Corona-Krise: Auch Steinhagener Friedrichshöhe muss geschlossen bleiben – Gerd Tigges hat nun ungewollt mehr Zeit
Gitarre üben, Blumen gießen, Hose flicken

Steinhagen-Amshausen -

Normalerweise zischen die Gäste hier ihr Feierabendbier auf rustikalen Bänken, zwischen blumengeschmückten Texaco-Ölfässern und einem halb aufgeflexten Volvo-Youngtimer. Normalerweise würde man hier, in der Friedrichshöhe, beim Billard entspannen, Pizza essen und zusehen, wie der Sonnenball hinterm Jakobsberg verschwindet. Normalerweise. Aber was ist schon normal in diesen Zeiten? Momentan tut sich in der beliebten Kneipe in Amshausen – nichts.

Freitag, 20.11.2020, 19:12 Uhr aktualisiert: 20.11.2020, 19:20 Uhr
Er bleibt weiter optimistisch: Trotz der völligen Ungewissheit, wann es für seine Gaststätte irgendwie wieder weitergehen könnte, will Gerd Tigges auf keinen Fall den Kopf in den Sand stecken.
Er bleibt weiter optimistisch: Trotz der völligen Ungewissheit, wann es für seine Gaststätte irgendwie wieder weitergehen könnte, will Gerd Tigges auf keinen Fall den Kopf in den Sand stecken. Foto: Volker Hagemann

 

Die Gastronomie hat Zwangspause, in der Friedrichshöhe schallen weder Lynyrd Skynyrd noch Led Zeppelin aus den fetten Boxen. Zum zweiten Mal in diesem Jahr ist coronabedingt dicht. Gastwirt Gerd Tigges ist hin und her gerissen: „Grundsätzlich kann ich das verstehen, keiner will ein Risiko eingehen. Und Respekt vor politischen Entscheidungen: Ich will sie nicht treffen müssen.“ Er betont aber auch: „Bevor wir im vergangenen Mai wieder öffnen durften, hatten wir ein 1a-Hygienekonzept aufgestellt: Kontaktdaten erfassen sowieso, wir haben die Tische auseinander gerückt und statt irgendwelcher Verbotstafeln auf den nicht nutzbaren Tischen lieber große Blumensträuße drapiert. Haben die Billardtische so platziert, dass immerhin noch vier genutzt werden durften. Keiner murrte, alle waren so glücklich, dass es weiter ging!“

Tigges ist dankbar für die Unterstützung durch das Steinhagener Ordnungsamt: „Angel Dabarca und Marlon Simon hatten bei der Begehung gute Tipps gegeben!“ Und es habe nicht eine einzige Beschwerde gegeben.

Erst solche Motivation für den Neustart, jetzt wieder Stillstand. Resigniert man da nicht? „Ich bleibe optimistisch“, sagt Gerd Tigges. „Im Frühjahr hatte ich die Perspektive, dass es irgendwann weitergehen wird. Also dachte ich: Kopf hoch! Ich habe jeden Tag die Blümchen gegossen, Kollege Ingo und mein Sohn Antonio haben die Tische abgeschliffen und gestrichen, wir haben die Toiletten renoviert. Im Sommer lief es super; die Leute fuhren nicht in den Urlaub, sondern genossen mehr Zeit hier in der Kneipe. Alle haben betont, dass sie uns unterstützen wollen“, so Tigges. „Jetzt habe ich diesen Optimismus grundsätzlich auch – obwohl das Datum des Wiederöffnens völlig ungewiss ist. Man kann nichts planen, keine Weihnachtsfeiern, keine Hells-Bells-Party, keine Silvesterparty..“

Umso dankbarer ist der beliebte Kneiper seinem Team: „Keiner der 15 Leute meckert, alle ziehen mit, wollen arbeiten. Jetzt musste ich sie zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres in 100 Prozent Kurzarbeit schicken, das ist schon hart. Manche halten schon über 20 Jahre zur Stange.“ Gerd Tigges lobt bei alldem auch seine Verpächter Gretel und Karl Dümmler: „Die beiden haben mir dieses Jahr schon drei Monate Pacht erlassen, sowas ist nicht selbstverständlich, so ein Rückhalt motiviert zusätzlich!“

Gibt‘s nun wenigstens einen Außer-Haus-Verkauf? „Viele Gäste haben uns darum geradezu angefleht“, freut sich der Gastwirt über die Treue. „Aber es rechnet sich einfach nicht.“ Die Gastronomie-Soforthilfe des Bundes hat der 64-Jährige beantragt. Man müsse sehen, dass die Gaststätte damit über die Runden kommt. Der gelernte Fernmeldetechniker ist seit 46 Jahren Gastwirt, seit 32 Jahren selbstständig. Die Friedrichshöhe übernahm er vor 19 Jahren – doch ein solches wirtschaftliches Auf und Ab hat auch er noch nie erlebt.

Gerd Tigges behält seinen Optimismus, weiß die Zeit kreativ zu nutzen: „Wir streichen jetzt ein paar Räume in der Friedrichshöhe, und ich schnappe mir meine Gitarre“. Und dann zeigt er unendlich stolz auf den ziemlich grob aufgebrachten Flicken auf seiner Hose: „Ich hab‘ mir selbst das Nähen beigebracht – super, was?!“ Auf der Düsseldorfer Kö müsste man für solch exquisites Beinkleid wahrscheinlich eine hohe dreistellige Summe hinlegen. „Die Hose sieht jetzt exakt so aus wie auf Neil Youngs Album ‚After The Gold Rush‘!“ Das nennt man Zuversicht – typisch Tigges.

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