Sa., 16.12.2017

Expertin aus Verl beobachtet beunruhigende Entwicklung auch in ihrer Praxis »Essstörungen nehmen dramatisch zu«

Im Internet präsentieren essgestörte Frauen stolz ihre vermeintlichen Erfolge beim Hungern. Gleichgesinnte feiern sie dafür.

Im Internet präsentieren essgestörte Frauen stolz ihre vermeintlichen Erfolge beim Hungern. Gleichgesinnte feiern sie dafür. Foto: dpa

Verl (WB). Essstörungen nehmen zu. Alleine in NRW ist die Zahl der betroffenen Frauen laut einer aktuellen Studie in den vergangenen zehn Jahren um 19 Prozent gestiegen. Uschi Rawert führt in Verl eine Praxis für Psychotherapie und hat mit Kerstin Eigendorf über Ursachen von Essstörungen, eine Gesellschaft der Perfektion und die Schwierigkeiten einer Therapie gesprochen.

Warum gibt es immer mehr Essgestörte?

Uschi Rawert: Essstörungen wie Bulimie und Magersucht nehmen dramatisch zu. Unter anderem, weil wir eine Wohlstandsgesellschaft sind. Interessant ist, dass es in Ländern, wo Armut herrscht, so etwas nicht gibt. In einer Wohlstandsgesellschaft geht es um gutes Aussehen, Perfektionismus, gerade bei Frauen. Sie müssen alles sein: eine gute Mutter, gut im Beruf, gut im Sport und auch noch eine gute Geliebte. Das ist der Anspruch. Viele Essgestörte, die zu mir kommen, eint, dass sie sehr aktive Mütter haben. Nicht alle natürlich. Aber oft stehen Powerfrauen als Mütter dahinter. Diese vermitteln das Bild: Eine Frau muss alles können. Und dann sagen die Mädchen oft im Unterbewusstsein: Wenn das Frau sein bedeutet, dann will ich das nicht. Oft ist eine Essstörung der innere Protest gegen den Perfektionismus unserer Gesellschaft.

Uschi Rawert (62) ist Fachtherapeutin für Essstörungen, aber auch Trauma-, Kunst- und kreative Leibtherapeutin in ihrer Praxis in Verl.

 

Spielt Werbung nicht eine viel größere Rolle als der Perfektionismus der Mütter?

Rawert: Natürlich spielen die Laufstege auch eine Rolle. Größe XS ist da die Regel. Und die jungen Menschen suchen sich Vorbilder. Dass das oft in den Magazinen retuschiert wird, vergessen die Mädchen. Was so perfekt aussieht, ist ja nicht die Realität. Dieser Perfektionismus betrifft aber nicht nur ganz junge Frauen. Denken Sie mal an Schwangere, die kurze Zeit nach der Geburt nur ein Ziel haben: dünn sein. Junge Mütter stehen unter enormem Druck.

 

Diese jungen Mütter würden eher von figurbewusst sprechen. Wo hört das auf und eine Essstörung fängt an?

Rawert: Es gibt drei Phasen. Die erste entwickelt sich meist aus einer Diät, ein bisschen abnehmen, in die eine Hose passen. Meist spielt die Figur auch in der Familie eine große Rolle. Das Abnehmen bringt dann eine gewisse Befriedigung, ein Erfolgserlebnis. Dann geht es aber weiter. Ich nehme noch mehr ab, kriege Anerkennung, Bewunderung. Bis dann die dritte Phase kommt, in der ich das nicht mehr kontrollieren kann. Es verselbstständigt sich. Nicht essen hat ja auch etwas mit Macht zu tun: Kontrolle über mich und über andere. Wenn meine Bedürfnisse nicht gehört werden und ich dann nicht mehr esse, dreht sich auf einmal alles um mich. Ich bin der Mittelpunkt, bekomme Aufmerksamkeit.

 

Also spielt die Familie eine zentrale Rolle?

Rawert: Ja. Wenn ich junge Frauen oder Männer behandele, behandele ich ganz oft die ganze Familie mit. Es geht fast immer einher mit einer Familientherapie.

 

Heißt das, alle in der Familie sind essgestört oder ist das Familien-Weltbild das Problem?

Rawert: Die Ursache liegt oft innerhalb der Familie. Die essgestörte Person ist meist Symptomträger für etwas, das in der Familie nicht stimmt. Oft verstehen sich die Eltern nicht mehr, es gibt viel unausgesprochene Wut. Eine Essstörung deckt so etwas auf. Ein Beispiel: Ein Paar passte eigentlich nicht zusammen, ignorierte das aber und hat sich daher sehr auf die Tochter konzentriert. Diese hat von den eigenen Problemen abgelenkt, in dem sie sich in eine Essstörung flüchtete.

 

Klingt als seien die Eltern oft schuld an einer Essstörung.

Rawert: Nein. Das kann man so keinesfalls sagen. Mit Schuld hat das nichts zu tun. Die Eltern erleben enorm viel Not. Sie müssen zusehen, wie ihr Kind immer dünner wird. Das ist pure Verzweiflung, Hilflosigkeit. Eltern wollen helfen, wissen aber nicht wie.

 

Welche Fälle begegnen Ihnen in der Praxis konkret?

Rawert: Oftmals sind es Konflikte mit den Eltern. Die Magersucht entwickelt sich meist zwischen 14 und 18 Jahren. Es kommen aber auch schon Neunjährige in die Praxis heute leider. In der Pubertät beginnt die Suche nach Autonomie. Manchmal wissen Eltern nicht, damit umzugehen. Wie konsequent muss man sein? Es geht am Ende immer um das richtige Maß. Bei einer Essstörung ist dieses verloren gegangen.

 

Es geht also gar nicht darum, dass jemand immer sagt: »Du bist zu dick«?

Rawert: Richtig. In der Therapie begegnet mir oft, dass Betroffene versuchen, nur über Essen zu reden. Das ist ein Ablenkungsmanöver. Denn es geht nicht ums Essen. Es geht um Leistungsdenken und Perfektionismus, wenig Selbstwertgefühl und Grenzen. Nicht selten geht einer Essstörung auch ein sexueller Missbrauch voraus. Essstörungen gehen häufig auch mit Borderline, Burnout oder Depressionen einher. Eine Essstörung nur als Essstörung ist selten.

 

Wie schwer ist es, Essstörungen zu therapieren?

Rawert: Das ist mit das Schwerste, was es gibt. Insbesondere Magersüchtige haben einen enormen Willen und tragen viel Wut in sich. Bis diese endlich ausbricht, dauert lange, denn Magersüchtige können sich super kontrollieren. Sie essen an manchen Tagen nur ein Salatblättchen – mit schlechtem Gewissen. Besonders über kreative Therapie wie mit Musik oder Malen kann man das Kontrollierte aufbrechen. Außerdem kann ich bei einer Magersucht nicht wie beim Alkohol daran arbeiten, diesen zu meiden. Ich muss essen, werde immer wieder damit konfrontiert. Das macht eine Therapie kompliziert.

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