Wie Student Milan Spendel (24) in Japan die Corona-Krise erlebt
Ein Ostwestfale in Kyoto

Werther/Kyoto (WB). Von OWL bis nach Kyoto sind es gut 9000 Kilometer, oder anders gesagt: elf Flugstunden. In der alten japanischen Kaiserstadt studiert Milan Spendel aus Werther im Kreis Gütersloh für fast ein Jahr. Der 24-Jährige ist dabei mitten in die Corona-Pandemie geraten – und erlebte die Krise in einem ganz anderen Kulturkreis.

Montag, 08.06.2020, 08:36 Uhr aktualisiert: 08.06.2020, 08:40 Uhr
Student Milan Spendel in Kyoto. Das Foto entstand Mitte März. Der Notstand wurde in Japan vor zwei Wochen landesweit beendet. Von Reisen zwischen den Präfekturen wird aber noch abgeraten. Foto:
Student Milan Spendel in Kyoto. Das Foto entstand Mitte März. Der Notstand wurde in Japan vor zwei Wochen landesweit beendet. Von Reisen zwischen den Präfekturen wird aber noch abgeraten.

„Die schlimmste Zeit für mich in Japan war Anfang März“, blickt Milan zurück. „Es herrschte eine große Ungewissheit, weil niemand abschätzen konnte, wie gravierend die Pandemie werden würde. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt auch nicht, wo ich in einer Woche sein würde.“ Die meisten seiner Freunde, die in anderen Teilen der Welt ihr Auslandssemester gemacht haben, mussten schnellstmöglich zurück nach Deutschland. Milan konnte bleiben – und bereut es bis heute keineswegs.

Der 24-Jährige lebt in Kyoto in einem Wohnheim für internationale Studenten. „Da das Wohnheim recht klein ist, geht es hier ziemlich familiär zu.“ Sein Auslandsjahr begann im Oktober 2019 und endet in diesem August.

Auch die Sorgen der vergangenen Wochen wegen der Corona-Pandemie sind inzwischen verflogen. Dabei ist auch das Leben in Japan nicht mehr so wie vor der Krise. Und sein Studium der Volkswirtschaftslehre läuft ganz anders ab als noch vor wenigen Wochen – Onlinekurse statt Präsenzunterricht. „Das klappt auch ganz gut“, sagt Milan.

Neuinfektionen auf ein niedriges Level gesunken

Japans Ministerpräsident Shinzo Abe hatte erst Anfang April den Notstand ausgerufen, ihn dann verlängert bis Ende Mai. Jetzt, Anfang Juni, öffnen die Schulen wieder. Japan ist mit nur 900 Covid-19-Toten und 17.500 Infektionen überraschend gut durch die Corona-Krise gekommen. Und ging dabei auch einen anderen Weg als Deutschland, berichtet Milan.

„Es ist in Japan nicht möglich, Maßnahmen wie Kontakt- und Ausgangssperre oder einen Lockdown wie in Deutschland oder vielen anderen Ländern in Europa durchzusetzen – verfassungstechnisch“, erläutert der Student. Doch der Ausruf des nationalen Notstands und der Appell von vielen Gouverneuren der einzelnen Präfekturen habe ausgereicht, um das öffentliche Leben ein gutes Stück herunterzufahren.

„Die Regierung hat die Bevölkerung darum gebeten, die sozialen Kontakte um etwa 80 Prozent zu verringern“, sagt Milan. Mit anderen Worten: Die Menschen sollten zu Hause und Geschäfte zeitweise geschlossen bleiben. Milan: „Falls sie sich nicht daran halten, gibt es keine rechtlichen Folgen. Im Prinzip ist die gesetzliche Lage hier sehr ähnlich zu Schweden.“

Die offiziellen Zahlen für Neuinfektionen sind inzwischen auf ein niedriges Level gesunken, am 4. Juni waren es noch 134 neu Infizierte. Dennoch sei die Stimmung getrübt, da das soziale Leben immer stärker heruntergeschraubt wurde. Dies sei gerade in der „Goldenen Woche” Anfang Mai schmerzhaft gewesen, berichtet Milan weiter. Die „Goldene Woche” gilt mit ihren vier Feiertagen als die Hauptreisewoche im Land. Milan Spendel: „Dazu muss man wissen, dass Japaner viel weniger Urlaub haben als Europäer – für viele Japaner ist die Goldene Woche daher die einzige Möglichkeit im Jahr zu verreisen.“

Gut vorbereitet ins Auslandsjahr

Aber auch Milan musste sich einschränken. „Freunde treffen ist in der Theorie ohne weiteres möglich, jedoch kenne ich eigentlich niemanden, der außerhalb seines Wohnheims noch viele Leute trifft. Jeder nimmt die Situation hier ernst und man trifft sich nie mit mehr als ein oder zwei Personen – und wenn, dann ausschließlich draußen, da alle Wohnheime den Besuch von Gästen strengstens untersagt haben.“

Neben Milan gibt es noch weitere internationale Austauschstudenten in Kyoto. Deren Zahl habe sich aber stark verringert, da zwar viele Leute nach dem Semester gegangen sind, zum April aber fast keine neuen Austauschstudenten hinzukamen.

Für sein Auslandsjahr in Japan hat sich der Wertheraner gut vorbereitet. „Ich habe in Heidelberg Sprachkurse der Uni belegt und habe auch letztes Semester einen Intensivkursus an der Uni Kyoto absolviert. Da die Präsenzlehre dieses Semester nicht stattfindet, habe ich seit Januar nun leider keinen Sprachunterricht mehr gehabt“, bedauert der 24-Jährige.

Japanisch zu lernen, sei im allgemeinen sehr schwierig. „Um etwas Lesen zu können, muss man mindestens 2000 Schriftzeichen beherrschen, die aber leider je nach Kontext eine andere Aussprache und/oder eine andere Bedeutung haben.“

Völlig fremde Kultur

Dass Milan sich für Kyoto entschieden hat, habe sowohl akademische als auch kulturelle Gründe. So sei die Uni Kyoto eine der führenden Forschungsuniversitäten der Welt und die Uni mit den meisten Nobelpreisträgern in Asien. „Für meinen Schwerpunkt im Studium – Verhaltensökonomik und Spieltheorie – gibt es hier mehrere Professoren, die einflussreiche Forschung betreiben.“

Gereizt habe ihn aber auch die völlig fremde Kultur, sagt Milan. „Speziell die japanische ist einfach einzigartig mit ihren eigenen Normen und Werten, von denen sich einige trotz rapider Modernisierung in den letzten beiden Jahrhunderten gehalten haben.“ Und gerade in diesem Punkt fand der Deutsche Kyoto als alte Hauptstadt interessanter als die Metropole Tokio. Auf Anhieb imponiert habe ihm die Art und Weise, wie in der japanischen Gesellschaft aufeinander Rücksicht genommen wird. „Der gegenseitige Respekt ist ungemein wichtig und sehr tief in der Kultur verankert“, hat Milan erfahren.

Seine Zeit in Japan nähert sich allmählich dem Ende zu. „Wenn ich zurück in Deutschland bin, werde ich meine Abschlussarbeit beginnen und mein Studium in Heidelberg damit beenden.“ Und wie es dann weitergeht, sei derzeit noch offen.

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