Interview mit Adelheid Meyer-Hermann vom Kulturwerk Steinhagen über Kultur in Krisenzeiten
Vom Glück des Erlebens

Steinhagen  (WB). Leben mit der großen Unsicherheit – für die Aktiven im Kulturbetrieb ist die Corona-Zeit eine besondere Herausforderung. So auch im Steinhagener Kulturwerk. So gut und umsichtig die Spielzeit mit einem fundierten Hygienekonzept geplant war, so bangt der ehrenamtlich geführten Verein mit hochrangigem Konzert- und Theaterprogramm in dieser Woche wegen der hohen Infektionszahlen im Kreis Gütersloh um den Auftritt des „Aris-Quartetts“ am kommenden Freitag. Über Kultur in Krisenzeiten hat WESTFALEN-BLATT-Redakteurin Annemarie Bluhm-Weinhold mit Adelheid Meyer-Hermann, Programmverantwortliche des Kulturwerks, gesprochen.

Mittwoch, 21.10.2020, 03:11 Uhr aktualisiert: 21.10.2020, 03:20 Uhr
Adelheid Meyer-Hermann macht die Programmplanung für das Kulturwerk. Diese läuft auf Jahre im Voraus – kurzfristiges Umplanen gehört eigentlich nicht dazu, und ein Bangen um die Aufführung wie in dieser Woche schon gar nicht. Foto: Bluhm-Weinhold
Adelheid Meyer-Hermann macht die Programmplanung für das Kulturwerk. Diese läuft auf Jahre im Voraus – kurzfristiges Umplanen gehört eigentlich nicht dazu, und ein Bangen um die Aufführung wie in dieser Woche schon gar nicht. Foto: Bluhm-Weinhold

Im Frühjahr mussten im Lockdown alle Veranstaltungen der verbleibenden Spielzeit abgesagt werden. Jetzt der Auftakt zur neuen Saison unter Coronabedingungen. Wie ist es gelaufen?

Adelheid Meyer-Hermann: Es ist sehr gut gelaufen. Mein Lebensgefährte hat mir dazu sogar schriftlich eine Stellungnahme gegeben für unser Interview: „Dank der großen Aula in der Realschule und des Einsatzes von Kulturwerk-Vorstand und vielen meist ehrenamtlichen Helfern konnten in Abstimmung mit der Gemeinde 250 Plätze für Zuhörer unter Corona-Bedingungen geschaffen werden, so dass allen Abonnenten die Teilnahme möglich war und auch noch einige Karten in den freien Verkauf gingen. Für den Ausfall des Caterings in der Pause wurden alle Besucher schon beim Betreten der Aula mit einem Sekt entschädigt.“ Ich selbst würde sogar sagen, es ist über Erwarten gut gelaufen. Der menschliche Faktor spielt eine große Rolle. Man steht dann da und schaut, ob alle alten Abonnenten und ob neue Gesichter da sind. Man grüßt sich, und selbst wenn man nicht ins Gespräch kommt, weiß man: Es geht weiter, wir haben Hoffnung und wir freuen uns aufs Konzert. Und die Musikerinnen vom Trio con abbandono waren überglücklich. Es war ihr erstes Konzert überhaupt in dieser Saison. Die Atmosphäre war voller Freude und Aufnahmebereitschaft.

 

Das erste Konzert mag ja für Klassik-Ohren ungewöhnlich geklungen haben. Welche Resonanz haben Sie bekommen?

Meyer-Hermann: Ungewöhnlich sicherlich. Aber erst einmal war das Publikum dankbar, weil überhaupt etwas stattfand. Aber da muss ich dem Steinhagener Publikum ein Kompliment machen: Es ist offen. Auch für Neues. Akkordeon hatte ich noch nie vorne. Es war nicht nur ungewöhnlich für Klassik-Ohren, sondern für Klassik-Ohren auch geeignet, weil die Künstlerinnen mit Klassik-Elementen spielten. Zu Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ haben sie Piazzolla eingemischt und Gershwins „Summertime“ hatten wir in Beethovens „Wut über den verlorenen Groschen“. Das freut die alten Ohren, die beide Stücke kennen und sagen: Das ist aber witzig, was sie da gemacht haben.

 

Unter welchen Gesichtspunkten kann man denn in Zeiten wie diesen eine Spielzeit planen?

Meyer-Hermann: Ich plane nicht kurzfristig vor der Saison, sondern Jahre voraus. Das heißt auch: Die Jungen Sinfoniker, die „JuSis“, kommen immer zum Auftakt der Saison, weil ich gerne die Jugend in stärkerem Maße im Publikum und bei den Musikern hätte. Der Termin stand längst, und dann bekam ich einen Anruf, dass die „JuSis“ keine Sommerübungsphase und damit kein Programm hätten und auch kein Orchester besetzen könnten. Dann steht man da. Jetzt haben wir aber ausgemacht, dass sie am Samstag, 17. April, mit verkleinertem Orchester spielen werden: Schuberts „Unvollendete“, ein Kontrabass-Konzert und ein kleines Bläser-Orchester.

 

Und die NWD, die Nordwestdeutsche Philharmonie? Auch ein großes Orchester...

Meyer-Hermann: Da sind wir noch völlig im ungeklärten Raum. Die NWD habe ich in Herford mit verkleinertem Apparat schon mit der „Jupiter Sinfonie“ gehört. Man muss sich umgewöhnen, wenn man den großen Sound gewöhnt ist. Aber auch in der kleinen Besetzung bleibt sie großartig.

