»Zukunftsbahn OWL« von Verl nach Hövelhof könnte Blaupause für Nahverkehr werden
Keine spinnerte Idee mehr

Verl (WB). Ohne Lokführer in kleinen Kabinen auf den Schienen von Verl nach Hövelhof fahren, und zwar nicht nach Fahrplan, sondern auf Anforderung über eine App auf dem Handy – das Ganze angetrieben mit Öko-Strom aus heimischer Sonnen-, Wind- oder Biokraft. Diese Vision könnte zwischen Verl und Hövelhof wahr werden.

Mittwoch, 27.02.2019, 18:29 Uhr aktualisiert: 27.02.2019, 18:32 Uhr
Vom Bahnhof Verl aus könnten in Zukunft Fahrgäste bis nach Hövelhof fahren: Thomas Westhof (Wirtschaftsförderer der Gemeinde Hövelhof), Rolf Naumann (FH Bielefeld), Verls Bürgermeister Michael Esken (vorn von links) und Jörg Horst (FH Bielefeld), Hermann-Josef Kruse (FH Bielefeld), Kirsten Bergmann (FH Bielefeld), Sönke Lück (FH Bielefeld), Susanne Mangel (VVOWL), Paul Lohmann (FH Bielefeld), Jens Haubrock (FH Bielefeld), Lutz Grünwoldt (FH Bielefeld), Beigeordneter Thorsten Herbst (Stadt Verl) und Lothar Budde (Dekan der FH Bielefeld). Nicht im Bild: Michael Neubauer (Geschäftsführer Citkomm) und Frank Scheffer (Kreis Gütersloh). Foto: Monika Schönfeld
Vom Bahnhof Verl aus könnten in Zukunft Fahrgäste bis nach Hövelhof fahren: Thomas Westhof (Wirtschaftsförderer der Gemeinde Hövelhof), Rolf Naumann (FH Bielefeld), Verls Bürgermeister Michael Esken (vorn von links) und Jörg Horst (FH Bielefeld), Hermann-Josef Kruse (FH Bielefeld), Kirsten Bergmann (FH Bielefeld), Sönke Lück (FH Bielefeld), Susanne Mangel (VVOWL), Paul Lohmann (FH Bielefeld), Jens Haubrock (FH Bielefeld), Lutz Grünwoldt (FH Bielefeld), Beigeordneter Thorsten Herbst (Stadt Verl) und Lothar Budde (Dekan der FH Bielefeld). Nicht im Bild: Michael Neubauer (Geschäftsführer Citkomm) und Frank Scheffer (Kreis Gütersloh). Foto: Monika Schönfeld

»Es ist keine spinnerte Idee mehr«, sagt Verls Bürgermeister Michael Esken. Das besagt die Einstufung des Projekts »Zukunftsbahn OWL« (Future Rail) unter dem C-Status im November.

Projekte im C-Status

In der Vorstudie, die in einem halben Jahr darüber entscheidet, ob es weitergeht oder nicht, sind vier Projekte aus der Region mit dem so genannten C-Status: Es ist die »Zukunftsbahn OWL (Future Rail)« von Verl nach Hövelhof, die »Auto-Bahn« (Reaktivierung der Bahnstrecke von Lemgo nach Barntrup-Lüttfeld) und zwei Straßenprojekte, die Autöpia (autonomer ÖPNV in Löhne/Bad Oeynhausen) und »Last mile«, Ideen für den Weg von der Haltestelle/Bahnhof bis zur Haustür. Finanziert wird die Vorstudie über die Förderrichtlinie »Vernetzte Mobilität« durch das Land NRW. Es forschen die Hochschule OWL, die Uni Bielefeld, die FH Bielefeld und das Fraunhofer Institut Lemgo.

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Der letzte Personenzug fuhr hier linienmäßig im Oktober 1978. Jetzt gilt es, die Reaktivierung der TWE-Strecke von Verl nach Hövelhof mit automatisierten Zügen auf die nächste Stufe zu heben. Ob das Projekt Chance auf den Status B etwa im Jahr 2020 hat, wird eine Vorstudie ergeben, die in einem halben Jahr verbindlich empfehlen wird, ob es sich lohnt weiterzumachen oder nicht.

