Do., 04.01.2018

Doch eine Hebamme zu finden ist auch in Verl nicht leicht Im Dienst für das neue Leben

Das sind Momente, in denen Hebamme Saskia Wingerath weiß, warum sie ihren Beruf so liebt. Max aus Kaunitz lässt es sich gerne gefallen, von Kopf bis Fuß unter die Lupe genommen zu werden.

Das sind Momente, in denen Hebamme Saskia Wingerath weiß, warum sie ihren Beruf so liebt. Max aus Kaunitz lässt es sich gerne gefallen, von Kopf bis Fuß unter die Lupe genommen zu werden. Foto: Kerstin Eigendorf

Von Kerstin Eigendorf

Verl-Kaunitz (WB). Friedlich schlummert Max auf dem Arm von Saskia Wingerath, während Ann-Kristin Edinger, die Mama des sechs Wochen alten Babys, wissen möchte, ob sie den Sitzverkleinerer schon aus der Babyschale entfernen kann. »Das ist eine von vielen Fragen, die Mütter am Anfang bewegen. Ich bin dazu da, ihnen Sicherheit zu geben«, sagt Saskia Wingerath.

Doch es ist gar nicht so leicht für Schwangere, eine Hebamme zu finden, die sie vor der Geburt und danach betreut. »Jeden Tag klingelt mein Telefon mindestens zweimal und Frauen fragen, ob ich ihre Nachsorge übernehmen kann«, erzählt die 45-jährige freiberufliche Hebamme aus Verl.

Schwangere müssten sich schon vor der zehnten Schwangerschaftswoche bei ihr anmelden, um einen Platz zu kriegen. Sie sei – wie viele Kolleginnen – bis August ausgebucht, obwohl sie drei bis fünf Nachsorgen im Monat annehme. Was nicht nach viel klingt, ist viel. »In der ersten Woche komme ich jeden Tag zu den Familien nach Hause, dann alle zwei bis drei Tage, nach drei bis vier Wochen etwa einmal die Woche: Das ist aber ganz individuell.«

Max trinkt wie ein Weltmeister

Bei den Edingers in Kaunitz kann Saskia Wingerath nur staunen. Max macht es seinen Eltern Ann-Kristin und Andreas Edinger leicht. Er trinkt wie ein Weltmeister, hat in nur elf Tagen 490 Gramm zugelegt. Seine Mutter hat keine Schmerzen beim Stillen und ist entspannt. »Das ist für eine Erstgebärende ungewöhnlich. Viele sind unsicher und ich kann dann helfen, mehr Sicherheit im Umgang mit dem Baby zu bekommen.«

Wiegen, Stillberatung, Babypflege: Das Spektrum ist breit. Und so möchte Ann-Kristin Edinger wissen, wie oft sie die Heilwolle nutzen kann, wenn »Power-Max«, wie ihn sein Papa liebevoll nennt, einen wunden Popo hat. »Da brauchst Du nicht vorsichtig mit sein, die kannst Du immer mal wieder benutzen«, sagt die Hebamme, die alleinerziehende Mutter von drei Mädchen ist (15 und 10 Jahre alt) und im Droste-Haus Kurse anbietet.

Erfahrung weitergeben

Es gehe darum, die Frauen von ihrer Erfahrung profitieren zu lassen. »Oft rufen mich Mütter an, die ich kaum verstehe, weil sie ihr schreiendes Kind auf dem Arm haben«, erzählt Wingerath, die seit 23 Jahren Hebamme ist. »Dann sage ich der Mutter, sie soll ihr Baby einfach ins Bett oder auf eine Decke legen und unterhalte mich mit ihr über etwas ganz anderes.« So sei die Mama abgelenkt, werde ruhiger und plötzlich weine das Baby häufig auf einmal nicht mehr. »So nehme ich Druck und Nervosität raus.«

Druck erlebt Wingerath allerdings in ihrem Job immer mehr. Die Pflicht, mit dem sogenannten »Qualitätsmanagement« zu arbeiten sei zeitaufwendig. Seit 1. Januar wird es kontrolliert. Einige Kolleginnen habe dieses »Bürokratiemonster« schon in die Knie gezwungen.

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Ich bin leider die künftige Altersarmut.

Saskia Wingerath

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Die Vorgabe, 60 Fortbildungsstunden in drei Jahren zu absolvieren – oft aus eigener Tasche bezahlt – tue ihr übriges. »Wir kommen nicht einmal an den Mindestlohn heran.« Wenn ihr Auto kaputt gehe, habe sie ein Problem, eine private Altersvorsorge könne sie sich nicht leisten. Und so fällt das Fazit einer Frau, die mit Leidenschaft ihren Beruf ausübt und im Dienst des neuen Lebens steht, traurig aus: »Ich bin leider die künftige Altersarmut.«

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