Mi., 16.10.2019

Regionalliga-Report: Wie Rödinghausen und Verl Rot-Weiss Essen auf der Nase herumtanzen Dorfklubs im Rampenlicht

Spot an im Häcker-Wiehenstadion: Hier ist Regionalliga-Tabellenführer Rödinghausen zu Hause. Hinter den Toren könnten in Zukunft statt der Werbebanden Tribünen stehen.

Spot an im Häcker-Wiehenstadion: Hier ist Regionalliga-Tabellenführer Rödinghausen zu Hause. Hinter den Toren könnten in Zukunft statt der Werbebanden Tribünen stehen. Foto: Thomas F. Starke/Archiv

Von Dirk Schuster

Rödinghausen/Verl/Essen (WB). Eigentlich ist es jedes Jahr das Gleiche. Mit riesigen Erwartungen startet Rot-Weiss Essen in die Regionalliga-Saison. Um am Ende dann doch wieder einem anderen Klub den Vortritt in die 3. Liga zu lassen. Diesmal erwischte RWE einen außergewöhnlich guten Start. Doch mittlerweile tanzen zwei Dorfklubs aus Ostwestfalen dem Traditionsverein aus dem Ruhrgebiet auf der Nase herum – und haben daran auch noch richtig Spaß gefunden.

»Einfach mal genießen« in Verl

Erster SV Rödinghausen. Zweiter SC Verl. Dritter RW Essen. So sieht die Tabellenspitze nach rund einem Drittel der Saison aus. »Wir hatten uns vorgenommen, oben mitzuspielen. Aber dass es so gut läuft, hatten wir nicht erwartet«, sagt Raimund Bertels. Der 52-Jährige ist 1. Vorsitzender des SC Verl (Kreis Gütersloh).

Sein Status bei WhatsApp könnte nicht besser zur Situation passen: »Einfach mal genießen«. Doch das ist gar nicht so leicht. Weil die Verler im August mit ihrem 2:1 über den Bundesligisten FC Augsburg für die größte Sensation in der 1. DFB-Pokalrunde sorgten, dürfen sie auch in der 2. Runde bald erneut einen namhaften Gegner in ihrer Sportclub-Arena begrüßen. Am 30. Oktober kommt Zweitligist Holstein Kiel. »Die Organisation macht viel Arbeit«, sagt Bertels. Da trifft es sich ganz gut, dass die Liga momentan ja beinahe ein Selbstläufer ist.

So braucht Bertels nicht zwei Baustellen zu bearbeiten. »Ich muss ja kaum noch eingreifen, muss nur noch lächeln und loben«, sagt er. Natürlich übertreibt er ein bisschen, betont aber auch: »Das ist wirklich ein gutes Zeichen: Je weniger ich zu tun habe, desto besser arbeiten alle.« Sein dickstes Kompliment gilt Trainer Guerino Capretti und dessen Stab. »Überragend« nennt der Vereinsboss die Arbeit der Übungsleiter, die sich in der Tabelle nur halbwahr widerspiegelt. Denn gefühlt sind die Verler mit einem Spiel weniger als das punktgleiche Rödinghausen ja bereits Spitze.

»Nicht nur mit Luft und Liebe«

Sogar Alexander Müller ist voll des Lobes für den derzeit hartnäckigsten Konkurrenten seines SVR. »Ich habe Verl vor der Saison sehr stark eingeschätzt. Aber dass sie so einen Lauf haben – davor muss man den Hut ziehen«, sagt der Geschäftsführer. Der 33-Jährige findet es »bombastisch, dass die Liga so ausgeglichen ist. Das würde sich auch die Bundesliga wünschen.«

Trotzdem hat der Verein aus dem Kreis Herford nicht vor, ewig in der Viertklassigkeit zu verharren. Rödinghausen ist ambitioniert und hat im Küchenhersteller Häcker einen überaus potenten Geldgeber. In Rekordzeit verhalf das Unternehmen des SVR-Mäzens Horst Finkemeier dem Verein von der Kreis- bis hinauf in die Regionalliga.

Der Emporkömmling wird darum von vielen auch kritisch beäugt. Doch Müller wehrt sich: »Es nervt mich, wenn es so dargestellt wird, als wäre der SV Rödinghausen ein Fass ohne Boden. Wir haben 193 Sponsoren, die uns unterstützen. Es gibt klar festgelegte Budgets von unserem Hauptsponsor, an die wir uns zu halten haben.« Und »auch Verl und vor allem Essen arbeiten bestimmt nicht nur mit Luft und Liebe«.

»Nicht von der Stelle gekommen«

Damit würde sich jemand wie Christian Titz auch gar nicht bezahlen lassen. Mit der Verpflichtung des früheren Erstligatrainers des Hamburger SV war Rot-Weiss Essen vor der Saison ein aufsehenerregender Coup gelungen. Und zunächst ging die Rechnung auch voll auf.

Mit sieben Siegen und einem Unentschieden startete das genau wie Rödinghausen unter Vollprofi-Bedingungen arbeitende RWE in die Saison. Doch zuletzt folgten drei Niederlagen am Stück, darunter das 1:4 gegen Verl. Das notorisch nervöse Umfeld sieht das große Ziel Aufstieg schon wieder gefährdet.

