Werthers Stichwahl-Kandidaten Lemmen (SPD) und Decius (UWG) im exklusiven Doppel-Interview
Am Süthfeld scheiden sich die Geister

Werther (WB). Wer löst Bürgermeisterin Marion Weike (SPD) nach 20 Jahren im Rathaus ab? Die Wertheraner haben die Wahl zwischen Veith Lemmen (37, SPD) und Johannes Decius (36, UWG). WB-Redakteurin Margit Brand hat die Stichwahl-Kandidaten an einem Tisch zum Gespräch gebeten.

Dienstag, 22.09.2020, 07:34 Uhr aktualisiert: 22.09.2020, 07:36 Uhr
Kommenden Sonntag entscheiden die Wertheraner, wer ihr neuer Bürgermeister wird. Zur Wahl stehen Veith Lemmen (links) und Johannes Decius. Im Garten des Böckstiegel-Museums lassen sie den Wahlkampf Revue passieren und blicken auf eine mögliche Amtsperiode voraus. Foto: Margit Brand
Kommenden Sonntag entscheiden die Wertheraner, wer ihr neuer Bürgermeister wird. Zur Wahl stehen Veith Lemmen (links) und Johannes Decius. Im Garten des Böckstiegel-Museums lassen sie den Wahlkampf Revue passieren und blicken auf eine mögliche Amtsperiode voraus. Foto: Margit Brand

 

Herr Decius, Sie haben erst spät und relativ spontan zugesagt, für die UWG anzutreten. Ganz ehrlich: Haben Sie damit gerechnet, dass es so konkret werden könnte?

Decius : Ich wäre nicht angetreten, wenn ich nicht eine Chance gesehen hätte. Was ich anpacke, mache ich immer zu 100 Prozent. Es war klar, dass es gegen Ralf Eckelmann eng werden könnte. Aber es hat ja am Ende gereicht.

 

Herr Lemmen, Sie dagegen haben wortwörtlich als erster den Hut in den Ring geworfen, sich komplett auf das Amt in Werther fokussiert und dafür anderes beiseite gelassen. Was wird, wenn’s nichts wird?

Lemmen : Stimmt, ich habe mir gut überlegt, dass ich das machen will – dauerhaft und mit Herzblut. Eine Entscheidung für Familie und deren Lebensmittelpunkt trifft man mit Mitte 30, nicht mit Mitte 50. Die großen Projekte möchte ich konkret angehen und die vielen eingesammelten Ideen auch umsetzen. Eine Niederlage wird jetzt wohl für jeden von uns schwer. Hohen Respekt habe ich deshalb dafür, wie Ralf Eckelmann damit umgegangen ist.

Aufregung im Netz

Was war für Sie der denkwürdigste Moment im Wahlkampf?

Decius : Ich musste leider erleben, dass nach der Wahl Aussagen von mir aus dem Zusammenhang gerissen und verfälscht im Netz auftauchten und sich die Leute bei Facebook echauffierten. Mir wurden auch unfaire Wahlkampfmethoden vorgeworfen, ohne dass das konkret benannt wurde.

Lemmen: Die vielen Gespräche und Vorschläge sind tolle Wahlkampferlebnisse. Natürlich wird auch Quatsch über mich verbreitet, aber ich bleibe fair. Das bestätigen mir auch die anderen Parteien, mit denen ich in einem guten Austausch zur Zukunft der Stadt stehe. Sprecht ihr vielleicht auch noch mal miteinander, da gibt es noch Verletzungen.

Decius : Gut, wir reden noch mal. Dann aber auch bitte konkret.

 

Lassen Sie uns die Wohnortfrage klären, Herr Lemmen. Mal abgesehen davon, was bei Facebook und anderswo diskutiert wird: Gibt es im Hause Esdar/Lemmen am Küchentisch Diskussionen darüber, wo der künftige Wohnsitz sein soll?

Lemmen : Nein. Klar ist: Familie geht vor. Zudem ist meine Frau bereits Bundestagsabgeordnete für Werther. Den Parteivorsitz in Bielefeld könnte sie laut Statuten auch wohnhaft in Werther weiter ausüben, falls sie und die Bielefelder das wünschen.

Decius : Es ist zum Teil unsäglich, was aus dieser „Wertheraner sein”-Diskussion gemacht wird. Ich wurde da sogar in die rechte Ecke gestellt. Dass wir beide niemanden ausgrenzen wollen, haben wir bei der Podiumsdiskussion der Ökumenischen Flüchtlingsinitiative klar herausgestellt. In Werther gibt’s rechts die CDU, links die SPD und zum Glück weiter außen nichts.

Lemmen : Ich nehme SPD und CDU vor Ort eher pragmatisch für Werther wahr.

 

„So geht’s nicht weiter“

Aber Sie präsentieren sich schon als „Werthers Echter”, Herr Decius. Können Sie nachvollziehen, dass das manche irritiert – etwa weil sie noch nicht so lange hier wohnen und trotzdem als wichtig wahrgenommen werden wollen?

Decius : Schwerlich. Wer ein Haar in der Suppe sucht, wird eins finden. Dass ich in Werther aufgewachsen bin, ist mein Alleinstellungsmerkmal. Mehr nicht. Den UWG-Slogan „Aus Werther, für Werther” gab’s schon vorher.

 

Nun sind zwei Kandidaten ausgeschieden, die sich mit Nachdruck für Klimaschutz stark gemacht haben. Wie werden Sie dieses Thema berücksichtigen?

