Sa., 10.11.2018

Tim Pröse liest aus seinem Buch und portraitiert seine Jahrhundertzeugen Schwer zu ertragen

Tim Pröse hält die Kopie der letzten Botschaft von Sophie Scholl hoch.

Tim Pröse hält die Kopie der letzten Botschaft von Sophie Scholl hoch. Foto: Alexandra Wittke

Von Alexandra Wittke

Verl (WB). Elf Zeitzeugen hat Tim Pröse für sein Buch »Jahrhundertzeugen« getroffen, mit ihnen gesprochen und sie an die Orte ihrer Lebensgeschichte begleitet. Herausgekommen ist ein Buch voller persönlicher Vermächtnisse, die nicht nur anklagen, sondern zum Nachdenken anregen.

Der Rahmen der Veranstaltung ist gut gewählt. Etwa 60 Besucher haben sich am Donnerstag im kleinen Raum des Heimatshauses Verl eingefunden, um der Lesung von Journalist und Autor Tim Pröse zu folgen.

Mit dem ersten Kapitel seines Buches beginnt er dann auch den Abend. Inge Aicher-Scholl, die Schwester der Widerstandskämpfer und Mitglieder der Organisation »Weiße Rose«, Sophie und Hans Scholl erzählte Tim Pröse in stundenlangen Gesprächen, wie sie die letzten Stunden und die anschließende Beerdigung ihrer Geschwister erlebte. Fast schon lyrisch beschrieb sie, wie geradlinig Sophie bis zu ihrem Tod war und verriet auch, dass ihre Schwester keine der gebauten Brücken in den Verhören nutzte, um ihr Leben zu retten. Im Gegenteil, auf die Frage, ob sie mit dem Wissen, dass sie jetzt hätte, alles noch einmal genauso machen würde, antwortete Sophie Scholl »Ich bereue meine Handlungsweise nicht und will die Folgen auf mich nehmen.« Tim Pröse hält beim Lesen dieses Zitats einen Zettel hoch, mit schwungvoll gemalten Buchstaben steht das Wort »Freiheit« geschrieben. Es ist eine Kopie der letzten Botschaft von Sophie Scholl. Inge Aicher-Scholl hatte sie durch Zufall und erst Jahrzehnte später im Nachlass ihrer Schwester gefunden, auf der Rückseite des Urteils.

Vom unbekannten Schindler

Tim Pröses zweite Erzählung handelt von dem »unbekannten Schindler«. Berthold Beitz, späterer Generalbevollmächtigter des Stahl-Magnaten Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, rettete als junger Mann mehreren Hundert jüdischen Zwangsarbeitern das Leben, indem er sie als unentbehrliche Arbeiter in den von ihm verwalteten Fabriken beschäftigte. Jurek Rotenberg ist einer von ihnen. 70 Jahre lang haben sich der Retter und sein Schützling nicht gesehen. Tim Pröse gelingt es nicht nur, Jurek Rotenberg seine Lebensgeschichte zu entlocken, er begleitet ihn auch zu diesem Treffen. Eindrucksvoll behutsam spricht der Autor zum Publikum, immer wieder steht er dabei auf und imitiert etwa den vor lauter Aufregung zitternden Jurek Rotenberg oder beschreibt den Moment, indem sich Retter und Geretteter endlich wiedersehen.

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»Mein Ziel ist es nicht, Sie traurig zu entlassen. Wir müssen nicht nur verzagen, wir dürfen auch auf einige stolz sein.«

Tim Pröse

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Zum Schluss seiner Lesung fordert Tim Pröse die Zuhörer noch einmal. Seine Erzählung über Kurt Keller, der den D-Day in der Normandie als einer der wenigen überlebt hat, ist schwer zu ertragen. Eindringlich und gestenreich beschreibt der Autor den Moment, als er mit dem damals 88-jährigen den Strandabschnitt in Frankreich betritt, an dem die größte Landeoperation der Geschichte den Sand in ein blutiges Meer verwandelte. Kurt Keller wird dabei selbst zum Mörder. Um nicht erschossen zu werden, hat er keine andere Wahl, als selbst seinen Karabiner anzulegen. Tim Pröse hält inne, als er diesen Augenblick der Entscheidung schildert, lässt den Zuhörern Zeit und beendet seine Lesung mit einem Moment der Stille. Dann aber erhebt er sich noch einmal und wiederholt seine Worte, die er bereits zu Beginn der Lesung an das Publikum gerichtet hatte: »Mein Ziel ist es nicht, Sie traurig zu entlassen. Wir müssen nicht nur verzagen, wir dürfen auch auf einige stolz sein.«

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