SPD-Bürgermeisterkandidat für Werther Veith Lemmen setzt auf andere Formen der Kommunikation
Wertvolles bewahren, Neues anstoßen

Werther (WB). Schon früh hat die SPD sich positioniert. Kurz nachdem Bürgermeisterin Marion Weike bekannt gab, nicht wieder antreten zu wollen, brachte die Partei einen Nachfolger ins Spiel: Veith Lemmen (36), bislang vor allem auf Landes- und Bundesebene für die SPD aktiv. Doch ganz bewusst habe er sich für die Kleinstadt und gegen die große Politik entschieden, sagt er im WB-Gespräch mit Margit Brand.

Samstag, 18.07.2020, 08:00 Uhr
Das Ambiente der Innenstadt (wie hier mit dem Storck-Haus im Hintergrund) hat es Veith Lemmen angetan. Diesen Schatz gelte es zu schätzen, sagt er. Sein Wahlkampf-Motto ist es, Werther „lebenswerther“ zu machen. Foto: Margit Brand
Das Ambiente der Innenstadt (wie hier mit dem Storck-Haus im Hintergrund) hat es Veith Lemmen angetan. Diesen Schatz gelte es zu schätzen, sagt er. Sein Wahlkampf-Motto ist es, Werther „lebenswerther“ zu machen. Foto: Margit Brand

 

Sie waren während Ihres Studiums auch als Zeitungsjournalist tätig. Welche Frage hätten Sie dem Bürgermeisterkandidaten Veith Lemmen gerne gestellt?

Veith Lemmen: Vielleicht diese: „Was machen Sie als erstes, wenn Sie im Amt gewählt werden?“

 

Und was antworten Sie darauf?

Lemmen: Ich möchte im Bereich Kommunikation und Moderation neue Formate etablieren. Ich bin überzeugt, dass sich so unterschiedliche Gruppen und Interessen gut zusammenbringen lassen. Das Tolle an Werther ist ja: Hier wird Kritik geübt und trotzdem ist eine Offenheit für Verbesserungsvorschläge da. Da lässt sich eine Menge erreichen.

 

Und hier unsere erste Frage: Wo ist der Hut geblieben?

Lemmen: Der ist nach wie vor oft auf meinem Kopf. Ich bin und bleibe überzeugter Hutträger. Aber tatsächlich trifft man mich oft auch ohne Hut an. Kirche, Plenarsaal, Büro, offizielle Termine: Da hatte und habe ich nie einen auf.

 

Aber er ist doch mehr als ein Accessoire. Diente er als Erkennungszeichen in einer Stadt, in der Sie niemand kannte?

Lemmen: Absolut, er ist mein Markenzeichen. Wir haben ja nicht ohne Grund auf dem Christkindlmarkt Hut-Kekse verteilt.

 

Vor etwa einem Dreivierteljahr wurde der Gedanke für Sie konkreter, in Werther als SPD-Kandidat ins Rennen zu gehen. Wie hat sich Ihr Blick auf die Stadt seitdem verändert?

Lemmen: Seit 2016 bin ich hier viel unterwegs und habe mich ein bisschen in die Stadt verliebt. Diese Fachwerkhäuser, das Ambiente... Das ist ein Schatz, den man schätzen sollte! Inzwischen schaue ich genauer hin, um zu sehen, wo etwas im Argen liegt und verbessert werden kann. Es ist fast ein bisschen Detektivarbeit und macht mir große Freude.

 

Wo muss Werther denn „lebenswerther“ werden, um einmal ihren Slogan zu zitieren?

Lemmen: Die drei Bereiche Familie, Generationensolidarität und Ehrenamt möchte ich in den Mittelpunkt rücken. Da gilt es Wertvolles zu bewahren und Wichtiges neu anzustoßen. Zum Beispiel eine sichere, saubere und komfortable Mobilität, die alle Verkehrsarten berücksichtigt. Neuer Wohnraum, der sich gut in die Stadt einfügt oder ein gesunder Branchenmix. Das sind zum Teil sicher dicke Bretter. Aber die zu bohren ist letztlich kein Hexenwerk. Und einen Goldesel im Keller braucht es dazu auch nicht.

 

Ein Rheinländer in Westfalen: Ist es ein Vor- oder ein Nachteil, als einziger Kandidat nicht von hier zu kommen?

Lemmen: Beides. Auf jeden Fall habe ich keine vorgefestigten Diskussionslinien im Kopf und kann unvoreingenommen zuhören, Ideen entwickeln und umsetzen. Da mache ich mein Handwerk gut und bringe den entsprechenden Willen mit.

 

Wo sehen Sie Werthers größte Baustelle?

