Für die Arbeit des Mobilen Hospizteams Steinhagen sind die zunehmenden Kontaktbeschränkungen bislang kein Problem
„Am Grab lassen wir Luftballons steigen“

Steinhagen -

Mit einem todkranken Menschen angeregt über Politik diskutieren oder mit einem jungen Mädchen Luftballons auf dem Friedhof steigen lassen: Das sind nur zwei der vielen Beispiele dafür, die beweisen, wie vielfältig und vor allem wie lebendig die Trauer- und Hospizarbeit sein kann – auch in Zeiten von Kontaktbeschränkungen.

Sonntag, 17.01.2021, 20:18 Uhr
Vorlesen, spielen, diskutieren oder einfach zuhören: Das Hospizteam geht auf die Bedürfnisse der schwerkranken oder sterbenden Menschen ein.
Vorlesen, spielen, diskutieren oder einfach zuhören: Das Hospizteam geht auf die Bedürfnisse der schwerkranken oder sterbenden Menschen ein. Foto: dpa

 

Einen nahestehenden geliebten Menschen zu verlieren, das ist ohnehin schon äußerst belastend. Noch härter wird es in Zeiten von Corona, etwa wenn Kontaktbeschränkungen es erschweren oder gar unmöglich machen, dass mehrere Familienmitglieder oder Freunde – vielleicht im Wechsel – zusammenkommen, um den Angehörigen in dessen letzten Tagen oder Stunden zu begleiten. Noch in Erinnerung dürften vielen die Besuchsverbote in Seniorenheimen und Krankenhäusern aufgrund der Coronaschutzverordnung sein.

„Für uns sind die Kontaktbeschränkungen bislang glücklicherweise kein großes Problem gewesen“, sagt Annette Hagen vom Mobilen Hospizteam Steinhagen. In dieser Gruppe engagieren sich Ehrenamtliche aus Steinhagen und Umgebung, kümmern sich jeweils um die Begleitung schwerkranker und sterbender Menschen, und sie helfen auch Angehörigen, geben ihnen Kraft und Zuspruch in deren Trauer.

Meist ist man allein bei den Menschen, um die man sich kümmert

Meist sei man ohnehin allein bei dem Menschen, um den man sich kümmert, sagen Annette Hagen und ihr Mitstreiter Rolf Eick; im Hintergrund arbeite man dann meist zu zweit, tausche sich unter den Mitgliedern des Hospizteams regelmäßig aus. Alles derzeit selbstverständlich unter den aktuell erforderlichen Hygieneregelungen. „Anfangs darf natürlich ruhig ein weiterer Angehöriger dabei sein, um mich überhaupt erst einmal kennenzulernen, zu wissen: Wer kümmert sich denn da um mein Familienmitglied?“, erklärt Rolf Eick. „Doch allein zu sein mit einem Todkranken oder Sterbenden, ist viel intimer. Denn es gibt oft auch persönliche Dinge, die ein Mensch in seinen letzten Tagen oder Stunden nur mir erzählt. Und wir vom Hospizteam haben dazu selbstverständlich Schweigepflicht“, betont er. Damit hätten auch die anderen Familienangehörigen kein Problem: „Sie fragen uns ja extra, ob wir kommen können.“

Doch oft seien es alltägliche Dinge, über die Eick und seine Mitstreiter bei ihren Besuchen mit den Menschen plaudern, schließlich gehe es in allererster Linie darum, einfach da zu sein, Nähe und Vertrautheit zu schaffen, jemanden nicht allein zu lassen. „Ich besuchte kürzlich einen Herrn im Alter von Ende 80, der im Sterben lag. Er war sein Leben lang überaus politikinteressiert, und wir haben auf seinen Wunsch hin noch angeregt über Politik diskutiert. So konnte er letztlich in Frieden gehen“, erzählt Rolf Eick.

Oft reicht es, regelmäßig zu telefonieren

So etwas ist eben auch in Coronazeiten für das Hospizteam weiterhin möglich. Und im Übrigen: Nicht immer müsse solche Sterbe- oder auch Trauerbegleitung zwangsläufig aus dem persönlichen Miteinander vor Ort bestehen, sagt Annette Hagen: „Es gibt Leute, denen hilft es in ihrem Abschiedsschmerz schon enorm, einmal am Tag einfach mit mir zu telefonieren; sie reden sich dadurch Kummer und Sorge von der Seele, das baut sie auf.“

Rolf Eick steht derzeit auch in Kontakt zu einem Ehepaar, bei dem die Frau in Steinhagen lebt, ihr dementer Ehemann aber 20 Kilometer entfernt im Hospiz. „Er kann sich nicht jedesmal, wenn wir miteinander sprechen, an seine Frau erinnern.“ Bedrückt so etwas nicht auch den Ehrenamtler selbst? Eick sagt: „Für mich ist es ein schönes Gefühl, wenn ich der Frau helfen kann, indem sie sich am Telefon ihre Probleme von der Seele reden kann, ihr jemand zuhört.“ Eben ein Gewinn für beide Seiten: „Zu merken, wir sind eine Hilfe, das tut auch uns gut“, merkt Annette Hagen immer wieder.

Nicht immer seien die, denen das Steinhagener Hospizteam zuhört und hilft, im fortgeschrittenen Alter, betont Hagen: Die Steinhagenerin trifft sich seit dem vergangenen Frühjahr regelmäßig mit einem jungen Mädchen, dessen Vater im April verstorben ist. „Wir gehen dann zum Friedhof. Das Grab ist auch mit Sportutensilien und -erinnerungen geschmückt“, berichtet Annette Hagen. „Oft sprechen wir dann auch über den Tod meiner eigenen Eltern, tauschen uns aus. Und über dem Grab ihres Vaters haben wir schon Luftballons steigen lassen und gesagt: Er freut sich jetzt darüber, sieht uns von Wolke sieben aus zu.“

Rund um die Uhr erreichbar

Das Mobile Hospizteam Steinhagen ist jeden Tag rund um die Uhr erreichbar – unter Telefon 0172-1877259 und per E-Mail: hospizsteinhagen@gmail.com. Die Begleitung erfolgt unter Berücksichtigung der Corona-Schutzregeln.

 

 

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