Mi., 17.04.2019

Vorbeter wohnt seit März in neuer Verler Moschee – Einfluss aus dem Ausland in Kritik Muss es der Imam aus der Türkei sein?

Er lehrt aus der heiligen Schrift des Islams: Halit Karamert (Mitte) ist Imam in Verl. Nazif Yildiz (links, 1. Vorsitzender) und Ismail Sisman (rechts, 2. Vorsitzender) von der türkisch-islamischen Gemeinde Verl blicken ihm über die Schulter.

Er lehrt aus der heiligen Schrift des Islams: Halit Karamert (Mitte) ist Imam in Verl. Nazif Yildiz (links, 1. Vorsitzender) und Ismail Sisman (rechts, 2. Vorsitzender) von der türkisch-islamischen Gemeinde Verl blicken ihm über die Schulter. Foto: Hendrik Fahrenwald

Von Hendrik Fahrenwald

Verl (WB). Wenn er nicht predigt oder betet, schaut Imam Halit Karamert gerne Naturdokus. Seit einem Monat wohnt er in der neuen Verler Moschee. Seine Gemeinde ist froh, ihn zu haben. Seine Herkunft ist allerdings umstritten.

»Hallo, wie ist dein Name?« Viel mehr als diesen Satz kann Imam Halit Karamert auf deutsch noch nicht, dennoch ist er Vorbild für rund 140 Verler. Unter seinem weißen Umhang trägt der 52-Jährige einen Anzug. Eine kleine Anstecknadel zeigt seine Nationalität.

Karamert ist Türke. Er kommt aus Çankaya, einer Gemeinde der türkischen Provinz Ankara. Für zwei Jahre hat er seine Frau und seinen Sohn verlassen, um in Verl die Gebete zu leiten. Probleme bereitet es ihn nicht, seine Familie nur selten zu sehen. Vielleicht, weil die Heilige Schrift des Islams sein Lebensmittelpunkt ist. »Er soll uns die Religion beibringen«, sagt Nazif Yildiz. Der 46-Jährige ist der Vorsitzende der Türkisch-Islamischen Gemeinde Verl, die seit 2013 dem Moscheeverband Ditib angehört.

Imam zahlt keine Miete

Karamert zahlt für seine Wohnung über der Moschee keine Miete. Sein Gehalt kommt von der türkischen Religionsbehörde Diyanet. Seit Dezember ist er für die Verler Gemeinde zuständig. Dass der Imam in der Moschee wohnt, ist üblich, doch in Verl ist dies erst seit dem Umzug der Gemeinde in die ehemalige Gaststätte Grenzeiche am Reckerdamm auch möglich. An Deutschland schätzt Karamert vor allem die Infrastruktur. Das sagt zumindest Yildiz. Er übersetzt für den Imam.

Ein bisschen Deutsch könne Karamert verstehen, sagt Yildiz. Deutsch sprechen kann Karamert kaum. Das soll sich nach Ansicht der Bundesregierung ändern. Ausländische Geistliche, die in Deutschland arbeiten wollen, sollen künftig verpflichtend Deutschkenntnisse nachweisen müssen. Zudem gibt es Überlegungen, mehr Imame in Deutschland auszubilden und von ausländischen Geldgebern frei zu machen. Deutsch zu lernen, kann sich Karamert vorstellen.

Türkisch soll gesprochen werden

Für den Vorsitzenden Yildiz kommen die Vorhaben der Bundesregierung nur teilweise in Frage. »Das System ist so okay, wie es ist«, sagt Yildiz. »Mir ist es lieber, dass die Imame weiterhin aus der Türkei kommen, aber Deutsch lernen«, sagt er. In der Verler Moschee solle aber weiterhin Türkisch gesprochen werden. Dadurch seien die Kinder gezwungen, ihre Muttersprache zu lernen, sagt Yildiz.

Nach seiner Ansicht wird in den Familien immer weniger türkisch gesprochen. »Ich finde es nicht schön, wenn Kinder die Sprache verlernen«, sagt Yildiz. Seine beiden Kinder wachsen dreisprachig auf. Sie lernen Deutsch, Türkisch und Polnisch. Yildizs Frau kommt aus Polen. Der Industriemechaniker ist seit der Gründung der Gemeinde 2010 erster Vorsitzender. Auf die neue Moschee ist er stolz. Der Gebetsraum, wo einst eine Disko war, ist mit blauen Teppichen ausgelegt, die Wände sind mit weiß-blauen Fliesen verziert. Das alles kommt, wie der Imam, aus der Türkei.

Der Gastraum mit Küche und Teeküche grenzt an den Gebetsraum. Dort wird gearbeitet. Imam Karamert ist mittendrin. »Er erlebt viel und ist sehr zufrieden mit der Gemeinde«, sagt Yildiz. Für Karamert ist Verl die zweite Station in Deutschland. 1999 und 2000 predigte er in Hannover.

Flüchtlingsfamilie als Nachbar

Die Eröffnung der Moschee ist am 15. Juni geplant. Den Tag will die Gemeinde nutzen. »Wir wollen zeigen, was wir machen«, sagt Yildiz. Aber auch an anderen Tagen sei die Gemeinde »für jeden offen«. Das zeigt sich auch an Karamerts Nachbarn. Denn neben dem Imam wohnt seit dem ersten März eine Flüchtlingsfamilie aus dem Irak. Nach der Eröffnung will die Gemeinde weitere Flüchtlingshilfe anbieten. »Die Moschee ist nicht nur da, um zu beten, sondern auch um über Gott und die Welt zu reden«, sagt Yildiz. »Wir würden es begrüßen, wenn das neue Domizil auch zu einem Ort des Miteinanders, des Austausches und der Kommunikation wird«, sagt Verls Erster Beigeordneter Heribert Schönauer. In welcher Sprache auch immer.

Ein Kommentar von Hendrik Fahrenwald

Lernt Deutsch! Wenn immer weniger Türkisch in Familien gesprochen wird, dann ist der nur Türkisch redende Imam aus der Zeit gefallen. Er ist der ältere Mann, den keiner versteht. Das wäre nicht problematisch, wenn er nur Vorbeter wäre. Doch der Imam soll außerhalb des Gebets für die Gemeindemitglieder da sein. Er hat eine klare Vorbildfunktion. In dieser wird meist eine schlechte Integration, weitestgehend abgekapselt von der deutschen Gesellschaft und Kultur, jahrelang vorgelebt. Das Erlernen der deutschen Sprache würde nicht nur bei der Integration helfen, sondern auch dabei, Barrieren abzubauen. Es wäre ein Anfang, die möglichen Probleme der politischen Einflussnahme aus dem Ausland oder Förderung eines problematischen Islamverständnisses aus der Welt zu räumen oder den Kritikern zumindest etwas zu entgegnen – auf Deutsch.

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