Sa., 09.11.2019

Christiane und Jochen Dammeyer aus Häger erlebten die Wendezeit in Berlin Hautnah am Weltgeschehen

Den Trabi-Stau an der Bornholmer Straße haben Christiane und Jochen Dammeyer fotografisch festgehalten. Im Kopf haben sie noch viel mehr Bilder aus der Wendezeit in Berlin.

Den Trabi-Stau an der Bornholmer Straße haben Christiane und Jochen Dammeyer fotografisch festgehalten. Im Kopf haben sie noch viel mehr Bilder aus der Wendezeit in Berlin. Foto: Brand

Von Margit Brand

Werther-Häger (WB). »Der Stau auf dem Ku’damm löst sich langsam auf...« Als Christiane und Jochen Dammeyer am Morgen des 10. November 1989 früh den Radiowecker hören, wundern sie sich nur. Was war in der Nacht in Berlin passiert? Sollten sie etwas verpasst haben? In der Tat. Aber immerhin kann das Ehepaar, das seit 1999 wieder in Häger lebt, heute behaupten, die vielleicht spannensten Jahre Berlins vor Ort und hautnah miterlebt zu haben.

Beruflich verschlug es die beiden EDV-Fachleute 1987 nach West-Berlin. Im nördlichsten Zipfel der eingemauerten Stadt waren sie zu Hause, im Stadtteil Frohnau. Der Weg zur Arbeit führte sie an jenem denkwürdigen Novembertag vor 30 Jahren wie jeden Morgen mit der S-Bahn allein zehn Minuten unmittelbar an der Grenzmauer entlang, die so unerwartet in der Nacht geöffnet worden war. Was das bedeutete, wurden beiden erst richtig bewusst, als sie am Bahnhof Friedrichsstraße umsteigen wollten.

Fröhliches Durcheinander

»Es herrschte ein riesiges, fröhliches Durcheinander. Kinderwagen wurden in dem Gedränge über die Köpfe hinweg getragen. Und in der S-Bahn saßen Ostdeutsche, die mit Tränen in den Augen in den Westteil der Stadt fuhren«, schildert Jochen Dammeyer (71) Szenen, die ihm tief ins Gedächtnis gebrannt sind. Bei »Kaiser’s« wurden Lebensmittel verteilt, eine Brauerei schenkte Bier aus. Später gab es kostenlose Konzerte der Philharmonie oder der abrückenden Allierten. »Es war eine tolle, euphorische Stimmung«, erinnert sich Christiane Dammeyer.

»Einfach mal gucken«

Mögen die beiden am Abend des 9. Novembers 1989 nach einem Saunabesuch auch müde ins Bett gefallen sein, ohne noch einmal Nachrichten zu schauen: Rücklblickend sind sie vor allem dankbar, die folgende Zeit des Auf- und Umbruchs mitten in Berlin miterlebt zu haben. »Wir hatten Berlin vor der Wende kennen gelernt. Wir fühlten uns im wunderbar grünen Frohnau wohl und hatten gelegentlich auch Ausflüge in den Ostteil gemacht«, erzählt Christiane Dammeyer (61). »Aber nun auf die andere Seite ›einfach mal gucken‹ zu gehen, das war so viel wertvoller als ein geplanter Spaziergang Unter den Linden.«

Spontane Straßenparty

Gerne denken die Hägeraner an die spontanen Partys zurück, die immer dann gefeiert wurden, wenn die Mauer mit einem Bagger aufgebrochen und Straßenzüge wieder miteinander verbunden wurden. Oder an die Spaziergänge im Grenzstreifen, der hinterm Haus unmittelbar an der Havel zum Greifen nah und bis vor kurzem doch unerreichbar war. Bis heute wundern sich die Dammeyers insgeheim, weshalb Freunde und Verwandte nicht neugierig zu Besuch kamen, um mit eigenen Augen zu erleben, wie die deutsche Teilung endete.

Überall Baukräne

Viele Eindrücke hat das Paar fotografisch festgehalten. Und die enden wahrlich nicht mit Blicken über die Mauer. Immer wieder dominieren Baukräne die Bilder, die in den Folgejahren entstanden. Als der einst stillgelegte Bahnhof an der Bornholmer Brücke neue Gleise bekam, als auf dem Brachland des Potsdamer Platzes moderne Glastürme entstanden, als Architekten sich im Regierungsviertel auslebten – immer war Dammeyers Kamera dabei und dokumentierte den äußeren Wandel der neuen Hauptstadt.

Nachts am Reichstag

Und natürlich sind Fotos vom verhüllten Reichstag aus dem Sommer 1995 dabei. Christo und Jean-Claude bescherten der Stadt ein Ereignis, das die beiden Hägeraner fast 25 Jahre später noch schwärmen lässt. »Es war eine so gelöste, friedliche Stimmung«, erinnert sich Christiane Dammeyer und erzählt lachend davon, dass ihr Mann und sie spät nachts auf einem Heimweg dachten, ein Umweg am Reichstag vorbei würde ihnen vielleicht einen ungestörten Moment am Fuße des Kunstwerkes bescheren. »Weit gefehlt. Auch mitten in der Nacht tummelten sich dort die Menschen.«

Leider nicht dabei

Eine Sache ärgert Jochen Dammeyer, damals bei IBM beschäftigt bis heute: So gerne hätte wäre er dabei gewesen, als sein Arbeitgeber die Infrastruktur für die ersten freien Wahlen in der DDR im März 1990 aufbaute. Sein Chef aber war überzeugt, er sei an anderer Stelle unabkömmlich. Das nimmt Dammeyer ihm bis heute ein bisschen übel. Vielleicht wäre das die Krönung der spannenden Jahre in Berlin gewesen. Der berührenste Moment in der Zeit sei indes etwas anderes gewesen. »Als wir unmittelbar nach der Öffnung kurz vor Weihnachten 1989 bei strömendem Regen durch das Brandenburger Tor gingen, da hatte ich Tränen in den Augen.«

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