Gesamtschule nimmt mit neuem Siegel klare Haltung ein – Verleihung am Montag
»Wir stehen gegen Rassismus auf«

Verl (WB). Ausländerhass, Angst vor Migranten, Debatten über das Wort Hetze: Die jüngsten Vorfälle in Chemnitz wirken nach. Die Gesamtschule Verl steht auf gegen Diskriminierung – nicht erst seit Chemnitz. Sie erhält das Siegel »Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage«. Kerstin Eigendorf sprach mit Schulleiterin Tanja Heinemann darüber.

Samstag, 22.09.2018, 11:45 Uhr aktualisiert: 22.09.2018, 12:00 Uhr
Gemeinsam gegen Rassismus: Schulleiterin Tanja Heinemann mit den Schülern Leon Springer (11), Laurena Krasniqi (11), Norair Ghukasyan (10) und Juliane Könighorst (10). Foto: Kerstin Eigendorf
Gemeinsam gegen Rassismus: Schulleiterin Tanja Heinemann mit den Schülern Leon Springer (11), Laurena Krasniqi (11), Norair Ghukasyan (10) und Juliane Könighorst (10). Foto: Kerstin Eigendorf

Könnte ein Statement klarer und aktueller sein als in Zeiten von rechten Aufmärschen in Chemnitz oder andernorts?

Tanja Heinemann: Eigentlich ist es traurig, dass gerade jetzt wieder deutlich zu sehen ist, dass das Thema Rassismus aktueller denn je ist. Wir beschäftigen uns allerdings schon seit mehr als drei Jahren mit diesem Thema in der Schule. Das Siegel ist ein logischer Schritt. Wir wollen unsere Haltung somit offen nach außen tragen und dafür einstehen. Wir sind eine Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage. Es ist eine Selbstverpflichtung. Natürlich spielt das, was zum Beispiel gerade in Chemnitz passiert ist, eine Rolle. Gerade in der Schule muss Demokratieverständnis vermittelt werden, damit es gar nicht erst zu einer solchen Gesinnung kommt.

 

Was kann Schule denn überhaupt tun, um Rassismus zu verhindern?

Heinemann: Erst einmal muss man das Bewusstsein schaffen, dass es so etwas gibt. Und dann ganz klar die Haltung einnehmen: Das darf es an unserer Schule nicht geben. Das tolerieren wir nicht. Es reicht natürlich nicht, das nur im Unterricht zu thematisieren. Einrichtungen wie der Klassenrat ab Stufe 5 sind Teil einer Schule, in der Demokratie und Mitbestimmung gelebt wird. Auch der Einsatz für soziale Projekte gehört dazu. Ganz aktuell haben wir an der Gesamtschule zwei Projekte in diesem Jahr zum Gedenktag ›80 Jahre nach der Reichspogromnacht‹.

 

Wo fängt Rassismus im Klassenzimmer an?

Heinemann: Wir versuchen, ein Klima zu schaffen, in dem es erst gar nicht dazu kommt, dass Rassismus entsteht. Wichtig ist, dass es nicht immer heißt, der türkische Schüler diskriminiert den deutschen Schüler. Deutsche können Deutsche diskriminieren, Türken Türken, Jungen Mädchen, Nicht-Behinderte Behinderte. Wir haben nicht gezielt erfasst, wie viele Schüler hier einen Migrationshintergrund haben. Das ist auch nicht nötig. Wir wollen hier an der Schule die Vielfalt leben – und das gemeinsam. Geflüchtete Kinder haben hier keinen anderen Status als in Deutschland geborene. Kinder mit Einschränkungen sind hier ebenso selbstverständlich ein Teil des Schullebens.

 

Es ist kein Geheimnis, dass sich viele Schulen mit Siegeln schmücken und dann nichts dahinter ist. Wie wollen Sie das an Ihrer Schule verhindern?

Heinemann: Für uns ist das ein Auftrag. Wir haben es auch nicht gleich nach dem ersten Projekt beantragt, sondern uns mehrere Jahre intensiv damit befasst. Wenn man dieses Siegel beantragt, müssen 70 Prozent der Schüler, Lehrer und des nicht-pädagogischen Personals unterschreiben, dass sie hinter dem Weg stehen. Wir haben fast 100 Prozent. Wir wollen die Erinnerung wach halten, gerade an die Zeit des Holocaust.

 

Was mussten Sie als Schule noch tun, um das Siegel zu erhalten?

Heinemann: Die Selbstverpflichtung ist der erste große Schritt. Wenn man schon Projekte in dem Bereich gemacht hat, kann man die Schüler besser überzeugen. Eine reine Absichtserklärung würde keiner unterschreiben. Dann haben wir Projekte ausgeguckt und einen Paten gesucht. Der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok war sofort begeistert.

 

Viele sind nach den Vorfällen in Chemnitz auf die Straße gegangen gegen Rassismus. Wäre es auch denkbar, als Schule auf diese Weise aufzustehen und Farbe zu bekennen?

Heinemann: Wir als Schule wollen natürlich erstmal im eigenen Haus schauen und zusehen, dass das Thema hier stimmt. Aber wir fühlen uns auch verpflichtet, das weiter nach außen zu tragen. Wir wollen in diesem Jahr – und diese Entscheidung fiel vor den Ausschreitungen in Chemnitz und andernorts – das Thema Holocaust in Erinnerung rufen. Und zwar nicht so, dass man nur davon spricht, was alles in der Vergangenheit schlecht war. Wir wollen nach vorne gerichtet vorgehen und uns die Frage stellen: Was lernen wir daraus für die Zukunft?

 

Hört sich in der Theorie gut an. Aber was wird konkret gemacht?

Heinemann: Wir haben uns zur Zeitzeugen-Schule ausbilden lassen. Mein Kollege Nicolai Domscheit und ich machen das mit ungefähr 15 Schülern, die freiwillig dabei sind. Wir übernehmen die Patenschaft für jemanden, der den Holocaust überlebt hat. In dessen Namen transportieren wir dessen Geschichte, damit sie nicht verloren geht, wenn derjenige irgendwann einmal nicht mehr lebt. Es geht aber nicht nur um die NS-Zeit, sondern auch darum, wie dieser Mensch es geschafft hat, in seinem gesamten Leben mit dieser Vergangenheit umzugehen. Das sorgt einerseits dafür, dass es für die nächsten Generationen erhalten bleibt. Aber gleichzeitig bekennen wir uns auch ganz klar durch dieses Projekt zur Courage und wenden uns eindeutig gegen jede Form von Rassismus – ob in der Vergangenheit oder heute.

Denn bei der Geschichte eines nach Israel geflüchteten Juden sind wir schnell bei Menschen, die heute aus Syrien zu uns kommen. Wir haben die Verantwortung zu fragen: Wie gehen wir heute mit Geflüchteten um? Jeder unserer Schüler sollte dazu eine Haltung einnehmen und verstehen, was er aus der Geschichte für seine eigene Zukunft lernt. Wir stehen gegen Rassismus auf.

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