Do., 21.11.2019

Gelungene Veranstaltung im Pädagogischen Zentrum leider nur vor kleiner Kulisse Heimat hilft auch gegen Weltschmerz

Starke Performance im Pädagogischen Zentrum der Gesamtschule: Der Bielefelder Schauspieler Michael Grunert, begleitet von den Saxofonisten Andreas Kaling (links) und Andreas Gummersbach (»Leptophonics«), mit einer waghalsigen Stuhleinlage.

Starke Performance im Pädagogischen Zentrum der Gesamtschule: Der Bielefelder Schauspieler Michael Grunert, begleitet von den Saxofonisten Andreas Kaling (links) und Andreas Gummersbach (»Leptophonics«), mit einer waghalsigen Stuhleinlage. Foto: Uwe Caspar

Von Uwe Caspar

Verl (WB). Ein ausdrucksstarker Schauspieler und zwei ihn begleitende Top-Saxofonisten sind am Dienstagabend die Protagonisten einer Veranstaltung mit bisweilen nicht gerade leicht verdaulicher Kost. Es dreht sich dabei in zweieinhalb Stunden alles um das vielschichtige und stets aktuelle Thema »Heimat«. Die Vorführung sprengt den zeitlichen Rahmen – eigentlich waren nur 90 Minuten eingeplant.

Für die aus Afghanistan geflüchtete und jetzt mit ihrer Familie in Verl lebende Kary Marzya bleibt ihr Geburtsland weiterhin ihre Heimat. »Aber Deutschland gibt mir die Sicherheit«, sagt die 30-Jährige im Anschluss an ein Interview auf der Bühne des Pädagogischen Zentrums. Mit ihren Eltern und Geschwistern war sie ständig auf der Flucht – mal im Iran, mal in Afghanistan, ehe sich die Familie entschloss, Richtung Europa aufzubrechen: »Wir waren sieben Tage im Boot, ohne Essen.«

Schade nur, dass dieses einmalige Projekt eine nur mäßige Resonanz gefunden hat, Auch Regina Bogadanov hätte sich eine größere Kulisse gewünscht. »Aber das können wir leider nicht erzwingen«, seufzt die Vorsitzende des Heimatvereins, der zusammen mit der Gesamtschule und der Stadt das Event gestemmt hat.

Heimat kann vieles sein

Aufgelockert wird die Performance von mit viel Beifall bedachten Beiträgen der Theater-AG der Gesamtschule und einem ebenfalls das Thema betreffenden Video-Einspieler der Film-AG. Sängerin Larissa Baier hat sich natürlich für den Song von Johannes Oerding entschieden – »Heimat« heißt sein Hit. Im Fokus steht aber das Trio aus Bielefeld: Die Musiker Andreas Kaling und Andreas Gummersbach untermalen die Wortbeiträge von Michael Grunert mit den dazu passenden Tönen. Das erinnert ein bisschen an selige Stummfilmzeiten, als im Kino noch ein Klavierspieler vor der Leinwand klimperte.

Heimat, so Grunert, kann vieles sein: Familie, Erinnerung, Herkunft. Das Mitglied des Theaterlabors Bielefeld interpretiert Heimat auch als »Fetteinreibung gegen den Weltschmerz und persönliche Dampfküche«. Gestenreich und mit starker Mimik bringt Grunert seine Vorträge rüber und überrascht zudem mit einer flotten Gymnastikeinlage – trotz seiner 67 Lenze dürfte der Gummimann weitaus gelenkiger sein als so manch junger Kollege. Und während seiner Schilderung von der langen Flucht eines ausländischen Kindes (»Papa sagt, morgen geht es weiter«) faltet Grunert Papierflieger, die er in die Zuschauerränge segeln lässt. 

Auch nicht zeitgemäße Volksmusik kann romantische Heimatgefühle hervorrufen. Als Andreas Gummersbach in einem Seniorenheim auf Wunsch einer 96-Jährigen ihr den nicht ganz unumstrittenen Klassiker »Heimat, deine Sterne« vorspielte – er kannte das Lied gar nicht und musste sich erst noch via Computer die Noten besorgen –, »lag die gerührte Dame förmlich zu meinen Füßen«.

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