Mo., 17.02.2020

Notizen aus ostdeutscher Provinz mit Autor Christhard Läpple Letztes „Loch vor der Hölle“ ist heute ein Paradies

Fensehseh-Journalist und Buchautor: Christhard Läpple schildert eindrucksvoll den Werdegang eines Dorfes im Osten.

Fensehseh-Journalist und Buchautor: Christhard Läpple schildert eindrucksvoll den Werdegang eines Dorfes im Osten. Foto: Caspar

Von Uwe Caspar

Verl (WB). Ein Jäger kommt in die Dorfkneipe und bestellt ein Bier. Um seiner Bestellung Nachdruck zu verleihen, wendet er eine martialische Methode an: Der durstige Mann feuert einen Schuss aus seiner Flinte in Richtung Raumdecke ab. Sofort kommt das Bier. Eine wahre Begebenheit, die aber Christhard Läpple in seinem Buch „So viel Anfang war noch nie“ auf Wunsch des Jägers entschärft.

„Weil er zum damaligen Zeitpunkt keinen Waffenschein hatte, musste ich diese Szene anders beschreiben“, erläutert der Autor bei der lebhaften Diskussion im Anschluss seiner gut besuchten Lesung im Verler Rathaus. Fast zehn Jahre benötigte der ZDF-Fernsehjournalist, um sein nahezu authentisches Wende-Werk über ein 200-Seelen-Dörfchen in Brandenburg zu vollenden. Denn um möglichen Klagen zu entgehen, die sein Verlag ausschließen wollte, musste Läpple eine schriftliche Einverständniserklärung von acht, im Buch vorkommende Personen einholen. „Alle haben ihr Okay gegeben. Doch der dafür erforderliche Aufwand hat mich zeitlich zurückgeworfen“, hätte der 61-Jährige lieber einen viel früheren Schlusspunkt gesetzt.

„Herzfeld“ heißt in Wirklichkeit „Netzeband“

Unerhörte Geschichten aus der ostdeutschen Provinz kündigt der Klappentext an und verspricht nicht zu viel. Im Mittelpunkt steht ein Landwirtschafts-Architekt aus Düsseldorf, der Ende der 90er-Jahre das „letzte Loch vor der Hölle“ zu einem kleinen Paradies umkrempeln will. Das gelingt ihm weitestgehend: Mit einem Erlebnispark, einem Theater und einer runderneuerten historischen Kirche, einst eine verfallene Ruine. „Das sind die neuen Russen“, argwöhnen zunächst die Alteingesessenen von „Herzfeld“ den einfallenden Investoren aus dem Westen der Republik. „Auch wenn die Infrastruktur zu wünschen übrig lässt, was in der tiefsten Provinz halt vorkommt, geht es dem Dorf heute gut“, versichert Läpple, dessen zweiter Wohnsitz seit 1998 „Herzfeld“ ist. Das heißt in Wirklichkeit Netzeband und wird inzwischen sogar mit dem Künstlerdorf Worpswede verglichen.

Wie viele andere zugezogene Einwohner hält sich auch der Autor mit seiner Familie nur an den Wochenenden und im Urlaub in Netzeband auf: „Unser Lebensmittelpunkt ist Berlin.“ Die Reaktionen auf sein Buch fielen im Dorf selbst überwiegend positiv aus. Schließlich ist „So viel Anfang war noch nie“ auch prima Werbung für „Herzfeld“. Ein Anfang mit einem allerdings bitteren Ende für den Düsseldorfer Investor: Er hat sich bei seinem ehrgeizigen Projekt finanziell übernommen, lebt heute von Hartz IV. Ein Wende-Verlierer aus dem Westen.

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