Lemmen: Gemeinsam mit Anwohnern, Einzelhändlern, Besuchern, Flaneuren und sonstigen Beteiligten Werthers schöne Innenstadt als Anlauf- und Orientierungspunkt dauerhaft festigen.

Ganz konkret: Wo sähen Sie gerne eine Baustelle – so eine richtige mit großem Bagger und so?

Lemmen: Manchmal reicht vielleicht schon ein kleiner Bagger oder auch eine Schaufel... zum Beispiel beim Erhalt von Straßen und Wegen. Die Blotenberg-Siedlung steht an und für Weco wünsche ich mir auch ein Vorankommen – wohlwissend, dass das nicht vom Himmel fällt.

 

Wie ist Ihre Vision für den Hof Overbeck?

Lemmen: Das ist ohne Zweifel für das Stadtbild ein wichtiges Gebäude. Wenn ich helfen kann, Eigentürmer und Investoren zusammenzubringen – gerne. Aber ich will keine falschen Versprechungen machen, dass die Stadt sich da mit Geld einbringt.

 

Haben Sie Sorge, dass die Corona-Folgen eine riesige Bürde für den neuen Bürgermeister werden könnten?

Lemmen: Das Thema wird uns ohne Zweifel weiter begleiten. Ich beschäftige mich bereits intensiv mit den Verordnungen, aber auch mit dem Stand der Wissenschaft. Denn einst klar: Nach dem Amtsantritt am 1. November gibt’s keinen Sandkasten – da muss der Neue sofort auf den Platz. Ich empfinde das nicht als Bürde. Wer sich nicht zutraut, die wirtschaftlichen, gesundheitlichen, aber auch sozialen Folgen in den Griff zu bekommen, sollte gar nicht erst kandidieren. Der große Lockdown hat gezeigt, wie gut diese Stadt zusammen hält. Darauf lässt sich aufbauen.

 

Sie wurden in Berlin als Königsmacher gehandelt, nachdem sie den parteiinternen Wahlkampf für das Vorstandsduo Esken/Walter-Borjans ins Ziel brachten. Sie hätten dort Karriere machen können, zumal Ihre Frau Wiebke Esdar Bundestagsabgeordnete ist. Warum haben Sie sich dagegen entschieden?

Lemmen: Ich habe 15 Jahre Verwaltung- und Führungsarbeit gemacht. Immer gerne und mit Vollgas. Aber ständig war ich überregional unterwegs wie im Hamsterrad. Das hat mir nicht gut getan, denn ich wollte sesshaft werden, eine Familie gründen. Ich weiß um meine Fähigkeiten, die ich gern konkret vor Ort einbringe.

 

Da war die Anfrage, in Werther zu kandidieren, an diesem persönlichen Wendepunkt wie ein Segen?

Lemmen: Ja, manchmal gehen Türen auf, wo man es gar nicht erwartet. Auch meine Frau und ich hatten gedacht und gehofft, dass Marion Weike noch einmal antritt. Es gab in der Vergangenheit andernorts durchaus Anfragen zu kandidieren oder eine Dezernentenstelle anzunehmen. Aber diesmal hat's einfach gepasst.

 

Und wenn's in Werther nicht klappt?

Lemmen: Das Risiko besteht bei einer Wahl immer. Aber Berlin reizt mich im Moment überhaupt nicht.

 

Aber das Netzwerk bleibt? Nicht alle Probleme wird Werther allein lösen können...

Lemmen: Ohne Zweifel. In den vielen Konjunkturpakteten, die aktuell geschnürt werden, stecken gute Möglichkeiten für Werther.

 

Wofür wünschen Sie sich einen dicken Scheck aus Düsseldorf oder Berlin?

Lemmen: Digitale Infrastruktur, Mobilität, aber auch regionale Netzwerke – das liegt mir am Herzen. Da lässt sich sicher Geld hebeln. Und auch wenn das nur bedingt ein städtischer Aufgabenbereich ist: Auch für die Aufforstung müssen wir uns stark machen. Wir müssen den Teuto bewahren.

 

Kommunalwahl ist nicht Bundestagswahl, das wird von Lokalpolitikern gerne betont. Trotzdem: Haben Sie Bedenken, dass das Stimmungstief, aus dem die Bundes-SPD einfach nicht herauskommen will, abfärbt im September?

Lemmen: Ich glaube, dass die Menschen das gut und klug unterscheiden können. Das spielt nur eine untergeordnete Rolle.

 

Bei vier Kandidaten ist eine Stichwahl sehr wahrscheinlich. Wer schafft es bis dahin?

Lemmen: (lächelt) Ich räume mir selbst gute Chancen ein... Gegen wen ich antreten muss, lässt sich bis dato schwer einschätzen. Der Wahlkampf hat gerade erst begonnen.

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