Di., 10.04.2018

Versmolder Wurstwarenhersteller führt Marke mit Fleisch aus antibiotikafreier Aufzucht ein Reinert wächst gegen den Trend

Hans-Ewald Reinert mit der Sommerwurst, die bald 50. Geburtstag feiert, und neben der Bärchenfamilie ganz besonders für das Unternehmen steht.

Hans-Ewald Reinert mit der Sommerwurst, die bald 50. Geburtstag feiert, und neben der Bärchenfamilie ganz besonders für das Unternehmen steht. Foto: Oliver Schwabe

Versmold (WB). Die fetten Jahre scheinen vorbei in der Wurstwarenbranche. Zahlreiche Unternehmen haben in den vergangenen Monaten aufgegeben oder sind übernommen worden. Gegen den Trend positiv hat sich dagegen die Versmolder Reinert-Gruppe entwickelt. Über das Erfolgsrezept, die schwierige Branchenlage und Innovationen im Wurstmarkt sprach Oliver Horst mit dem geschäftsführenden Gesellschafter Hans-Ewald Reinert.

Der Wurstmarkt schrumpft in Deutschland weiter. Wie gut schlägt sich Reinert in der hart umkämpften Branche?

Hans-Ewald Reinert: Relativ gut. Es ist richtig, dass der Fleischwarenkonsum in den vergangenen Jahren kontinuierlich leicht sinkt. Dementsprechend ist unser Plus im zurückliegenden Jahr von drei Prozent auf 340 Millionen Nettoumsatz ganz respektabel. Wir haben uns insbesondere im Markenbereich sehr gut geschlagen. Gerade unsere Marke Bärchen ist auf dem Wachstumspfad. Nicht nur 2017, auch 2016 ist sie jeweils zweistellig gewachsen. Das wird sich auch dieses Jahr fortsetzen, zumal die Bärchenfamilie im Sommer um drei weitere auf dann sieben Produkte wachsen wird.

Was ist das Erfolgsrezept von Reinert, um auch gegen den Trend wachsen zu können?

Reinert: Es gibt kein Allheilmittel. 2017 haben wir ein effektives Kostenmanagement durchgeführt, auch 20 Stellen gestrichen. Wir haben die Fixkosten insgesamt um fast 20 Prozent abgebaut und uns gleichzeitig auf wenige unserer rund 30 Exportländer fokussiert. Trotzdem haben wir unsere Exportquote von 42 Prozent gehalten. Und wir haben stärker auf ertragreichere Sortimente gesetzt, insbesondere auf unsere Marken, vorneweg Bärchen.

Der Umsatz hat sich positiv entwickelt. Wie sieht es beim Ergebnis aus in einer Branche, bei der bekannt ist, dass die Margen dünn geworden sind?

Reinert: Es ist richtig, dass für uns als Hersteller aufgrund der Sandwichposition zwischen dem Handel auf der einen Seite und den Fleischlieferanten auf der anderen die Margen kleiner geworden sind als noch vor 15 oder 20 Jahren. Gleichwohl ist es so, dass wir im zweiten Halbjahr 2017 aufgrund der Kostenreduzierung mit einem blauen Auge davongekommen sind, wir unser Investitionsprogramm durchgezogen haben und uns auch zutrauen, in diesem Jahr eine neue Marke einzuführen mit entsprechendem Werbeaufwand.

Gerade in den vergangenen Monaten sind viele kleinere und mittlere Unternehmen vom Markt verschwunden. Wie sehen Sie die Zukunft der Fleisch- und Wurstwarenbranche?

Reinert: Sie wird eine herausfordernde Branche bleiben, aber für welchen Wirtschaftszweig gilt das heute nicht. Eine Starke Marke, wie wir sie haben, ist auf jeden Fall wichtig und Teil der Überlebensstrategie. Unser Vorteil ist, dass wir den Markt genau kennen und gemeinsam mit der Belegschaft schon durch dick und dünn gegangen sind. Und mindestens genauso wichtig ist, dass die vierte Generation in Person meiner drei Kinder Johanna (25), Carl (23) und Paul (18) wartet, die durchaus bereit ist – so sieht es jedenfalls aus –, die Familientradition fortzuführen. Das gibt natürlich Kraft und zusätzliche Motivation, dass man weiß, es gibt eine Zukunft.

In der Gegenwart ist Reinert vor allem für die Sommerwurst und die Bärchenfamilie bekannt. Welche Produktmarke ist für Sie wichtiger?

Reinert: Die Reinert-Sommerwurst, die nächstes Jahr 50 wird, ist natürlich die DNA der Firma. Sie hat die Marke Reinert in den 1970ern und 80ern nach vorne gebracht, ist aber vor allem eine starke regionale Marke. Sie lässt sich nicht beliebig weiterentwickeln, wenngleich wir die Sommerwurst jetzt auch in einer Geflügelvariante auf den Markt bringen. Mittlerweile ist die Marke Bärchen, die immerhin auch schon 20 Jahre alt ist, die national und international deutlich bekanntere und größere. Sie macht inzwischen mehr als zehn Prozent des Gesamtumsatzes aus und wächst stetig. Beide Marken sind für die Firma und den Namen Reinert von großer Bedeutung. Und ich bin zuversichtlich, dass wir mit der neuen Marke, die wir im Juli herausbringen, ähnlich erfolgreich werden.