Lemmen : Wir sind beide junge Väter und wissen, dass es so nicht weitergeht mit diesem Raubbau.

Decius : Ja, daran kommen wir nicht vorbei. Klimaschutz muss oben auf der Agenda stehen, auch bei Baugebieten. Für das Süthfeld II könnte man höchste Öko-Standards festlegen, die Vorbildfunktion für ganz Deutschland hätte.

Lemmen : Aber Flächenfraß ist das trotzdem. Die UWG hat 5,5 Hektar beantragt, ich bin da skeptisch. Selbst wenn man nur die Hälfte unserer Baulücken nutzbar machen könnte, entspräche das der hier vorgesehenen Siedlung. Die Mühe, das zu versuchen, muss man sich schon machen.

„Kein heiliges Biotop”

Decius : Wenn die Leute mit großem Grundstück ihren Garten nicht verkaufen wollen, dann werden wir sie nicht zwingen können. Genauso wenig einen alten Menschen, der sein großes Zuhause nicht ohne Not verlassen möchte. Das Süthfeld II ist doch kein heiliges Biotop, sondern Ackerfläche! Wenn man andernorts Böden drei Jahre lang nicht düngt und spritzt, entsprechen sie auch wieder den Bio-Vorgaben.

Lemmen : Zur Wahrheit gehört auch, dass die Autos aus einer Süthfeld-II-Siedlung zu Stoßzeiten zum Einbiegen vom Schwarzen Weg auf die Bielefelder Straße quer durchs Wohngebiet stehen würden. Das vorliegende Verkehrsgutachten ist da nicht vollständig.

Decius : Ich fahre da jeden Morgen raus und habe kaum Autos vor mir. Sicher, das wird mehr. Aber dass die Straßen das nicht schaffen würden, halte ich für ein vorgeschobenes Argument.

 

Wo sehen Sie selbst den größten Unterschied zwischen sich?

Lemmen : In dem unterschiedlichen Rüstzeug, das wir mitbringen. Ich habe in der Sozialwirtschaft und in der Landtagsverwaltung Führungserfahrung gesammelt. Und das lernt man nicht erst im Amt, schon gar nicht in Coronazeiten, wo unter Umständen – was nicht eintreten möge – Krisenmanagement nötig ist.

Decius : In Sachen Führungserfahrung muss ich mich als Lehrer definitiv nicht hinten an stellen. Sei es durch die Stundenplanverwaltung oder auch durch die verschiedenen Projekte mit Eltern. Und Teams führe ich im Unterricht täglich mindestens drei. Ich habe mit allen Altersstrukturen zu tun.

Mit Pragmatismus

Mit Blick auf die unklaren Mehrheitsverhältnisse im neuen Rat: In welcher Rolle sehen Sie den Bürgermeister?

Lemmen : Es geht darum, was richtig für die Stadt ist, darin bin ich mit den anderen Parteien einig. Ich werde pragmatisch und uneitel zusammenführen, wie ich es immer getan habe.

Decius : Es muss mehr Mitein­ander als gegeneinander geben. Gräben müssen zugeschüttet werden. Dass mir anderes vorgeworfen wird, kann ich nicht nachvollziehen. Ich wäre bestimmt nicht Vorturner der UWG, sondern ein unabhängiger Bürgermeister. Wir müssen Pragmatismus walten und Befindlichkeiten beiseite lassen.

Tauschen wir zum Schluss noch die Wahlslogans. Wie wird Werther „lebenswerther”, Herr Decius?

Decius : Wir müssen schauen, dass sich der Teuto wieder erholt. Und junge Familien dürfen der Stadt nicht enttäuscht den Rücken kehren, nur weil sie nicht unter der Hand mitbekommen haben, wo demnächst vielleicht ein Haus verkauft wird.

 

Und was ist „100 Prozent Werther”, Herr Lemmen?

Lemmen : Wenn sich alle Wertheraner gemeinsam unterhaken und für ihre Stadt so zusammen 110 Prozent erreichen.

Lemmen fragt Decius

Du betonst, Neueinsteiger zu sein. Wie willst das Problem lösen, dass du auf anderen Ebenen, die viel für Werther entscheiden, nicht vernetzt bist – Stichworte Fördermitteleinwerbung, Regionalplanung, Abschaffung von Straßenbaubeiträgen?

Decius : Kontakte sind da ja zum einen über die Fraktionen vorhanden, und zum anderen kann man die aufbauen. Das ist eine meiner großen Stärken: Ich kann gut auf andere zugehen und habe eine schnelle Auffassungsgabe. Die ersten drei Monate würden für mich sicher anstrengend. Aber das wäre bei dir nicht anders. Du warst ja auch noch nie Bürgermeister.

Decius fragt Lemmen

Du bist Politprofi, aufgewachsen in und gefördert von der SPD. Wieviel aus dem „normalen Leben“ abseits der Politik muss man mitbekommen haben, um Bürgermeister zu sein?

Lemmen : Aufgewachsen bin ich in Kirche und Jugendarbeit, Vereins- und Sportarbeit. Ich bin erst relativ spät in die Politik gegangen, weil ich viele Ungerechtigkeiten erlebt habe, sei es Kinder- oder Altersarmut, Probleme von Menschen mit Behinderungen. Das hat mich bewogen, mich mit Empathie einzumischen, wie viele Ehrenamtliche in Werther.

 

 

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