Als ich den Stein im Sommer 2017 ins Wasser geworfen habe, wusste ich nicht, wie viele Fragestellungen es zu berücksichtigen gilt.

Michael Esken

»Als ich den Stein im Sommer 2017 ins Wasser geworfen habe, wusste ich nicht, wie viele Fragestellungen es zu berücksichtigen gilt«, sagte Esken am Mittwoch nach der Sitzung des Projektkonsortiums. Das besteht aus Vertreten der Stadt Verl, der Gemeinde Hövelhof, des Kreises Gütersloh, der Fachhochschule Bielefeld, des Verkehrsverbundes OWL, des Zweckverbandes Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) und der Captrain Deutschland GmbH.

Der Prodekan der FH Bielefeld, Professor Dr. Rolf Naumann, gilt als der Experte für schienengebundenen Nahverkehr. »Automatisierter Schienenverkehr ist nichts Neues. Den gibt es seit 1985 in den Londoner Docklands oder bei der Nürnberger U-Bahn. Neu ist, dass wir das auf dem Lande, im freien Feld mit vielen Bahnübergängen in kleinen Einheiten machen wollen, bedarfsorientiert auf Anforderung durch die Fahrgäste.« Praktisch könnte der »Zug« rund um die Uhr fahren. Mit dem lokal erzeugten regenerativen Strom sei der Betrieb klimaneutral. Die Wissenschaftler von der FH Bielefeld kommen aus den Bereichen Ingenieurwissenschaften, Mechatronik und Mathematik. Sie sind bereits dabei, Verkehrsströme zu visualisieren und das technische Energiesystem zu entwickeln.

Keine pfeifenden und ratternden Züge

Michael Esken und Hövelhofs Wirtschaftsförderer Thomas Westhof berichteten, dass die Ortsteile Hövelhof, Riege, Espeln, Kaunitz und Verl Kreisgrenzen übergreifend verknüpft werden könnten. Die Arbeitskräfte aus beiden großen Gewerbegebieten in Kaunitz und Hövelhof bieten weiteres Fahrgastpotenzial.

Und dann kommt natürlich dazu, dass mit solch einer Beispielstrecke der Nachweis geführt werden kann, dass und wie es funktioniert, und was es kostet. »Wir werden keine pfeifenden und ratternden Züge haben. Das visualisieren wir gerade, damit auch Nicht-Informatiker das verstehen. Indem wir zeigen, wie es aussehen könnte, machen wir auch Werbung bei den Bürgern«, sagen Esken und Naumann unisono. Bei solch einem Leuchtturmprojekt stellen sich Fragen. Wie rufe ich den Zug, wie kommen Personen mit Behinderungen zurecht?

Jens Haubrock (FH Bielefeld) beschäftigt sich mit den Ladepunkten für die Züge und die regionale Verankerung. Er sieht ebenfalls das Potenzial aus der weiteren Verknüpfung der Strecke ab Hövelhof mit der »konventionellen« Sennebahn Richtung Paderborn und Bielefeld und damit der Anbindung an den überregionalen Bahnverkehr.

Ein Kommentar von Monika Schönfeld

Intelligente Verkehrssysteme gehören nicht mehr ins Reich der Utopie. Immer mehr merken Bürger, dass das so nicht weitergehen kann: Die Autobahnen und Landstraßen sind spätestens im Berufsverkehr hoffnungslos verstopft. Das ist weder gut für die Nerven noch gut für die Umwelt.

Einer muss anfangen, mal eine Alternative in der Wirklichkeit zu testen. Reallabor nennen die Wissenschaftler das. Hier können sie sich austoben und zeigen, was bei solch einem Vorhaben alles berücksichtigt werden muss. Es wird als Leuchtturmprojekt gesehen, ist aber eine Blaupause: Einmal im echten Leben installiert, kann man forschen, was noch besser werden muss, woran es hakt, aber auch, was gut läuft, und es auf andere Regionen übertragen. Das auf dem Lande zu installieren, hat doppelten Reiz. Es profiliert die Region. Und zeigt, dass es gar nicht hinterwäldlerisch ist, auf dem Lande zu leben und zu arbeiten.

 

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