Sie sprechen die neue Marke an. Wie wird sie heißen, was kennzeichnet sie?

Reinert: Den Namen verrate ich noch nicht. Der Familienname Reinert wird aber ein Teil sein. Ich glaube, dass die mittelständische Fleischindustrie gut daran tut, sich interessante Nischen auszusuchen, um erfolgreich neue Marken durchzusetzen. Wir beschäftigen uns seit Jahren mit dem Tierwohl und der Frage, was wir tun können nach dem Leitspruch »Geht es den Tieren gut, geht es den Menschen besser«. In der Marktforschung zeigt sich, dass das Thema Antibiotikaeinsatz in der Nutztierhaltung die Verbraucher verunsichert. Dafür haben wir jetzt einen Lösungsansatz in Dänemark gefunden. Wir haben mit Danish Crown, einem führenden Fleischlieferanten in Europa, ein Projekt vereinbart, wonach wir für eine gewisse Zeit exklusiv Fleisch von Schweinen aus garantiert antibiotikafreier Aufzucht bekommen. Zurzeit arbeiten 38 Landwirte an dem Projekt in Dänemark, es stehen noch einige Dutzend weitere in der Warteschleife. Damit sind wir Vorreiter in der Produktion von Wurstwaren aus 100 Prozent antibiotikafreier Aufzucht in Deutschland und gehen den ersten Schritt zur Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes in der Nutztierhaltung.

Welches Potential räumen Sie dem Projekt ein?

Reinert: Ich habe die Hoffnung, dass wir ein erfolgreiches Sortiment an den Start bringen können mit zunächst acht Produkten, immer mehr Landwirte aufspringen, wir unser Sortiment größer werden lassen und mittelfristig auch in Deutschland dieses Thema eine Rolle spielen wird. Wir werden in den nächsten Jahren einen signifikanten Anteil unserer Investitionen auf dieses Projekt verwenden, für die Produktentwicklung, fürs Marketing – um der Marke große Unterstützung zu geben. Ich sehe große Umsatzpotentiale und Chancen, dass die neue Marke das dritte große Standbein für Reinert neben Bärchen und der Sommerwurst werden wird. Sie wird preislich zwischen konventioneller und Bio-Wurst angesiedelt sein. Langfristig habe ich die Vision, dass wir für unsere Markenprodukte gänzlich Fleisch aus antibiotikafreier Aufzucht verwenden. Aber es wird Zeit brauchen, bis die notwendigen Mengen verfügbar sind.

Sie haben einen kurzen Ausflug in die Veggie-Welt gewagt, sind aber schnell wieder ausgeschieden. Warum? War es nur ein kurzer Veggie-Hype?

Reinert: Der Veggie-Trend war unzweifelhaft da. Er hat sich aber nicht so entwickelt, wie alle das erwartet hatten. Der Absatz hat 2017 stagniert. Wir sind schon Ende 2016 ausgestiegen, weil wir mit unseren Plänen nicht so vorankamen wie wir uns das vorgestellt hatten. Auch mit unserem Partner, wir hatten eine Minderheitsbeteiligung, funktionierte es nicht so gut. Und auch mit dem Bärchen-Veggieprodukt waren wir nicht so erfolgreich. Ich glaube, es handelte sich damals um die Nische in der Nische. Insofern haben wir gesagt, lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Als Unternehmer muss man Mut haben und Chancen nutzen, auch wenn ein hohes Risiko besteht.

Kurz zum Thema Wurstkartell: Sie haben einerseits die Wurstlücke genutzt, um sich eine Kartellstrafe von 6,9 Millionen Euro für die Tochter Sickendiek zu ersparen, andererseits haben Sie für Reinert Millionen gezahlt. Waren Sie angesichts der jüngsten Wende, die im Berufungsprozess zu erkennen ist, zu voreilig und hätten Sie doch gegen die Strafe kämpfen müssen?

Reinert: Ich glaube nicht. Es war richtig, nach fast acht Jahren das Kapitel abzuschließen, da im Widerspruchsfall immer auch das Risiko eines noch höheren Bußgeldes bestand. Wenngleich es sich jetzt möglicherweise zeigen könnte, dass das Kartellamt einige Fehler gemacht hat in der damaligen Beweisaufnahme und dem gesamten Verfahren und jetzt ein Freispruch möglich scheint. Ich beobachte sehr gespannt, was sich in dem Prozess noch ereignen wird.

Wie wird sich die Reinert-Gruppe in diesem und den nächsten Jahren entwickeln?

Reinert: Positiv. Wir werden dieses Jahr viel investieren, auch in die Werke, vor allem in Rumänien, wo wir seit drei Jahren schwarze Zahlen schreiben und uns als Markenhersteller etabliert haben. Wir haben in den Jahren 2014 bis 2016 schon mehr als 50 Millionen Euro investiert in die Standorte, insbesondere in Versmold und Vörden. Und wir haben klare Ziele: Wir werden in der Marke weiter wachsen und wir werden den Sortimentsmix weiterhin in Richtung Substanz verbessern, so dass ich für die nächsten zwei, drei Jahre eine gute Entwicklung sehe. Ich denke, wir werden dieses Jahr den Umsatz um zwei bis drei Prozent steigern können, das wäre schon gut. Wichtiger aber ist der Ertrag.

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