Di., 28.08.2018

Am Freitag wird das rundum gelungene Museum »Peter August Böckstiegel« eröffnet Der Schrein auf der Wiese

Dieses Familienbild (mit dem Künstler hinten links) wurde erst 2014 gefunden. Museumsleiter David Riedel präsentiert hier die Eröffnungsausstellung.

Dieses Familienbild (mit dem Künstler hinten links) wurde erst 2014 gefunden. Museumsleiter David Riedel präsentiert hier die Eröffnungsausstellung. Foto: Oliver Schwabe

Von Matthias Meyer zur Heyde

Werther (WB). Ein expressionistischer Maler im Kreis Gütersloh? Dem man folglich in der Kreisstadt einen Tempel bauen sollte? Es gab solche Begehrlichkeiten, aber nix da: Peter August Böckstiegel gehört nach Werther! Dank des Einsatzes vieler kulturaffiner Bürger steht jetzt vis-à-vis seines Geburtshauses ein wunderschönes Museum, das am Freitag eröffnet wird.

Außen fränkischer Muschelkalk, unterbrochen von großzügigen Panoramafenstern, innen weiße Wände in Kombination mit heller Eiche – und das Herz des Ganzen sind Böckstiegels Bleistiftzeichnungen, Aquarelle, Lithografien, Holzschnitte und Ölgemälde, die endlich so hängen dürfen, wie sich das der Künstler immer gewünscht hat: »Böckstiegel hat ja nicht für das elterliche Haus gemalt, sondern sich immer das Große, den musealen Raum vorgestellt«, sagt der Museumsleiter David Riedel. Dieser Traum ist nun in zweijähriger Bauzeit und für etwa 3,8 Millionen Euro Wirklichkeit geworden, und die erste Ausstellung kann am Freitag um 12 Uhr eröffnet werden:

»Ausdruck seines Ursprungs« präsentiert etwa 70 (von 1300 verfügbaren) Werken, angefangen mit der ersten Zeichnung 1910 bis hin zur großformatigen »Heimkehr«, einem nächtlichen Wald, dem letzten Bild, das Böckstiegel 1951 vollendete, bevor er wenige Wochen später starb.

Das neue Museum ist ein »Schrein auf der Wiese« oder, wie es der Architekt André Habermann interpretiert, ein »Findling in der Natur« – ganz auf den Künstler zugeschnitten, der in seinem Œuvre die Landschaft feiert, mit Sichtachsen zwischen den vier Ausstellungsräumen, die von ferne an Schneisen im Wald oder landwirtschaftliche Wege auf den Feldern erinnern, auf denen Böckstiegels bäuerliche Eltern gearbeitet haben. Die Besucher blicken auf das wenige Meter entfernte Geburtshaus des Künstlers, gleichzeitig sein Atelier, und wenn sie sich wenden, sehen sie auf die Wiese, auf der wie zu Böckstiegels Zeiten Obstbäume wachsen und Früchte tragen sollen und wo demnächst ein Pfad angelegt wird, auf dem auch Schulkinder die Lebenswelt des großen Expressionisten der zweiten Generation erwandern können.

»Arrode« (1931): eine Büste, mit der sich Peter August Böckstiegel selbst porträtierte. Die Ausstellung zeigt auch andere Büsten. Foto: Oliver Schwabe

Das Elternhaus des Künstlers, das bislang viel zu kleine Böckstiegel-Museum, bleibt offen für Besucher, aber nur im Rahmen von Führungen. Dort wird das Werk schlaglichtartig, fragmentiert, erhellt. »Im neuen Museum können wir jetzt Böckstiegels Schaffen als ein in sich geschlossenen Œuvre erfahren – ohne dass wir ihm aus seiner alten Wirkungsstätte etwas wegnehmen«, sagt Riedel. »Jetzt kann ich anderen Museen auf Augenhöhe gegenübertreten«, fügt der Wertheraner Museumschef hinzu, der in künftigen Ausstellungen (zwei sind bereits terminiert) den heimischen Expressionisten in sein zeitliches und künstlerisches Umfeld einbetten wird.

