Ausstellung „Zeitzeugen“: Verler erzählen vom Nationalsozialismus
Kindheit in der NS-Zeit

Verl (WB). Immer weniger Verler können aus erster Hand vom Nationalsozialismus erzählen. Der Heimatverein Verl und die Haller Historikerin Katja Kosubek haben die Erinnerungen in Interviews geweckt und aufgezeichnet. 18 Zeitzeugen wird jetzt die gleichnamige Ausstellung gewidmet.

Freitag, 17.01.2020, 14:40 Uhr aktualisiert: 17.01.2020, 14:42 Uhr
Haben die Ausstellung im Heimathaus Verl auf den Weg gebracht (von links): Katja Kosubek, Annette Huss, Josef Freise (Heimatverein), Elke Hänel (Pressestelle der Stadt), Regina Bogdanow (Heimatverein) und Bürgermeister Michael Esken. Foto: Dunja Delker
Haben die Ausstellung im Heimathaus Verl auf den Weg gebracht (von links): Katja Kosubek, Annette Huss, Josef Freise (Heimatverein), Elke Hänel (Pressestelle der Stadt), Regina Bogdanow (Heimatverein) und Bürgermeister Michael Esken. Foto: Dunja Delker

Die Aktion geht auf den Beschluss des Stadtrates zurück, die NS-Zeit in Verl aufzuarbeiten. Das Projekt, an dem neben der Stadt und dem Heimatverein maßgeblich Katja Kosubek beteiligt ist, ist nicht wissenschaftlich geprägt, sondern beleuchtet vor allem den Alltag in Verl.

Kosubek hat – begleitet von Mitgliedern des Heimatvereins – 18 Männer und Frauen besucht, die vor 1930 geboren wurden und ihre Kindheit in Verl verbracht haben. Das erste Interview hat die Historikerin im Sommer 2017 geführt. Entstanden sind aus vielen Stunden Rohmaterial 16 Tondokumente mit einem Gesamtumfang von zwölf Stunden. „Pro Gespräch habe ich etwa drei Tage fürs Schneiden benötigt“, sagt Kosubek über die Arbeit und bedankt sich bei den Teilnehmern für ihre Offenheit, ihr Vertrauen und ihr Einverständnis, dass Namen und Bilder veröffentlicht werden.

Ein Keller war abgestützt mit Bahnschwellen, und wenn wir da reinmussten, dann kam eine Kerze mit. Rosenkranz beten war ganz wichtig.

Erwin Berenbrinker

„Man musste da selber mitmachen, anders ging das nicht. Dann war man am besten dran“, sagt beispielsweise Anneliese Firchau über ihre Mitgliedschaft beim Bund deutscher Mädel (BDM). Und Erwin Berenbrinker sagt über den Luftschutzkeller im eigenen Haus, der bei Fliegeralarm aufgesucht wurde: „Ein Keller war abgestützt mit Bahnschwellen, und wenn wir da reinmussten, dann kam eine Kerze mit. Rosenkranz beten war ganz wichtig.“

„Wir müssen bedenken, dass wir nicht die Erzählungen der Erwachsenen von heute, sondern der Kinder von damals hören“, sagt. Die Zeitzeugen hätten damals alles vorbehaltlos aufgesogen. Die Tondokumente seien einzigartig, weil sie nicht nur voller Erinnerungen sind, sondern auch Gefühle schildern und Sprache wiedergeben. „Uns steht es nicht zu, darüber zu urteilen“, betont Katja Kosubek und sagt, dass sie und Stadtarchivarin Annette Huss sogar etwas Neues erfahren hätten: So sei der Hof Westerwinter im heutigen Eckardtsheim laut Schilderungen von Johannes Großerüschkamp von den Deutschen selbst beschossen worden. „Zu Propagandazwecken“, wie Kosubek erläutert. Er sei von einem Flugzeug aus bombardiert worden, um dann Sonderzüge dorthin schicken und sagen zu können: Das hat uns der Feind angetan!

Ausstellung wird am 22. Januar eröffnet

Und noch eine Anekdote hat das Projekt zu Tage gebracht: Bruno Buschmann hat einem amerikanischen Soldaten, der vor der alten Apotheke Maus eingeschlafen war, als Jugendlicher seinen Helm gestohlen. Das „Diebesgut“ wird bei der Ausstellung zu sehen sein.

Die Ausstellung „Zeitzeugen“ wird am Mittwoch, 22. Januar, um 18 Uhr im Heimathaus eröffnet. Vier Wochen lang sind Plakate zu sehen, die die 18 Zeitzeugen vorstellen, auf Bildern von damals und heute zeigen sowie die Interviews mit folgenden Zeitzeugen zusammenfassen: Anneliese Firchau, Dr. Hans Krüper, Hans Kleinemas, Erwin Berenbrinker, Heinrich Schmalenstroer, Norbert Johannimloh, Johannes Große­rüschkamp, Marianne Hoffmann, Helmut Mersch, Paula Mersch, Agnes Meermeier, Klemens Strieker, Josef Flütebories, Rudolf Landwehr, Aloysius Pagenkemper, Helma Biermann, Eleonore Steinlage und Bruno Buschmann. Dazu erscheint eine 56-seitige Begleitbroschüre mit CD, die auch den Schulen zur Verfügung gestellt wird. Außerdem kann sie im Rathaus und beim Heimatverein erworben werden (fünf Euro).

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