Runa Reisen in Steinhagen verkauft hochwertige FFP2-Masken und Corona-Schnelltests
Aus der Not ein Geschäftsmodell gemacht

Steinhagen -

Reisen laufen zurzeit nicht – aber alle Welt braucht Masken und Schnelltests. So hat die Steinhagener Firma Runa Reisen, Spezialanbieter für Behindertenreisen, in der Corona-Krise ein neues Geschäftsmodell entwickelt. Und kaum hatte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder die FFP2-Maskenpflicht ausgerufen, da schossen Minuten später die Zugriffe auf die Website des Unternehmens in die Höhe. „Jede achte Bestellung ist derzeit aus München“, sagt Karl B. Bock, mit Falk Olias geschäftsführender Gesellschafter von Runa.

Donnerstag, 14.01.2021, 19:13 Uhr aktualisiert: 15.01.2021, 13:42 Uhr
Tourismusexperten werden Fachleute für Medizinprodukte: Karl B. Bock (links) und Falk Olias.
Tourismusexperten werden Fachleute für Medizinprodukte: Karl B. Bock (links) und Falk Olias. Foto: Annemarie Bluhm-Weinhold

 

Doch so einfach ist es natürlich nicht gewesen. Der Umschwung von Reisen zu Medizinprodukten ist aus der Not geboren worden und hat sich schrittweise entwickelt. Zunächst war da der erste Lockdown im vergangenen Frühjahr und der Totalabsturz der Touristikbranche. Und das waren nicht nur die Branchenriesen, es waren die kleineren Unternehmen, die Mittelständler, die auf einmal die Flut der Stornierungen auch finanziell zu stemmen hatten. „Aber wir waren ja selbst schon in Vorleistungen getreten, das Geld war gar nicht mehr bei uns, sondern auch wir waren darauf angewiesen, dass Hotels und Airlines rückerstatten“, schildert Karl Bock: „Für einen Mittelständler ist das kaum zu schaffen.“

Runa Reisen startete zusammen mit etwa 150 anderen Reisebüros und -veranstaltern aus der Region einen Videohilferuf und suchte das Gespräch mit Politikern. „Wir mussten erst einmal auf unsere Branche aufmerksam machen. Die besondere Problematik der Touristik abseits von Lufthansa lag dort überhaupt nicht an“, schildert Falk Olias. Die heimischen CDU-Politiker Ralph Brinkhaus und insbesondere Carsten Linnemann haben nach Ansicht der Runa-Chefs erheblich dazu beigetragen die Dramatik in Berlin soweit verstehbar zu machen, dass die Touristikunternehmen in die Überbrückungshilfe eingegliedert wurden. Und: Die Mittelständler machten zusammen ordentlich Druck, wie die Runa-Chefs erzählen, dass die Airlines Gelder rückerstatteten. Auch die heimische Volksbank half, dass das elf Mitarbeiter starke Unternehmen den ersten Lockdown überlebte.

Doch die Idee, mit dem Vertrieb von Masken neue Geldquellen aufzutun, der kam Karl Bock und Falk Olias erst, als die Reisebranche bei nachlassenden Corona-Zahlen im Sommer 2020 ein wenig anzog. „Unsere Kunden gehören zumeist einer Hochrisikogruppe an. Und schnell stellte sich heraus, dass das Fliegen als Problempunkt gesehen wurde“, so Olias: „Also haben wir recherchiert und festgestellt, dass FFP2-Masken ein gutes Instrument zum eigenen Schutz sind.“ Runa-Mitarbeiter gingen auf Testreisen mit FFP2-Mund-Nasenbedeckung, deren spezielles Filtervlies anders als eine Stoffmaske auch den Träger schützt. Sie experimentierten auch und schnitten Masken auf. „Mit erschreckenden Erkenntnissen“, wie sie schildern. Bei manchen wies das Vlies offene Poren auf, so dass gar keine Schutzfunktion gegeben war, anderen waren gesundheitsschädigende Glasfaserpartikel beigefügt. Die Masken einer deutschen Herstellerfirma aber erwiesen sich als Branchenprimus. Und die gab Runa den Kunden mit auf Reisen.

1000 bestellte Exemplare waren allerdings viel mehr als gebraucht wurden. Und so entwickelten Bock und Olias ein Konzept, wie sie selbst die FFP2-Masken, von deren Qualität sie überzeugt waren, vertreiben konnten. Ende September 2020 gründeten sie ihren Onlineshop (ffp2-germany.com) und eine neue Firma: Boside – zusammengesetzt aus den Initialen der Nachnamen der Runa-Chefs und dem englischen Side, deutsch: Seite. Runa zieht neue Seiten auf. Im besten Sinne.

„Wir haben uns natürlich gefragt, was unser Ziel ist, was wir verkörpern wollen“, so Olias. Und da war schnell klar: Die Hochwertigkeit der Produkte ist ihr starkes Argument – „Made in Germany“. Alle Bestandteile der fünflagigen Maske stammen aus Deutschland. Ein Textilhersteller aus Bayern stellt den Steinhagenern die Masken auch in ausreichender Menge her.

Denn nach einem Beitrag in der ZDF-Sendung „Wiso“ boomen die Geschäfte. Und sind doch unwägbar: Zwischen 10.000 und 150.000 Masken pro Wochen schwanken die Bestellungen. In dem schicken Loft, in dem Runa Reisen unter dem Dach des Schlichte-Carrees ansässig ist, stapeln sich die Kartons palettenweise. Glückliche Fügung, dass auf der gleichen Ebene ein Lagerraum frei war, in dem der Versand nun tätig ist.

„Das Team zieht super mit“, loben die Chefs. Ohne Boside wären sie zu hundert Prozent in Kurzarbeit, so ist die Quote doch erheblich niedriger und variiert je nach Auftragseingang. Klar ist: „Runa ist komplett abhängig von Boside.“ Vollständig abdecken kann Boside das finanzielle und personelle Volumen von Runa zwar nicht. Aber die neue Firma ist mehr als ein Helfer durch die Krise und soll auch in Zukunft, wenn das Kerngeschäft, die Spezialreisen, wieder blüht, als zweites Standbein bleiben und ausgebaut werden. Zwei Mitarbeiter sind von der Dekra schon als Medizinproduktberater ausgebildet worden. Als zweites Produkt sind Schnelltests ins Portfolio ausgenommen worden – denn der Trend geht zu immer mehr Tests, nicht nur in der Touristikbranche.

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