Böckstiegels Sohn Vincent († 2007) »hat lange auf einem Sofa geschlafen, unter dem in großen Laden die väterlichen Gemälde deponiert waren«, erinnert sich Ursula Bolte, Vorstandsvorsitzende der Böckstiegel-Stiftung. Der konservatorische Sündenfall – das neue Museum verfügt über perfekt klimatisierte Ausstellungs- und Depoträume, in denen genug Platz ist, ein, zwei Schritte zurückzutreten: »Es war eine Herausforderung, die Bilder so zu hängen, dass sie sich in ihrer expressiven Kraft nicht gegenseitig die Luft nehmen«, sagt Riedel. Wer ein wenig Abstand zum Bild sucht, zum »Elternhaus mit Kornstiegen« (um 1928) vielleicht, der erlebt die Wucht des Kunstwerks, und wer näher herangeht, entdeckt den kraftvollen Pinselstrich, der die malerische Wirkung hervorbringt. Als übrigens der Künstler dieses »Elternhaus« malte, stand seine Staffelei exakt dort, wo sich jetzt das neue Museum befindet.

Daten und Fakten

Das Museum Peter August Böckstiegel ist künftig mittwochs bis sonntags von 12 bis 18 Uhr geöffnet, für Schulen und Kindergärten nach Absprache nur bis freitags, aber bereits ab 9.00 Uhr. Eintritt: sechs Euro (ermäßigt vier Euro), für Personen bis 18 Jahre frei. Private (Gruppen-)Führungen sind telefonisch unter 05203/901872 zu buchen (50 Euro, incl. Künstlerhaus 75 Euro). Öffentliche Führungen: zwei Euro (incl. Künstlerhaus drei Euro). Weitere Informationen in einer Broschüre vor Ort. Übrigens: Zu jeder Ausstellung erscheint ein Katalog.

In der ersten Schau, die wegen der verspäteten Eröffnung des Hauses leider nur bis zum 21. Oktober gezeigt werden kann, ist auch das Familienbild zu sehen (Rückseite: »Zwei weibliche Akte«), jenes Großformat, das 2014 aufgerollt und schwer beschädigt in einem Schrank entdeckt und unter beachtlicher medialer Aufmerksamkeit restauriert wurde. Riedel hat ferner den »Verräter« (1921) ausgewählt, eine Kaltnadelradierung mit einem der ganz seltenen religiösen Motive – des biblischen Judas – in Böckstiegels Werk. Dazu Bilder aus dem Ersten Weltkrieg, den der Künstler nie als Bühne für Heldentum verstand, sondern stets als Quelle von großem Leid, wie sein »Kinderbegräbnis« aus Südrussland und einen Weltkrieg später dann ein Blick auf das völlig zerstörte Dresden beweisen.

Im Künstlerhaushalt fanden sich auch eine Kaffeekanne und eine böhmische Madonna mit Kind, die in Werther nun neben eben jenem Bild stehen, für das Böckstiegel die Gegenstände um eine große Amaryllis gruppierte. »Kein Meisterwerk«, wie Riedel ehrlich zugibt, aber dennoch eine Trouvaille: Das unbekannte Gemälde, offenbar 1944 direkt nach seiner Entstehung unter schwierigen Umständen verkauft, fand aus Hamburger Privatbesitz den Weg nach Ostwestfalen.

Wer diese erste Ausstellung besucht, geht den Lebensweg des Künstlers nach. Dass dies möglich wurde, dankt der Kunstfreund dem finanziellen Engagement des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL; 600.000 Euro) sowie außerordentlich generösen privaten Geldgebern (1,2 Millionen Euro), der Stiftung (zwei Millionen) und des Kuratoriums – und natürlich dem Engagement des Böckstiegel-Freundeskreises und zahlreichen anderen ehrenamtlichen Helfern. Sven-Georg Adenauer, Landrat des Kreises Gütersloh, spricht von einem »wichtigen Puzzlestück« im Bemühen des Kreises um ein kulturelles Profil.

Der Architekt André Habermann (vom Büro h.s.d. Lemgo) wollte bewusst kein bauliches Pendant zum Künstlerhaus schaffen Foto: Oliver Schwabe

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