Do., 23.05.2019

Albrecht Pförtner von Pro Wirtschaft GT treibt zur Digitalisierung Gründen muss sexy werden

Die Digitalisierung der Arbeitswelt wird uns unaufhaltsam treffen. Besser, wir sind vorbereitet, schon in den Schulen. Das mahnt Albrecht Pförtner, Geschäftsführer der Pro Wirtschaft GT an. Er ist der oberste Wirtschaftsförderer des Kreises Gütersloh.

Die Digitalisierung der Arbeitswelt wird uns unaufhaltsam treffen. Besser, wir sind vorbereitet, schon in den Schulen. Das mahnt Albrecht Pförtner, Geschäftsführer der Pro Wirtschaft GT an. Er ist der oberste Wirtschaftsförderer des Kreises Gütersloh. Foto: dpa

Von Monika Schönfeld

Verl (WB). »Klagen über Fachkräftemangel oder den Bildungsstand Jugendlicher lasse ich nicht gelten. Ich sage allen: Sehen Sie zu, wie Sie damit klarkommen.« Albrecht Pförtner, Geschäftsführer der Pro Wirtschaft GT, analysiert die Wirtschaftsstruktur für Verl. Hier ist die Welt noch in Ordnung, oder?

Im Rat bestätigt er, dass die Stadt im übertragenen Sinne in der Champions-League spiele. Aber genau deshalb lauern hier Gefahren. »Seien wir demütig und freuen uns über die guten Zahlen. Aber nichts ist zementiert.«

Pförtner mahnt vor allem an, dass die Digitalisierung nicht durchgehend als absolut notwendig angesehen wird. Viel zu hoch sei auch in Verl der Anteil der Helfer und der teuren Fachkräfte. Wenn nicht mehr genug Fachkräfte gefunden werden, ist der Druck zur Automatisierung hoch. Zu den hoch bezahlten Experten und Spezialisten gehören nur 7,3 und 14,2 Prozent der Beschäftigten, als Fachkräfte gelten 54,1 Prozent, als gering qualifizierte Helfer 24,4 Prozent. Helfer und Fachkräfte seien nicht ausreichend auf die Digitalisierung vorbereitet. »Es hilft hier nur Weiterbildung«, fordert Pförtner.

Alles geht durchs Netz

Zurzeit sehe es – überspitzt formuliert – so aus: Die Kommunen tun sich schwer mit der Digitalisierung. Und: »Beschäftigte im Alter ab 50 Jahren meinen, das Thema geht uns nichts an. Oder: Internet und Co. gehen irgendwann vorbei. Unternehmen sagen: Für so etwas haben wir keine Zeit.« Ohne ständig an der Akzeptanz zu arbeiten, werde es düster aussehen für die Wirtschaft im Kreis Gütersloh. »Wären wir früher eingestiegen, dann hätten wir jetzt schon überall Glasfaser. Alles geht durchs Netz. Unterstützen Sie alles, was mit Digitalisierung zu tun hat.« Verl hat mit Guido Zetsche einen Digitalisierungsbeauftragten eingestellt. »Davon brauchen wir 20«, sagt Pförtner.

In den Schulen fange das an. »Wollen Sie wirklich auf das Land warten, um Lehrer mit Tablets auszustatten? Niemals!« Die Nähe zu den Impulsgebern Paderborn (Heinz-Nixdorf-Stiftung), der Uni Bielefeld und der FH Gütersloh biete Chancen. »Wir müssen uns vernetzen, für Dummies bis zum High End digitale Wochen bieten, vom Erklären der Apps auf dem Handy bis hin zu Fraunhofer bei Beckhoff.«

Ausbildungsquote zu niedrig

Bildung tut Not. Eine Ausbildungsquote in Verl von 4,8 Prozent sei zu wenig. »Vorne muss eine 7 stehen, besser noch eine 10.« Das erreicht aber im ganzen Kreis keine Kommune. Beste ist Langenberg mit 5,8 Prozent, schlechteste Halle mit 3,3 Prozent (Anteil der Auszubildenden an den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten am Arbeitsort). »Jeden Unternehmer, der klagt, er finde keinen Nachwuchs im technischen Bereich, fragen Sie: Bist du im MINT-Technikum engagiert? Das gilt für Handwerk und Industrie.«

»Gründungen von Unternehmen aller Art, nicht nur Start-Ups im digitalen Bereich, werden im Kreis stiefmütterlich behandelt. Sie müssen sexy werden. Wir sind offenbar zu satt.« Dabei sei Geld nicht das Problem. »Es gibt Fördermittel ohne Ende. Aber sich damit zu beschäftigen, kostet Zeit und die Akzeptanz muss in die Köpfe der Menschen.«

Ein Kommentar von Monika Schönfeld

Mit Nobilia und Beckhoff hat Verl Vorzeige-Unternehmen, die man sich besser nicht malen könnte. Die Gewerbegebiete brummen. Dass man sich darauf nicht ausruhen kann, hat man hier verstanden. Nicht umsonst treibt der Bürgermeister den Glasfaserausbau an, stellt einen Digitalisierungsbeauftragten ein, hat das MINT-Zentrum in der Stadt. Im Haushalt der Stadt ist auch Geld für ein Gründerzentrum veranschlagt. Hier hat man kapiert, dass man in Vorleistung treten muss. »Wie kann man Weiterbildung sexy machen«, fragt Gabriele Nitsch (CDU). Das ist die Gretchenfrage. Und anpacken müssen das Thema alle – und zwar schon in der Schule. Die digitale Welt muss unsere werden. Das ist anstrengend, jeden Tag erneut, aber ohne Alternative.

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