinnvoll vernetzt.“

Ähnlich wie Sarah Süß plädieren die Grünen für einen separaten Umwelt- und Klimaschutzausschuss: „Dieses Thema berührt ja fast alle Bereiche und sollte einen entsprechend hohen Stellenwert bekommen“, sagt Detlef Gohr.

FDP fordert Digitalisierung mit Nachdruck

Nicht minder wichtig ist für die Steinhagener FDP die Digitalisierung: „Die Corona-Krise hat uns eindrücklich gezeigt, wo es Schwachstellen gibt. Deshalb erwarten wir, dass die neue Bürgermeisterin – natürlich nach einer Einarbeitungsphase – die Baustelle Digitalisierung mit Nachdruck angeht“, sagt Fraktionsvorsitzende Silke Wehmeier. „Es muss in allen Bereichen gehandelt werden: Glasfaserausbau, Breitbandversorgung, Versorgung der Schulen, Umstrukturierung der Verwaltung, Digitalisierung des Rathauses. Dies sind die Grundlagen für eine positive Weiterentwicklung unserer Gemeinde.“

Noch offen ist, wer Sarah Süß als stellvertretender Bürgermeister unterstützen wird. Laut Gemeindeordnung würde den ersten Stellvertreter rechnerisch die SPD stellen, weil sie samt der Bürgermeisterstimme dann 14 Stimmen hätte. Den zweiten Stellvertreter würde die CDU (13 Stimmen) benennen, den dritten die Grünen (7 Stimmen). „Wer das jeweils wird, dürfte sich bei der konstituierenden Ratssitzung am 11. November herausstellen. In dieser Sitzung werden auch die Ausschüsse gebildet“, erklärt Klaus Besser. Er selbst und die bisherigen Ratsmitglieder, die dem neuen Rat nicht erneut angehören, werden dann von Sarah Süß verabschiedet.

Dem noch amtierenden Bürgermeister wird derweil augenzwinkernd eine weitere Aufgabe zugetraut – die er erfahrungsgemäß bestimmt gut meistern würde: Auf Facebook schreibt eine Nutzerin: „Im Zuge der Gleichberechtigung dürfte Klaus Besser vielleicht Heidekönig werden.“

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