Do., 05.12.2019

Bestatter Küstermann aus Werther über eine veränderte Erinnerungskultur Virtuelle Kerzen für Verstorbene

Ungewöhnlich: Eine zum Tisch umgebaute Stadionlampe von Rot-Weiß Essen steht auf dem Fan-Friedhof in einer Sitzgruppe. Fußballfans können sich in Essen neben dem Grab von Vereinsgründer Georg Melches bestatten lassen.

Ungewöhnlich: Eine zum Tisch umgebaute Stadionlampe von Rot-Weiß Essen steht auf dem Fan-Friedhof in einer Sitzgruppe. Fußballfans können sich in Essen neben dem Grab von Vereinsgründer Georg Melches bestatten lassen. Foto: dpa

Von Anna-Lisa Tibaudo

Werther (WB). „Wir bemerken in den vergangenen 20 Jahren eine Veränderung in der Erinnerungskultur“, sagt Reimar Küstermann in den Räumen seines Bestattungshauses. Ein Anlass, um jetzt gemeinsam mit Ehefrau Mareike einen Vortrag über die Erinnerungskultur im Bestattungswesen im Wandel der Zeit zu geben.

Wie möchte ich mich an den Verstorbenen erinnern? Wie würde es der Verstorbene wollen? Ein Streifzug über deutsche und internationale Friedhöfe zeigt, welche Gestaltungsmöglichkeiten es früher gab und heute gibt: Große und kleine Grabsteine, Christuskreuze, diverse Skulpturen bis hin zu repräsentativen Grabgebäuden. Auch die Inschriften, die an Verstorbene erinnern, sind vielfältig. Was wo erlaubt ist und was nicht, ist in der Satzung der jeweiligen Friedhofsverwaltung nachzulesen. Das kann Ärger vorbeugen.

„Beerdigungen finden zunehmend im engsten Familienkreis statt. Tendenziell wird gemutmaßt, dass die Hinterbliebenen sich scheuen, andere in ihrem Alltagsablauf zu stören. Oder dass sie vermeiden möchten, in eine emotional unangenehme Situation zu kommen“, so Reimar Küstermann. „Vermutet wird auch, dass sie wenig Erfahrung im Umgang mit Beerdigungen haben.“

Oft halten auch Freunde eine Trauerrede

War es früher üblich, den Trauergottesdienst in der Kirche mit Pfarrer zu gestalten, findet dieser nun teilweise in den Räumen des Bestattungsinstituts statt. Ein Laienprediger wird engagiert, oder Freunde des Verstorbenen übernehmen die Trauerrede. Neben religiösen erklingen oft weltliche Lieder. „Die Zunahme von Trauerfeiern dieser Art ist auch bei Verstorbenen, die zur Kirche gehörten, zu beobachten“, sagt Mareike Küstermann.

Zum Kaffeetrinken, das ebenfalls zur Erinnerungskultur gehöre, habe sich ebenfalls eine neue Note hinzugesellt: Einige Familien gehen beispielsweise dazu über, Fotobücher oder virtuelle Diashows per E-Mail als Erinnerung mitzugeben. Oder sie stellen eine Geschenkbox mit Utensilien des Verstorbenen auf, beispielsweise mit dessen Brille oder Schal. Daraus darf sich, wer möchte, etwas herausnehmen und mitnehmen. Eine weitere Möglichkeit bietet das Kondolenzbuch, in dem die Gäste ihre Gedanken zum Verstorbenen hinterlassen können. Dieses Buch wird später vervielfältigt und als Erinnerung verschenkt.

Schmuckstück mit persönlichen Dingen des Verstorbenen

Neue Wege, Anteilnahme auszudrücken, bieten auch Erinnerungsportale im Internet, die viele Tageszeitungen bereitstellen. Dort können virtuelle Kerzen für die Verstorbenen angezündet und ein Kommentar hinterlassen werden. „Das möchten besonders junge Menschen“, sagt die Bestatterin. Zunehmend möchten Hinterbliebene etwas Persönliches des Verstorbenen (etwa Fingerabdruck oder Haarlocke) in Form eines Schmuckstücks bei sich tragen.

Da Urnenbeisetzungen zwei Drittel aller Beerdigungen ausmachen, verändern sich zwangsläufig die Friedhöfe. Die Nachfrage nach Friedwäldern und Gemeinschaftsgräbern steigt, auch anonyme Bestattung, Seebestattung und Bestattung auf Streufeldern finden ihre Anhänger.

„Es gibt fast unübersichtliche Möglichkeiten“, sagt die Bestatterin. Wer als Hinterbliebener einen Ort brauche, um den Verstorbenen zu besuchen, sollte sich vorher überlegen, was zu seiner eigenen Erinnerungskultur passt.

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