Verl
Gewaltige Aufgabe für Gemeinde Verl

Verl (WB) - Ortsheimatpfleger Matthias Holzmeier lenkt den Blick auf das Kriegsende vor 75 Jahren. Er schreibt: Verl wurde von den Amerikanern befreit. Vor 75 Jahren endete auch die Zeit von Entrechtung und Misshandlung für über 800 jüdische Zwangsarbeiterinnen auf einem Acker in Kaunitz.

Montag, 13.04.2020, 16:08 Uhr aktualisiert: 13.04.2020, 17:16 Uhr
Verl: Gewaltige Aufgabe für Gemeinde Verl

Die Gruppe lagerte in der Nacht nach einem Gewaltmarsch Richtung Konzentrationslager Bergen Belsen von ihrem Einsatzort in Lippstadt kommend auf einem Feld bei Kaunitz. Die Wachmannschaft floh angesichts der näher rückenden amerikanischen Truppen und überließ die geschwächten und teilweise marschunfähigen Frauen ihrem Schicksal. Die kleine Ortschaft Kaunitz und die Amtsverwaltung in Verl standen vor der gewaltigen Aufgabe, diese Opfer der NS-Schreckensherrschaft unterzubringen und zu versorgen.

Das geschah auf Anordnung der amerikanischen Verwaltung nicht immer freiwillig und forderte der ländlichen Bevölkerung in ohnehin schwierigen Zeiten einiges ab. Aber es gelang mit Hilfe und Anstrengungen vieler Bürger. In Kaunitz etablierte sich für die nächsten Monate eine jüdische Gemeinschaft. Viele der Frauen hatten in ihrer alten Heimat alles verloren. Ihre Familien waren ermordet worden und eine Rückkehr oft nicht möglich. Es gibt in diesem Zusammenhang einen weiteren Jahrestag: Vor 25 Jahren wurde am Ort der Befreiung der jüdischen Frauen in Kaunitz an der heutigen Straße „Zum Sennebach“ eine Gedenktafel errichtet. In den Jahren zuvor hatte man diese Ereignisse der Zeitgeschichte verdrängt und vergessen.

Die Initiative einer Schülergruppe der Anne-Frank-Gesamtschule in Gütersloh brachte die Erinnerung zurück. Und geradezu beispielhaft für diese Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte kam es auch hier zu den häufig zu beobachtenden Reaktionen. Offenheit und Interesse auf der einen Seite, aber auch Ablehnung und Missbilligung eines Erinnerns an das Leid dieser Frauen. Ich kann nachvollziehen, dass ein Kind aus Kaunitz es als Unrecht empfunden hat, wenn es gezwungen war, aus der vertrauten Wohnung auszuziehen und für einige Zeit unter prekären Verhältnissen leben musste. Sicher sollte auch diese Seite der Geschichte erzählt und erinnert werden.

Die Ursache für eigene schmerzhafte Erfahrungen in diesem Zusammenhang waren aber sicher nicht die Opfer des Rassewahns der Nationalsozialisten, die befreiten jüdischen Frauen, sondern die zwölfjährige menschenverachtende Unrechtsherrschaft der NS mit Krieg und Gewalt.

Am 2. April wurde dann ebenfalls das Stammlager 326 in Stukenbrock-Senne befreit, seit 1941 Kriegsgefangenenlager der Wehrmacht für meist sowjetische Gefangene. Von dort wurde der Einsatz als Zwangsarbeiter in der Region bis in das Ruhrgebiet hinein organisiert. Tausende starben dort an den katastrophalen Verhältnissen: an Hunger, Krankheit und Entkräftung. In unserer unmittelbaren Heimat war der Krieg vorbei und die Schreckensherrschaft beendet.

Aber noch am 9. April wurden in Deutschland Widerstandskämpfer gegen das Hitlerregime ermordet. Dietrich Bonhoeffer, Ewald von Kleist, Georg Elser, Hans Oster, sie alle sind beispielhaft in ihrer Ablehnung von Unrecht, Menschenverachtung und Rassenwahn und ihrem Einsatz für die Freiheit. Wir spüren ganz aktuell die Einschränkung von Freiheitsrechten durch die Corona Krise. Zeit sich neben den tagesaktuellen Dingen zu erinnern an die mutigen Frauen und Männer des Widerstandes. Ihnen verdanken wir unser Grundgesetz mit den uns oft so selbstverständlich erscheinenden garantierten Grundrechten und Freiheiten.

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