Volle Ränge in Essen: RWE kann sich auf seine treuen Anhänger verlassen. Sogar die Logen sind ausverkauft. Foto: Thomas F. Starke

Marcus Uhlig verschweigt nicht, dass es für die Rot-Weissen langsam Zeit wird. Der Vorstandsvorsitzende erklärt: »RWE ist seit sieben Jahren sportlich nicht von der Stelle gekommen. Das müssen wir verändern. Andernfalls lassen die vermeintlich grenzenlose Zuschauertreue und der hohe Zuspruch seitens unserer Sponsoren doch irgendwann nach. Und dann lässt sich das Ganze hier nicht mehr bezahlen.«

Mit finanziellen Engpässen kennt Uhlig sich aus. Früher war der 48-Jährige Geschäftsführer von Arminia Bielefeld. Seit fast zwei Jahren ist er nun in Essen. Und hat in Sascha Peljhan jemanden gefunden, der als »strategischer Partner« (Uhlig) dabei helfen will, RWE in dieser oder der nächsten Saison in die 3. Liga zu hieven. Peljhan ist Gründer des lange sehr erfolgreichen Essener Modelabels Naketano (wurde Ende 2018 eingestellt) und von Kindesbeinen an RWE-Fan. Dank des 41-Jährigen konnten die Essener ihren Etat für die erste Mannschaft und damit die Wahrscheinlichkeit eines Aufstiegs erhöhen.

Staffelsieger müssen sich messen

Doch selbst wenn es am Ende tatsächlich reichen sollte für Platz eins: Aufgestiegen wäre der Meister dann noch nicht. Der Staffelsieger aus dem Westen muss sich mit dem Staffelsieger aus dem Nordosten in Playoffs um den Drittligaeinzug duellieren. Uhlig spricht deshalb von einem »Nadelöhr. Wenn wir da durch sind, kann hier eine neue Dynamik entstehen, das würde vieles ein Stück einfacher machen«, glaubt er.

Während das Essener Stadion sogar Zweitligaansprüchen genügen würde, kämen auf Verl und Rödinghausen im Aufstiegsfall enorme Aufgaben zu. »Das Stadion wäre die mit Abstand größte Baustelle«, sagt Müller. Mindestens 10.001 Plätze schreibt der DFB den Drittligisten vor. Das Häcker-Wiehenstadion verfügt nicht einmal über ein Viertel davon. »Wir würden ganz sicher kein neues Stadion bauen sondern versuchen, das jetzige auszubauen«, erklärt der SVR-Geschäftsführer und verwendet in diesem Zusammenhang Begriffe wie »Nachhaltigkeit« und »Vernunft«. Müller: »Es gibt genügend Vereine, die wegen eines Stadionaus- oder neubaus in finanzielle Schwierigkeiten geraten sind.« Das werde in Rödinghausen nicht passieren.

VIP-Plätze in Verl: Aus dem Sportplatz an der Poststraße ist die Sportclub-Arena geworden – ein Schmuckkästchen. Foto: Thomas F. Starke

Auch die Sportclub-Arena in Verl wäre mit ihren 5100 Plätzen deutlich zu klein. Doch auch der SC würde alles tun, um am jetzigen Standort an der Poststraße bleiben zu können. Vorsitzender Bertels: »Wir wissen, dass wir wohl mit Sondergenehmigungen rechnen könnten. Im ersten Jahr nach einem Aufstieg wird von Verbandsseite in der Regel ein Entgegenkommen gezeigt.«

Chancenverwertung

Das heißt, die Verler würden eine sich bietende Chance auch beim Schopfe packen? Bertels: »Hundertprozentig! Wenn wir die Möglichkeit zum Aufstieg bekommen sollten, dann würden wir das auch zu realisieren versuchen. Aufsichtsrat, Sponsoren – darin sind sich beim SC Verl alle einig.«

So ist das auch in Rödinghausen. »Wir arbeiten, um erfolgreich zu sein«, sagt Müller, betont aber auch: »Demut ist ein Zauberwort für uns. 2015/16, in meinem ersten Jahr hier, wären wir fast abgestiegen. Jetzt haben wir uns zu einer Topmannschaft entwickelt. Wir wollen weiter oben mitspielen. Aber es ist nicht so, dass wir zwanghaft hoch müssen.«

Am letzten Spieltag (16. Mai 2020) kommt es in Verl zum OWL-Derby. Sollte die Partie dann auch den Showdown um den Aufstieg bedeuten, hätte niemand etwas dagegen. Außer Marcus Uhlig.

Kommentare

Diese Diskussion ist geschlossen. Kommentieren ist nicht mehr möglich.

Google-Anzeigen

© WESTFALEN-BLATT
Vereinigte Zeitungsverlage GmbH

Alle Inhalte dieses Internetangebotes, insbesondere Texte, Fotografien und Grafiken, sind urheberrechtlich geschützt. Verwendung nur gemäß der Nutzungsbedingungen.

Mehr zum Thema

Anzeige


https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7003014?categorypath=%2F2%2F2158585%2F2158590%2F2198384%2F2198389%2F2516081%2F