Sa., 05.01.2019

Malta lässt deutsches Seenotretter-Schiff nicht in den Hafen Krankenschwester aus Verl sitzt auf dem Mittelmeer fest

Zwischen Weihnachten und Neujahr hat die »Professor Albrecht Penck« 17 Geflüchtete an Bord genommen, die sich auf einem überfüllten Holzboot befanden. Sie kommen unter anderem aus Guinea, Nigeria und Mali.

Zwischen Weihnachten und Neujahr hat die »Professor Albrecht Penck« 17 Geflüchtete an Bord genommen, die sich auf einem überfüllten Holzboot befanden. Sie kommen unter anderem aus Guinea, Nigeria und Mali. Foto: Alexander Draheim/Sea-Eye.org

Von Kerstin Eigendorf

Verl (WB). Ein unter deutscher Flagge fahrendes Schiff mit 17 Geflüchteten an Bord schippert ziellos übers Mittelmeer. Nirgendwo wird es in einen Hafen gelassen. Auf dem Schiff ist auch Diane Glossop aus Verl. Eigentlich wollte sie an diesem Samstag schon wieder in Deutschland sein. Stattdessen hängt sie vor der Küste Maltas auf See fest.

Diane Glossop Foto: Eigendorf

»Die Vorräte neigen sich dem Ende«, erzählt die 54-Jährige. Die Mannschaft sei am Limit. »Bei dem Seegang ist es wirklich hart hier«, sagt Diane Glossop. Doch der Reihe nach.

Die Verlerin ist seit kurz vor Weihnachten auf See – an Bord der »Professor Albrecht Penck« im Auftrag der Regensburger Organisation Sea-Eye. Am 29. Dezember entdecken sie etwa 45 Kilometer vor der libyschen Küste in internationalen Gewässern ein Holzboot mit 17 Menschen.

»Wir haben sie an Bord genommen, sie waren hoch traumatisiert, haben nach eigenen Angaben alle mindestens ein Jahr in libyschen Gefängnissen gesessen«, erzählt Glossop. Als sie ihnen erklären, dass es noch sehr weit nach Europa ist, sind die Geflüchteten völlig schockiert. »Sie dachten, sie hätten schon eine große Strecke zurückgelegt mit dem Boot.« Diese Menschen seien in einem ganz schlimmen Zustand gewesen.

Ansage der Libyer

Zunächst fordert die libysche Küstenwache die Sea-Eye-Crew auf, die Flüchtlinge an sie zu übergeben. Doch das lehnt die Besatzung ab, weil sie das Land nicht für sicher hält und sie die Flüchtlinge nicht im Hoheitsgebiet Libyens an Bord genommen hat, sondern in internationalen Gewässern. Daraufhin kommt die Ansage der Libyer, sich sofort von Libyen zu entfernen.

Das Schiff nimmt Kurs auf Malta. Doch dort wird der Crew verboten, den Hafen anzulaufen und sich in der Such- und Rettungszone (SAR) Maltas aufzuhalten. Erst angesichts von vier bis fünf Meter hohen Wellen und Windstärken von neun bis zehn lenkt Malta ein und lässt die »Professor Albrecht Penck« zumindest näher ans Festland in die Zwölf-Meilen-Zone – aus Sicherheitsgründen. Das ist auch der aktuelle Stand.

Zum dritten Mal dabei

»Was wir machen sollen, wenn das Unwetter aufhört, wissen wir nicht«, sagt Diane Glossop, die zum dritten Mal bei so einem Einsatz auf dem Mittelmeer dabei ist. »Den letzten im Sommer vergangenen Jahres habe ich eigentlich noch gar nicht richtig verarbeitet«, gibt sie zu.

Damals waren 119 Flüchtlinge an Bord genommen worden. »Doch wenn man hier einmal gewesen ist und das gesehen hat, kann man nicht anders als wieder hinzufahren und zu helfen«, betont die gelernte Krankenschwester.

Rotkohl für alle

Gerade wird ihr Optimismus auf eine harte Probe gestellt. Hat sie Weihnachten an Bord noch ein großes Menü mit Rotkohl, Rindfleisch und Kartoffelgratin für alle gekocht und Weihnachtsmusik abgespielt, wurde Silvester schon nicht mehr zelebriert. »Wir sind einfach fertig mit den Nerven und wollen nur noch an Land.« Schließlich seien die Besatzungsmitglieder Europäer und hätten somit auch das Recht, einen sicheren Hafen ansteuern zu dürfen. »Wir waren über Weihnachten und Silvester hier auf dem Meer und möchten jetzt endlich wieder nach Hause zu unseren Familien.«

Diane Glossop pocht nach wie vor auf eine »gesamteuropäische Lösung«. Nur so könne endlich vermieden werden, dass nichtstaatliche Seenotretter in so eine »unwürdige Situation« kämen wie sie es aktuell vor der Küste Maltas erlebe. »Wir brauchen ein vernünftiges Seenotrettungsprogramm.« Auch wenn es richtig sei, dass die Bedingungen in den Herkunftsländern verändert werden müssten, führe kein Weg daran vorbei, dass es endlich eine klare Strategie geben müsse, die »die Rettung dieser verzweifelten Menschen in den völlig überfüllten Booten möglich mache, ohne als Helfer als Krimineller abgestempelt zu werden«, sagt die ­Verlerin.

Einsätze im Mittelmeer umstritten

Einsätze von Nichtregierungsorganisationen zur Seenotrettung auf dem Mittelmeer sind nicht unumstritten. Der Vorwurf von Kritikern lautet, dass diese Einsätze Teil des Problems seien und nicht die Lösung. Sie würden Schleusern und Schlepperbanden in die Hände spielen, ist immer wieder zu hören. Gäbe es die privaten Seenotretter nicht, würden sich weniger Menschen auf den gefährlichen Weg übers Meer machen und so würde den Schleppern ihr Geschäft verhagelt, lauten die Argumente. Länder wie Italien lassen private Seenotretter längst nicht mehr mit Flüchtlingen an Land.

Diane Glossop kennt die Vorwürfe nur zu gut. »Wenn ich von einem Einsatz komme, höre ich sowas ständig«, sagt sie. Und energisch fügt sie hinzu: »Ich mache nichts Kriminelles, wenn ich Menschenleben rette.« Sie ist von der Mission überzeugt und will »so lange weiter hierhin fahren, bis hier kein Mensch mehr im Meer ertrinkt«.

 

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