Fr., 26.07.2019

Diese Probleme bereitet das Ratten-Geschäft 1,20 Euro gefroren und 9 Euro lebendig

Gerettet: Vivian Baumert und ihre Ratte »Copper«. Das Tier stammt aus einer Recklinghausener Wohnung. Dort lebten 100 Ratten eingeengt zusammen.

Gerettet: Vivian Baumert und ihre Ratte »Copper«. Das Tier stammt aus einer Recklinghausener Wohnung. Dort lebten 100 Ratten eingeengt zusammen. Foto: Hendrik Fahrenwald

Von Hendrik Fahrenwald

Werther (WB). Hundefutter, kaum Platz und ein bestialischer Gestank: 102 Ratten sind in der Wohnung. Sie sind Opfer eines aus der Kontrolle geratenen Hobbys oder eines skrupellosen Kalküls. Auf jeden Fall sind es zu viele. Wohin nur mit all den Ratten?

Es ist kein Einzelfall. Deshalb ist Vivian Baumert besorgt. Die 22-jährige Wertheranerin kümmert sich gerne um Farbratten, eine Zuchtform. Sogar so sehr, dass sie sich ins Auto setzt, quer durch Deutschland fährt, um Ratten zu sich nach Werther zu holen. Sie kommen aus meist schlimmen Verhältnissen. Sie leben auf viel zu engem Raum, bekommen billiges Hundefutter zu essen, haben Wunden und sind von Parasiten übersät. Meist sind es Ratten von Futtertierzüchtern, denen es so schlecht geht, sagt Baumert. Ihr Preis: 1,20 Euro das Stück. Tiefgekühlt, zusammen mit 5, 10 oder 25 Artgenossen vakuumiert und im Internet zum Kauf angeboten.

Am Sonntag setzt sich Baumert wieder ins Auto. Fährt nach Haßberge in die Nähe von Würzung. Dort sind eben jene 102 Ratten beschlagnahmt worden. Ein paar von ihnen wird sie mitnehmen, um sie selbst zu vermitteln.

Das Rattenzimmer

Für eine gerettete Ratte ändert sich das ganze Leben«, sagt Vivian Baumert. Sie wohnt mit ihrem Freund zusammen. Beide haben ein Schlafzimmer, ein Wohnzimmer und ein Rattenzimmer. Dort befinden sich acht eigene Ratten und bis zu 15 Pflegeratten. Sie leben in großen Käfigen, schaukeln auf ihren kleinen Hängematten. In den vergangenen zweieinhalb Jahren hat Baumert rund 100 Ratten aufgenommen und wieder abgeben. Ein paar sind an ihren Krankheiten gestorben, die meisten hat sie vor dem schnellen Tod gerettet. Ihr Preis: 9 Euro. Das ist die Vermittlungsgebühr. Ihre Kosten kann Baumert dadurch nicht decken. Nicht einmal die obligatorische Untersuchung des Rattenkots, mit der man einen Parasitenbefall erkennen kann.

Vor zweieinhalb Jahren hat sie die Rattenhilfe Teutoburger Wald gegründet. Die Gruppe gehört dem Verein der Rattenliebhaber und -halter in Deutschland an. Baumert arbeitet mit Tierheimen und andere Rattenhilfen in ganz Deutschland zusammen.

Bis zu 18 Babys

Vor allem bei Beschlagnahmungen oder anderen Großnotfällen mit sehr vielen Tieren ist die 22-jährige Chemiestudentin zur Stelle. Immer wieder müssen mehrere hundert Ratten ein neues zu Hause finden. »Wir haben viel zu viele Ratten«, sagt Baumert. Sie schätzt, dass allein in der Ferienzeit rund 600 Ratten in ganz Deutschland untergebracht werden müssen. Einige Züchter machen mit den Tieren ihr Geschäft. »Wer für Zooläden züchtet, interessiert sich nicht wohin die Ratten kommen«, sagt Baumert. Andere seien naiv. Denn wer geschlechtsreife Weibchen und Rattenböcke zusammenhält, wird schnell viel Nachwuchs bekommen. Schließlich kann ein Rattenweibchen bis zu 18 Rattenbabys alle drei Wochen bekommen. Bei anderen ist das Sammeln von Ratten und anderen Tieren schon zwanghaft. Das sogenannte Animal Hoarding erschwert Baumerts Arbeit (siehe Infokasten).

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