 

Worauf sind Sie denn besonders stolz in dieser Saison?

Meyer-Hermann: Es ist ein etwas geknickter Stolz. Was ich mir erhofft hatte, war, dass ich wieder ein theaterpädagogisches Projekt auf die Bühne bekomme. Das hat schon beim „Jedermann“ gezogen, als Steinhagener Schüler auf der Bühne standen. Das war eine Attraktion. Ich hätte gerne wieder eine Schülergruppe im „Biedermann und Brandstifter“ gehabt. Ich habe sogar in der Realschule mit Marc Beckamp gesprochen, der sehr aufgeschlossen ist. Aber da ist zurzeit einfach wichtiger, dass der Unterrichtsstoff bewältigt werden kann. Und ich hätte eine ganze Woche für das Projekt gebraucht. Wenn ich also stolz bin, dann darauf, dass wir uns als Team in Corona-Zeiten so tapfer schlagen.

 

Eröffnet Corona vielleicht auch neue Chancen für den Kulturbetrieb? Entwickelt man neue Perspektiven, geht man neue Wege?

Meyer-Hermann: Die theaterpädagogischen Wege wären sehr schön gewesen. Aber das geht im Augenblick nicht. Veränderung des Ortes wäre auch sehr schön. Aber das geht im Augenblick auch nicht mit den Corona-Vorgaben. Da sind uns die Hände gebunden. Was sich positiv verändert, wie ich bei mir und auch bei Zuhörern unseres ersten Konzerts feststelle, ist, dass wir intensiver hören. Die Orchester sind verkleinert, und wir sind gezwungen, intensiver die Gruppierungen und auch die einzelnen Elemente wahrzunehmen. Wir sind auch gezwungen wahrzunehmen, wieviel es kostet an menschlichem Einsatz, um beispielsweise den Saal und die Bühne als spielbare Fläche coronagerecht einzurichten. Über eine lange Zeit zu üben und nicht zu wissen, wann man spielen darf, das intensiviert auch das Spiel derer, die auf der Bühne sitzen. Und das intensiviert auch die Dankbarkeit und das Miteinander. Wir sind nicht in Salzburg: Aber der große Intendant Markus Hinterhäuser spricht davon, seinem Publikum ein Geschenk zu machen im Erleben von Kultur. Das Spüren von der Erlebnisbedürftigkeit und das Glück des Erlebens, das war auch bei uns in Steinhagen durchaus spürbar.

 

Welche Prinzipien sind Ihnen ganz generell und unabhängig von Corona für Ihre Arbeit wichtig?

Meyer-Hermann: Da war ein Punkt, auf den ich vor Corona besonders stolz war: dass ich es geschafft habe, die Theaterstücke unter einen gemeinsamen Aspekt zu bringen. Das ist immer schwierig. Wir müssen, gerade jetzt in Corona-Zeiten, entspannende, aber auch spannende Geschichten wie „Bei Anruf Mord“ haben, dazu heitere Geschichten wie das Lustspiel. Aber daneben möchte ich auch solche Stücke wie in dieser Spielzeit mit Frischs „Biedermann und die Brandstifter“ haben oder „Sophie Scholl – Die letzten Tage“. Damit bieten wir ein aktuelle, eine gesellschaftspolitische Relevanz. So kommen wir Zuschauer über das emotionale Erleben hinaus in Gespräche. Das gemeinschaftsstiftende Element ist mir wichtig. Das übergreifende Thema für diese vier Stücke in dieser Spielzeit kann man „Widerstand gegen Betrug“ oder auch „Wahrheit gegen Lug und Trug“ nennen. Auf die Musik geschaut, ist mir wichtig, dass wir neue Horizonte öffnen, aber die langjährige Zuhörerschaft nicht aus dem Blick verlieren und auch die klassische Kultur bringen.

 

Mal auf die Zeit nach Corona geschaut: Das Kulturwerk muss raus aus der Aula, muss sichtbar sein in der Öffentlichkeit, haben Sie immer gesagt. Im Moment geht das nicht. Aber ist das ein Spielfeld, das Sie auch weiter im Kopf haben?

Meyer-Hermann: Das Kulturwerk ist ja auch ein kommerzielles Unternehmen. Wir haben über 200 Abonnenten. Wenn wir auf kleinere Spielstätten gehen, haben wir keine Chance. Im Moment haben wir schon die Rücklagen angegriffen. Auch die Theaterpädagogik ist eine Erweiterung, die kostet, denn wir würden einen theaterpädagogischen Leiter eine Woche lang hier haben, der mit einer Schülergruppe arbeitet. Weiter habe ich noch nicht zu denken gewagt. Auch aus Platzgründen, aus Abonnentengründen, aus kommerziellen Gründen. Mit Matthias Kratzenstein (Anm. d. Red. Wortregisseur und Sprecherzieher aus Steinhagen und aktiv im neuen Verein „Kultur vor Ort Steinhagen e.V.) habe ich schon ein langes Gespräch gehabt. Ich finde das interessant, was dort im Schlichte-Carree gemacht wird. Interessant ist es, und das Schlichte-Carree bietet sich an für kulturelle Veranstaltungen. Aber das würde für uns Parzellierung der Abonnenten bedeuten. Wir werden uns sicherlich noch viele Gedanken machen müssen.

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